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Strukturuntersuchung:Hoch hinaus

Die Stadt München prüft, ob in Ludwigsfeld und auf den Äckern ringsum neue Wohnblöcke entstehen können. Bis zu 2100 Einheiten könnten gebaut werden. In Karlsfeld ist man über die möglichen neuen Nachbarn wenig begeistert

In Karlsfeld ist man alarmiert. Die Baupläne der Stadt München direkt vor den Toren der Gemeinde gleich neben dem MAN-Testgelände nahe dem Burgfrieden, treibt Bürgermeister Stefan Kolbe tiefe Sorgenfalten auf die Stirn. Die Siedlung Ludwigsfeld soll in den nächsten Monaten und Jahren auf etwa 32 Hektar anwachsen. Ein Neubaukomplex mit möglichst vielen Wohnungen ist dort geplant.

Zur Zeit leben in der Siedlung etwa 3000 Einwohner in 660 Wohnungen. Doch wenn die Stadt München alle Möglichkeiten ausschöpft, können nach einem Verkehrsgutachten auf den Feldern nördlich von Karlsfeld bis zu 5000 neue Einwohner angesiedelt werden. Dazu müssten 2100 zusätzliche Wohnungen gebaut werden. "Es ist noch ein sehr frühes Stadium, alles ist noch vage", sagt Kolbe. Aber das Unbehagen der Karlsfelder ist greifbar. Eineinhalb mal so viele Einwohner wie bisher in Ludwigsfeld, bedeutet mehr Verkehr, mehr Lärm und vor allem mehr Kinder.

Kolbe will die massive Nachverdichtung auf Münchner Seite vorerst "kritisch beobachten". In einem internen Behördengespräch habe die Stadt ihn informiert, doch momentan sei der Grad der Verdichtung noch "nicht einschätzbar". "Wir können wenig verändern. Erst wenn wir im Verfahren beteiligt werden, können wir uns äußern, vorher ist das schwierig", sagt der Bürgermeister. Aber die Angst, dass die Verbandsgrundschule, deren Bau gerade erst begonnen hat, praktisch jetzt schon wieder zu klein ist, treibt ihn durchaus um. Auch, dass die neuen Einwohner der Siedlung Ludwigsfeld womöglich in die Kitas und Kindergärten in Karlsfeld drängen und die Gemeinde dann wieder neue Einrichtungen schaffen muss, bekümmert ihn. Denn das jährliche Defizit für Kinderbetreuung liegt schon jetzt bei 7,8 Millionen Euro, Tendenz steigend. Und Karlsfeld wird heuer einen gigantischen Schuldenberg anhäufen, Hauptgrund ist der Bau der Schule an der Krenmoosstraße. Bei dem Behördengespräch habe er der Stadt mit auf den Weg gegeben, dass die Neubaupläne keine Auswirkungen auf den Verband haben dürfe, sagt Kolbe. Als er eine erste Skizze gesehen habe, "war meine Begeisterung nicht groß". Allerdings sehe er auch ein, dass die Stadt München aus allen Nähten platze, sagt der Bürgermeister.

Anfang Juli soll die Strukturuntersuchung, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, dem Ausschuss für Stadtplanung und Bauordnung vorgelegt werden. Ob die Stadt die Planung weiterverfolgen will, muss dann die Vollversammlung entscheiden. Derzeit ist noch nicht klar, wie viele neue Wohnungen entstehen können. Der "durchgrünte, parkartige Charakter der Siedlung" soll nämlich erhalten werden. Das Ziel sei "eine qualitätvolle Entwicklung, die sowohl die Belange der Versorgung, der entsprechenden Infrastrukturen und Erholungsräume, Grün- und Freiflächen beinhaltet", heißt es in dem Dokument.

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Die Siedlung Ludwigsfeld könnte deutlich wachsen: Auf dem gelb markierten Gebiet sollen neue Wohnungen und eine Schule entstehen.

(Foto: Google Earth)

Bereits jetzt steht fest, dass eine Grundschule benötigt wird, sollte tatsächlich gebaut werden. Sie könnte bis zu fünfzügig sein und unmittelbar südlich des Sportplatzes gebaut werden. Bisher gibt es in der Siedlung nur einen städtischen Kindergarten und eine Förderschule, die sich in der Nähe befindet. Weitere Wohnblocks könnten Richtung Süden auf den jetzigen Ackerflächen bis auf etwa 150 Meter vor der A 99 entstehen. Die Felder gehören der Stadt, die dort preisgünstige Wohnungen errichten will. Allerdings machen sie weniger als ein Viertel des gesamten Geländes aus, das für neue Wohnungen infrage kommt.

Der Großteil der übrigen Fläche wurde vor zwei Jahren von drei Privatpersonen aufgekauft, die unter dem Namen "Wohnungsgesellschaft Ludwigsfeld" auftreten: Gert Billand, Stefan Heißerer und Alfred Hoschek. Sie stehen dem Führungspersonal der Patrizia Immobilien AG nahe, welche die Siedlung bereits 2007 unter viel Protest der Anwohner für 10,5 Millionen Euro vom Bund erworben hatte.

Im Eigentum der Patrizia wurden etwa 70 Prozent der Wohnungen aufwendig saniert, wofür das Unternehmen damals 23 Millionen Euro ausgegeben hat. Aus diesem Grund wollen die jetzigen Eigentümer die Häuser nicht abreißen oder aufstocken lassen. Das Planungsreferat steht mit den Eigentümern in Kontakt und habe mit ihnen bereits "grundsätzliche Überlegungen zu möglichen Flächennutzungen" angestellt, teilte es auf Anfrage der SZ mit.

Mit dem Ausbau soll sich die Infrastruktur der Siedlung verbessern. In der Strukturuntersuchung ist von einem "attraktiven Mittelpunkt" mit Geschäften und Dienstleistungen die Rede, weiteren Kitas und einem Nachbarschaftstreff. Zudem wollen die Planer auf die angespannte Verkehrssituation reagieren, indem sie eine bessere Verbindung zur Dachauer Straße herstellen und den Durchgangsverkehr durch die Kristallstraße verringern. Auch die Busverbindungen nach Feldmoching und Karlsfeld sollen verbessert werden.

Siedlung Ludwigsfeld in München, 2015

Zwischen den Bestandshäusern soll nachverdichtet werden.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Zumindest politisch beginnt bereits jetzt die öffentliche Diskussion. Beschließt der Stadtrat die Erarbeitung eines Eckdatenbeschlusses, der wesentlich konkreter als die vorliegende Strukturuntersuchung ist, will das Planungsreferat die Öffentlichkeit einbinden und die Bedürfnisse der Anwohner berücksichtigen. In welcher Form das geschehen wird, ist derzeit noch nicht bekannt, heißt es beim Planungsreferat. Der entsprechende Stadtratsbeschluss werde seit 2018 vorbereitet.

Eberhard Sommer von der örtlichen Interessengemeinschaft Ludwigsfeld (Iglu) fühlt sich jedoch von der Stadt hintergangen. Das Planungsreferat habe die Anwohner im Ungewissen gelassen, obwohl er mehrere Male zum Planungsreferat Kontakt aufgenommen habe. "Ich möchte wissen, warum dieser Strukturplan jetzt im Schweinsgalopp durch den Stadtrat gejagt wird", fragte Sommer in der jüngsten Sitzung des Bezirksausschusses Feldmoching-Hasenbergl. Stadträtin Heide Rieke (SPD) wies dies zurück: "Die Untersuchungen wurden lange entwickelt. Jetzt fängt der Bürgerdialog an."