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SZ-Adventskalender:Sturm vor der Ruhe

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15 Jahre lebt eine junge Mutter mit einem Mann zusammen, der sie beleidigt, belügt und betrügt. Als er mit dem Auto auf sie zurast, schafft sie den Absprung

Die Dreizimmer-Wohnung ist picobello aufgeräumt. Der Boden glänzt, nichts liegt oder steht herum, Tische, Kommoden, Schränke: alles frei. So frei wie Simone F. (Name von der Redaktion geändert). Die junge Frau hat vor ein paar Monaten Ordnung in ihrem Leben geschaffen. Hat sich nach 15 Jahren von einem Mann getrennt, der sie benutzte, beleidigte, belog und betrog. Der sie permanent alleine ließ mit den beiden gemeinsamen Kindern und der Verantwortung.

Endlich ist er weg und ihre neue Teilzeitarbeit und ein weiterer Job reichen auch aus, um über die Runden zu kommen. Doch jetzt liegt eine Räumungsklage im Briefkasten: Ihr Ex-Lebensgefährte hatte in den letzten Monaten seinen Mietanteil nicht gezahlt: Simone F. ist schockiert: "2000 Euro und sofort!", sagt sie mit Tränen in den Augen.

Die blasse Mutter kuschelt sich in die Ecke ihres Sofas. Die Ruhe, sagt sie mit leicht zitternder Stimme, "die Ruhe genieße ich jeden Tag". Kein Streit, keine Vorhaltungen, kein Stress, weil er wieder alles herumliegen ließ, damit sie es aufräumt. Und keine Angst.

Simone F.s kleine Statur sinkt zusammen, als sie ihre Geschichte erzählt. Geboren und aufgewachsen ist sie in Dortmund. Während ihrer Ausbildung (Hauswirtschaft und Pflege) wird sie mit 16 Jahren von ihrem Freund schwanger. Sie bricht die Ausbildung ab. Gemeinsam zieht die sehr junge Familie nach Karlsfeld - das zweite Kind wird hier geboren. Vor zehn Jahren finden sie die Wohnung in der Dachauer Siedlung. Ihr Zuhause. Der Lebensgefährte verdient gut, nur kümmert er sich wenig um die Kinder. "Eigentlich war ich damals schon Alleinerziehende", sagt Simone F. heute.

Seine Veränderungen fallen ihr erst langsam auf. Kleine Lügen, dann große. Anstatt in die Arbeit zu gehen, meldet er sich krank, hängt in Spielcasinos herum. Verschwindet, sobald er seinen Lohn hat, tagelang. Bringt Schulden nach Hause. Simone F., die nie ohne Job war, beginnt mehr zu arbeiten. In Restaurants und als Reinigungskraft. In den vergangenen Jahren spitzten sich seine psychologischen Probleme zu. Werden kaum erträglich. Die junge Frau zittert. "Ich habe mein Bestes gegeben. Habe ihm gesagt, er müsse zum Arzt oder in eine Klinik, aber er wollte nichts davon wissen."

Jeden Tag die "Drei Affen spielen": Augen zu, Ohren zu, Mund zu. Eifersucht und Paranoia - Streit ist an der Tagesordnung. Nach Hause zu gehen, wird für die junge Frau zur Kraftprobe. "Warum tue ich mir das an?", fragt sie sich täglich und vor allem nach dem Tod ihrer Mutter, der ihr vor Augen führt: "Ich habe nur dieses eine Leben und wenn ich etwas ändern will, dann muss ich es jetzt tun."

Vor zwei Jahren will sie sich trennen. Sie setzt ihrem Lebensgefährten ein Ultimatum, das er nicht einhält. Sie ignoriert ihn, schreibt bis zu 15 Bewerbungen am Tag, um eine besser bezahlte Arbeit, die trotzdem kinderverträglich ist, zu bekommen. Dann der Tag X. Simone F.s Stimme ist heiser, als sie darüber bis ins kleinste Detail erzählt. Wie sie damals heimkommt, nach einem langen Arbeitstag. Und wie er im Sofa sitzt so, wie sie ihn am Morgen verlassen hatte. Wie sie für die Kinder Abendessen kocht, aufräumt und dem Wunsch der Tochter nach einem Eis nachgibt. Es ist schon 21 Uhr, als sie noch schnell um die Ecke zu einem Schnellrestaurant losgehen. Plötzlich steht er hinter ihnen. Wütend. Schreiend. Behauptet, sie würde ihn betrügen. Sie gehen weiter. Er lauert, springt aus Gebüschen. Sie gehen weiter. Essen das Eis, laufen nach Hause. Kurz vor der Haustür rast ein Auto auf sie zu.

Simone F. zeigt ihren Lebensgefährten an. Sie glaubt zwar nicht, dass er sie wirklich überfahren wollte. "Doch das Fass ist überlaufen", sagt sie und richtet sich auf. "Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich versucht auszuhalten. Den Kindern wegen. Aber es reichte." Auf gerichtliche Anordnung muss der Mann die Wohnung verlassen.

Endlich Ruhe. Sie lächelt. Ihre Arbeit erlaubt es ihr zu Hause zu sein, wenn ihre Kinder kommen. Sie ist nicht gut bezahlt. Aber es reicht. Doch jetzt stellt sich heraus, dass der Betriebsurlaub im August nicht vergütet wird. Simone F. braucht Hilfe, um die laufende Miete zu zahlen. Sie wendet sich an die Bank, die ihr ein Darlehen verweigert, an das Jobcenter, das nur acht Euro im Monat in Aussicht stellen kann - später einmal. Sie geht zum Sozialamt, das sie zum Wohnungsamt schickt. Erst hier kommt zu Tage, dass bereits eine Räumungsklage gegen sie läuft, weil der Ex seit Mai seinen Mietanteil nicht gezahlt hatte. Sie schüttelt den Kopf. Nein, der Vermieter hatte sie nicht davon in Kenntnis gesetzt.

Simone F. wird zur Caritas weitergeleitet, die alle Hebel in Bewegung setzt. Auch die des SZ-Adventskalenders. Die starke Frau sitzt jetzt aufrecht auf dem Sessel. Sie sei sehr dankbar, dass sie jetzt Hilfe vom Adventskalender bekomme. Was ohne das Geld mit ihr und ihrer Familie passieren würde. Sie mag es sich nicht ausmalen.

Simone F. weiß nicht, wie sie zehn Jahre lang den Psychoterror aushalten konnte, aber sie weiß, dass sie es alleine schaffen will und wird. Ohne Schulden, aus eigener Kraft, sobald die Räumungsklage vom Tisch ist. Sechs Tage in der Woche arbeitet sie dafür und dass ihre inzwischen jugendlichen Kinder in ihrer gewohnten Umgebung weiter aufwachsen können. Ohne Streit und mit gemeinsamen Unternehmungen. Simone F. geht gerne mit ihnen hinaus. Bei jedem Wetter. Für sich selbst erhofft sie Stille "und ein freies Leben."