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Steigende Armut:Armutsfalle Boom-Region

Illustration -  Altersarmut

Wer sich nicht rechtzeitig absichert, bekommt im Alter oft die Folgen zu spüren. Dann reicht das Geld kaum mehr zum Leben.

(Foto: dpa)

Wegen des teuren Lebens im Dachauer Raum können viele Beschäftigte nicht mehr für das Alter vorsorgen. Als Rentner geraten sie in Not.

Der Sozialverband VdK schlägt Alarm: Wegen der steigenden Lebenshaltungskosten im Dachauer Raum haben viele Beschäftigte nicht mehr die Mittel, auch noch private Vorsorgemodelle und Absicherungen wie eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen. "Das führt dazu, dass viele im Alter auf Grundsicherungsniveau abrutschen", warnt VdK-Kreisgeschäftsführerin Stefanie Otterbein. Nach dem Eindruck des Vdk ist der soziale Erdrutsch längst im Gang. Ein Indikator dafür ist die enorm gewachsene Zahl der Mitglieder im Kreisverband. In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl um 800 Mitglieder auf etwas mehr als 6000 gestiegen.

Obwohl sich der VdK, die größte Selbsthilfeorganisation für sozialversicherte Arbeitnehmer, aber auch für Rentner, chronisch Kranke und Behinderte, als Solidargemeinschaft versteht, treten viele nur mehr dann ein, wenn sie selbst in Not geraten. Insofern betrachtet Kreisvorsitzender Anton Hassmann das gewachsene Gewicht seines Verbands "mit einem lachenden und einem weinenden Auge". Unter Hassmann ist der VdK stärker in die Öffentlichkeit getreten, das spielt sicherlich auch eine Rolle - aber eben nicht nur.

"Wir haben immer mehr Sozialabbau und eine Verlagerung der sozialen Sicherung ins Private", umreißt Stefanie Otterbein das Problem. Viele Arbeitnehmer befassen sich allerdings erst mit dem Thema, wenn sie bereits in Schwierigkeiten stecken, etwa bei Krankheit oder Kündigung. Und sind dann völlig überfordert. "Viele Leute kommen mit unserem Sozialsystem nicht mehr klar", sagt sie. "Die Rechtsprechung ist kompliziert geworden. Die Leute kennen sich nicht mehr aus." Der VdK hat seine Berater aufgestockt und im vergangenen Jahr 752 Verfahren begleitet. Es wurden 488 Anträge gestellt, 214 Widersprüche eingereicht und 50 Klagen. Die Summe der erstrittenen Nachzahlungen beläuft sich auf mehr als eine halbe Million Euro. Ohne fachkundige Fürsprecher stehen viele Versicherte auf verlorenem Posten. "Wo früher Kulanz war, wird heute rigide abgelehnt", sagt Otterbein.

"Jeder versucht das Problem auf den anderen abzuschieben"

Das hat auch und vor allem wirtschaftlichen Gründe. "Die Kassen sind leer", sagt VdK-Vorstandsmitglied Johann Willibald, der auch im Landesvorstand der Betriebskrankenkassen sitzt. "Jeder versucht das Problem auf den anderen abzuschieben." Willibald kennt die hohe Zahl falscher Bescheide, die bei der Widerspruchsstelle landen. Häufig geht es um Pflegeleistungen, die zu gering angesetzt werden. "Die pflegenden Angehörigen strengen sich an und die Krankenkassen nutzen das schamlos aus", sagt Willibald. Das ärgert ihn, weil die Angehörigen ihre Aufopferungsbereitschaft selbst mit einem erhöhten Armutsrisiko bezahlen. "Das System müsste geändert werden", sagt VdK-Kreisgeschäftsführer Anton Hassmann. "Man muss den Menschen als Ganzes betrachten."

Besonders große Sorgen macht sich der Verband um die wachsende Zahl jüngerer Arbeitnehmer, die sich von einem befristeten Beschäftigungsverhältnis zum nächsten weiterhangeln. Sie hätten kaum mehr eine Chance, später eine Rente zu bekommen, von der sie auch leben können. "Das ist für mich sozial absolut unverantwortlich", schimpft Johann Willibald. "Man raubt den jungen Leuten die Perspektive." Gleichzeitig stiegen die Managergehälter ungezügelt in immer größere Höhen. "Da stimmt was am System nicht", sagt Willibald, der auch als CSU-Politiker im Gemeinderat Karlsfeld sitzt. Solange sie jung sind und arbeiten können, tauchen die Betroffenen aber nicht beim VdK auf. Das passiert meist erst, wenn es schon fast zu spät ist. Der Sozialverband fordert daher auch eine besser Aufklärung in Schule und Elternhaus, wie sich Arbeitnehmer heutzutage sozial absichern können und müssen - natürlich immer vorausgesetzt, sie haben die nötigen Mittel dazu.

Der Armut folgt meist auch die soziale Isolation

Wer das Arbeitsleben bereits hinter sich hat, spürt, was es heißt, mit einer kleinen Rente in einer Hochpreisregion wie Dachau leben zu müssen. Weil sie bei Wohnkosten keine Abstriche machen können, sparen sie beim Essen, verzichten auf neue Kleidung oder versuchen ihre Rente durch das Sammeln von Pfandflaschen aufzubessern. "An diese Leute kommen wir leider kaum heran", sagt Kreisgeschäftsführerin Otterbein. Die armen Alten ziehen sich oft ganz aus dem öffentlichen Leben zurück. Mit Seniorennachmittagen, bei denen es kostenlosen Kaffee gibt, versucht der Verband, sie aus der Isolation zu holen.

Zur Bundestagswahl will der VdK die wachsende soziale Kluft auch stärker in den Mittelpunkt rücken. In wenigen Wochen will der Kreisverband den Bundestagskandidaten für den Wahlkreis Dachau-Fürstenfeldbruck bei einer Podiumsdiskussion in Erdweg auf den Zahn fühlen, was sie tun wollen, um die soziale Spaltung im Lande zu stoppen.

© SZ vom 06.04.2017/gsl

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