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SZ-Adventskalender:Auf gepackten Kisten

Ursula hat ihren Job verloren, jetzt wird ihr auch noch die Wohnung gekündigt. Aber ihr größte Sorge ist, dass ihr Sohn nicht genug Warmes zum Anziehen hat

Von Eva Waltl, Dachau

Der SZ-Adventskalender ist für notleidende Menschen da - und das ist in der Corona-Krise nötiger denn je. Wie erbarmungslos das Leben spielen kann, erlebt Ursula N. (alle Namen geändert) gerade am eigenen Leib.

Ursula geht die Treppe zu ihrer Parterrewohnung hinauf. Es sind nur fünf Stufen. In ihren Händen hält sie zwei Einkaufstaschen. Sie spürt die Last. Sie steht auf der Schwelle zu ihrer Wohnungstür, als ihr schlagartig ihre Beine versagen. Kraft hat die 44-Jährige schon lange keine mehr. "Es wundert mich ohnehin, wie mein Körper noch funktioniert", erzählt sie.

Die Wohnung ist dunkel. Drei Zimmer sind ungenutzt. Der Wasserschaden ist nur einer der Gründe dafür. Der Kühlschrank brummt laut. "Er frisst zu viel Strom", beklagt Ursula. Aber ein energiesparenderes Modell könne sie sich schlichtweg nicht leisten. Die schweren Vorhänge sind zugezogen, die große Terrasse steht leer. "Ich war schon seit knapp sechs Monaten nicht mehr auf der Terrasse", sagt sie. Auf dem Boden stehen braune Kartons. Sie sind gepackt. Es könne jeden Moment soweit sein, dass sie mit ihrem 21-jährigen Sohn ausziehen muss, wie sie erzählt. Es wird nicht genug Zeit bleiben zum Packen. Diesmal ist Ursula vorbereitet, es ist nicht die erste prekäre Situation in ihrem Leben. "Ich habe bereits einige Wohnungsräumung miterleben müssen. Es blieben nur etwa 15 Minuten, bis wir die Wohnung verlassen mussten", erzählt sie. Was nicht schnell genug gepackt ist, wird verpfändet. Jetzt ist sie besser vorbereitet: "Wir haben das, was uns wichtig ist, seit einiger Zeit in den Kartons verstaut." Viel sei das ohnehin nicht. Der Kleiderschrank ihres Sohnes ist weitgehend leer. Der Winter bricht an und warme Bekleidung fehlt.

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Die Wohnung ist zu groß und zu teuer. Seitdem ihr Expartner sie mit ihrem Sohn zurückgelassen hat - nicht nur mit einem Berg Schulden, sondern auch mit dem Wasserschaden - kann sich die alleinerziehende Mutter buchstäblich das Dach über dem Kopf nicht mehr leisten. Die Coronapandemie und die damit eingehergehende Kündigungen treffen auch sie. Im September verlor sie ihren Job und nun steht sie vor gepackten Kartons in einer Wohnung, die nicht mehr ihr Zuhause ist. Eine kleinere, bezahlbare Wohnung sucht sie seit elf Monaten. Erfolglos. In ihrer Bewerbung schreibt sie ehrlich über ihre derzeitige Situation. "Ich erhalte eine Aufstockung vom Jobcenter. Man bekommt dann sofort einen Stempel aufgedrückt." Bisher wurde sie zu keiner einzigen Wohnungsbesichtigung eingeladen, und jeden Tag, den sie länger in der zu teuren Wohnung bleibt, wächst ihr Schuldenberg. Sie bemüht sich darum, zuversichtlich zu bleiben. Trotz alledem. Nur selten versagt ihr die Stimme. Hin und wieder schluchzt sie leise. Der Sohn gibt ihr Halt. "Er ist der Grund, jeden Morgen aufzustehen und weiterzumachen."

Das Verhältnis der beiden war nicht immer unbeschwert, vielmehr zerrüttet. Angst bestimmt den Alltag der beiden. Ihr Sohn leidet an einer Sozialphobie und tut sich schwer in großen, aber auch in kleinen Menschenmengen zu sein. Er wechselte Kindergärten und Schulen, bekam aber nie die Förderung, die ihm vielleicht hätte helfen können. "Er zieht sich sehr zurück. Falls er das Haus verlässt, tut er das nur bei Dunkelheit. So wie ich", erzählt seine Mutter. In Diskotheken sei er noch nie gewesen, die S-Bahn meidet er. Auch Ursulas Leben wird von Angstzuständen bestimmt: "Ich schlafe seit vielen Jahren nur zwei oder drei Stunden." Kraft gibt ihr neben ihrem Sohn auch ihre knapp 70-jährige Mutter: "Sie ist ein Wirbelwind." Auch sie ist ein Grund für ihre hartnäckige Wohnungssuche in der Umgebung, denn sie möchte sie auf keinen Fall alleine zurücklassen.

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Was passiert wenn sie weiterhin keine Wohnung findet? Ein Anwalt verschafft ihr eine Frist von drei bis zwölf Tagen, wenn der Vermieter endgültig beschließt, dass sie ausziehen muss. Viel Hoffnung habe sie nicht mehr: "Wir werden in einen Container ziehen. Acht bis Zwölf Quadratmeter groß. Vielleicht bekommen wir zwei, das kann ich mir aber kaum vorstellen. Also werde ich mit meinem 21-jährigen Sohn auf engstem Raum zusammenleben, Privatsphäre gleich null." Aber sie würde das alles in Kauf nehmen, es sei "alles besser, als auf der Straße zu leben."

Wenn es Momente gibt - und die gibt es weiß Gott nicht selten - in denen ihr die Kraft versagt, ist da noch immer die Stimme ihres Sohnes: "Warum weinst du denn jetzt, Mama? Wir kriegen das alles hin." Deshalb macht sie weiter. Weil ihr Sohn sie so dringend braucht.

Der SZ-Adventskalender kann keine Wohnung zur Verfügung stellen, aber er kann die allergrößte Not lindern. Ursula ist froh und dankbar über die Unterstützung. Aber auch traurig, dass ihr das Schicksal so übel zuspielt. "Ich würde meinem Sohn gerne mehr Türen öffnen. Er soll eine echte Chance bekommen." Für sich selbst brauche sie nichts. Für ihren Sohn wünscht sie sich warme Winterbekleidung. Die Kälte wird eintreten, und sie will gewappnet sein. Für ihren Sohn.

© SZ vom 01.12.2020
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