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Straßennamen in Dachau:Männerdomäne Asphalt

Der Dachauer Bauausschuss benennt eine neue Straße nach der Mathematikerin Emmy Noether. Klingt nicht nach Sensation - ist aber eine: Von 522 Straßen im Stadtgebiet trugen bisher nur 17 den Namen von Frauen

Straßenschilder mit Namen von Frauen sind eine Seltenheit im Dachauer Stadtgebiet.

(Foto: Toni Heigl)

Seit gut 100 Jahren dürfen Frauen wählen, am 1. Juli 1958 trat das Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau "auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts" in Kraft - und doch ist nicht von der Hand zu weisen, dass Frauen auch im Jahr 2020 noch in vielen Bereichen benachteiligt werden. Man nehme nur einmal die Straßennamen: Von insgesamt 522 Straßen im Dachauer Stadtgebiet sind 244 nach Männern und gerade einmal 17 nach Frauen benannt. Hinzu kommen sechs Straßen, für die Frau und Mann gemeinsam Pate standen: Der Wallachweg ist beispielsweise nach dem Ehepaar Max und Melitta Wallach benannt, Inhabern einer Trachtenfabrik, die als Juden im November 1938 aus Dachau vertrieben und 1944 im KZ Auschwitz ermordet worden sind. Und die übrigen Straßennamen? Die sind weitgehend nach Flora und Fauna benannt.

Aufschlussreich ist auch, nach welchen Personen die Straßen benannt sind. Sind bei den Männern unter den Namensgebern viele (Dachauer) Politiker, Würdenträger, Maler, Widerstandskämpfer und über die Stadt hinaus bekannte Persönlichkeiten wie Beethoven oder Mozart sind es bei den Frauen praktisch ausschließlich Malerinnen, zum Beispiel Wilma von Friedrich, Paula Wimmer oder Tina Blau. Gerade einmal eine ehemalige Stadträtin hat es geschafft, dass eine Straße nach ihr benannt wurde: Margarethe Kron. Und dann gibt es natürlich noch Grenzfälle wie etwa die Krimhildenstraße. Das sind zwar streng genommen auch Straßen, die nach weiblichen Personen benannt sind, nur haben diese gar nicht existiert; es handelt sich um Sagengestalten.

Die wenigen Straßen mit Frauennamen sind auch ein Ausdruck dafür, dass es so weit mit der Gleichberechtigung der Geschlechter noch nicht ist.

(Foto: Toni Heigl)

Erstmals tatsächlich Gedanken gemacht habe man sich über Straßennamen ab dem Jahre 1901, sagt Stadtarchivar Andreas Bräunling. Davor hat man die Straßen einfach nach den Orten benannt, zu denen sie führen. Die Münchnerstraße stammt noch aus dieser Zeit. Ein Konzept, wie und nach wem Straßen benannt werden sollten, hatte das Marktmagistrat - heute ist das der Gemeinde- beziehungsweise Stadtrat - aber nicht. Und heutzutage? Kommen Benennungen von Straßen meist nur vor, wenn ein neues Viertel entsteht oder, wenn man sich, wie etwa im Fall des Max-Mannheimer-Platz - vormals Münchner Straße 7 - aktiv für eine Umbenennung entscheidet. Seit 1982 sei das aber, so Bräunling, nur sechs Mal vorgekommen - nach einer Frau wurde dabei keine Straße benannt.

Im Sinne des Bayerischen Straßen- und Wegegesetzes sollten Straßennamen möglichst klar und einprägsam sein. Aufgrund der Vorgaben für bundeseinheitliche Datensätze der Einwohnermeldeämter sollten Straßennamen aus maximal 25 Zeichen bestehen, damit sie bundesweit in allen Behörden verarbeitet werden können. Der Bayerische Städtetag empfiehlt zudem neutrale Straßennamen, beispielsweise nach natürlichen, geografischen oder geologischen Gegebenheiten, da es bei namensgebenden Personen oder Institutionen immer wieder zu Enthüllungen aus der Vergangenheit gekommen ist.

Gerade einmal 17 Straßennamen sind in Dachau nach Frauen benannt.

(Foto: Toni Heigl)

Aber wer entscheidet überhaupt, wie Straßen heißen sollen? Stadträte oder ganze Fraktionen, aber auch Privatpersonen können Vorschläge bei der Stadt einreichen, die dann auf einer Liste aufgeführt werden. Für denn Fall, dass mal wieder eine Straße benannt werden muss, können die Stadträte, die im Umwelt- und Verkehrsausschuss sitzen, dann aus dieser Liste einen Namen auswählen.

Zu einem ebensolchen Fall ist es am Donnerstag gekommen. Auf der Tagesordnung des Umwelt- und Verkehrsausschusses stand die Benennung einer neuen Straße im Gewerbegebiet südlich des Schleißheimer Kanals. Laut Beschlussvorlage hatte der derzeitige Eigentümer des Geländes beantragt, die Straße nach den Gebäuden zu benennen, unter denen er sie auch vermarktet. Seine Namensvorschläge lauteten "Am Nu Park" oder "Nu Park Allee". Aufgrund möglicher Eigentümerwechsel stand die Verwaltung diesem Vorschlag jedoch von Anfang an kritisch gegenüber - und lehnte den Namen ab.

Emmy Noether

Emmy Noether.

(Foto: Getty Images)

Die Stadträte hatten somit wieder nur die Liste des Stadtarchivs mit insgesamt 79 anderen möglichen Namen zur Auswahl - fünf davon von weiblichen Persönlichkeiten. Vorgeschlagen wurde aus dieser Liste Johann Mayerhanser, einst Bürgermeister von Augustenfeld, und der ehemalige Bundeskanzler Ludwig Erhard, der bis dato nicht auf der Liste stand und erst in der Sitzung vorgeschlagen wurde. Darüber hinaus hatte aber das Bündnis für Dachau schon vor der Sitzung einen Ergänzungsantrag gestellt und Emmy Noether als mögliche Anwärterin ins Rennen geschickt. "Das Bündnis für Dachau sieht es als zeitgemäß an, Straßennamen nach verdienten Frauen zu benennen", heißt es in dem Antrag. Die Liste des Stadtarchivs weise aber leider "nur sehr wenige Frauen als potenzielle Namensgeber auf", deshalb der Antrag. Noether ist eine der bedeutendsten Mathematikerinnen des 20. Jahrhunderts.

Für Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) ist es nach sechsjähriger Amtszeit das erste Mal, dass eine Straße neu benannt wird; der Max-Mannheimer-Platz war streng genommen nur eine Umbenennung. Über die Problematik, dass die Dachauer Straßen größtenteils nach Männern benannt sind, habe er sich bislang keine Gedanken gemacht, wie er im Vorfeld zugibt. Allerdings sei das Thema in der Sitzung kurz zur Sprache gekommen, so Hartmann, und als über den Namen "Emmy-Noether-Straße" abgestimmt wurde, habe man sich mit knapper Mehrheit - mit acht zu sieben Stimmen - für die Mathematikerin entschieden.

© SZ vom 15.02.2020
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