SZ-Adventskalender Armut im Alter

Eine neue Brille, feste Schuhe, eine schöne Hose, die nicht bereits zigmal geflickt ist: Anna M. und ihr Mann müssen auf vieles verzichten.

Von Petra Schafflik

Ihre Locken hat Anna M. sorgfältig frisiert, über dem Mantel trägt sie ein hübsches Tuch. Würde die 73-Jährige jetzt von einer geplanten Kreuzfahrt im Mittelmeer erzählen, man würde es sofort glauben. Doch weit gefehlt. Nach einem arbeitsreichen Leben bleiben ihr, die zwei Kinder groß gezogen hat, gemeinsam mit ihrem Mann Josef gerade soviel Rente, dass ein Anspruch auf Sozialleistungen nicht besteht. "Wir haben ein paar Euro zu viel", erzählt Anna M., die allerdings nichts mehr fürchtet, als dass man ihr die finanzielle Notlage anmerken könnte. Weshalb sie sehr darauf achtet, stets gepflegt aus dem Haus zu gehen. Tatsächlich aber ist ihre finanzielle Situation schwierig. Für Miete und Fixkosten reicht das Geld, doch bereits am Essen muss Anna M. am Monatsende oft sparen. "Die letzte Woche bis zur Rentenauszahlung ist immer schwer, dabei achte ich auf Sonderangebote."

Symbolbild: Adventskalender Thema Altersarmut

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Beide Eheleute sind schwer und chronisch krank, Josef hat mehrere Operationen hinter sich, Anna leidet unter anderem an Rheuma, muss ständig schwerste Schmerzmittel nehmen. "Ich kann kaum noch gehen." Jeder Arztbesuch gerät zur Zitterpartie. "30 bis 40 Euro zahle ich jedes Mal für Medikamente dazu". Denn nicht alle Verordnungen übernimmt die Krankenkasse. Im Moment ist die Rentnerin verzweifelt, weil für einen längeren Klinikaufenthalt noch der Eigenanteil von zehn Euro pro Tag zu zahlen ist. Richtig peinlich sei ihr das gewesen am Tag der Entlassung. "Aber 280 Euro das geht einfach nicht, woher soll ich die nehmen." Gerne würde sie die Tochter unterstützen, die selbst durch eine schwere Krankheit aus dem Berufsleben gerissen worden ist und nun von Sozialleistungen lebt. Doch die Ersparnisse sind längst aufgebraucht. Sogar jobben würde Anna M., aber einen Zuverdienst kann sie schon gesundheitlich gar nicht herbeischaffen. "Ich kann einfach nicht mehr." Wegen der günstigen Miete ist Familie M. vor Jahren aufs Land gezogen. "Das war unser schwerster Fehler", sagt sie heute. Die Verkehrsverbindungen sind schlecht, "wir sind auf unser altes Auto angewiesen". Wieder ein Kostenfaktor, und die Preise für Benzin steigen unaufhörlich. Doch zurück in die Stadt kommt das Rentnerehepaar nicht mehr, selbst wenn es eine bezahlbare Wohnung fände. "Wir schaffen den Umzug schon körperlich nicht."

Vieles fällt ihr ein, was sie sich wohl nie mehr wird leisten können. Eine neue Brille in der richtigen Sehstärke, ordentliche feste Schuhe, in denen ihre kranken Beine Halt finden, eine schöne Hose, die nicht bereits zigmal geflickt ist. Auch ein Besuch in einem Café oder einem Speiselokal, so wie in früheren besseren Zeiten, würde dem Rentnerpaar große Freude bereiten.