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Geschichten aus dem Dachauer Land:Mord am Bahndamm

Im beschaulichen 84-Einwohner-Dorf Arzbach erinnert eine alte Eiche an ein ungeklärtes Verbrechen vor 94 Jahren.

Fünf Mark hatte Georg Zimmermann bei sich, als er in einer Freitagnacht im März 1922 am Bahndamm zwischen Etzenhausen und Prittlbach ausgeraubt und mit einem Holzknüppel brutal niedergeschlagen wurde. Mehrere Menschen, darunter Angehörige Zimmermanns wurden der Tat verdächtigt, doch das Verbrechen an dem Fabrikarbeiter und Gütler wurde nie aufgeklärt, der Täter nie zur Rechenschaft gezogen. Wohl deshalb erinnert man sich Arzbach heute noch daran. Die große Eiche, unter der Zimmermann gefunden wurde, steht noch.

Der damals 40 Jahre alte Familienvater und Besitzer des Seppenmarx-Hofes in Arzbach hatte an diesem Abend einen schlachtreifen Ochsen am Bahndamm entlang zum Viehhändler Mannert nach Dachau getrieben. Dieses Schlachttier wollte er gegen einen jungen Ochsen eintauschen, den er wieder mästen und verkaufen konnte. Sein Gewinn ergab sich aus dem Gewichtsunterschied zwischen dem jungen und dem schlachtreifen Tier. Der Gütler blieb bis etwa zehn Uhr nachts in der Wirtsstube im Zwingereck in Dachau um das Tauschgeschäft abzuschließen und noch etwas zu trinken. Dann machte er sich auf den Heimweg.

Arzbach sollte er jedoch nicht mehr erreichen. Auf dem Heimweg wurde er überfallen und niedergeschlagen. Es wurde damals angenommen, dass der Arzbacher bei seinem Viehtrieb von dem Täter beobachtet worden war. Dieser hatte sich wohl erhofft, dass Zimmermann auf seinem Rückweg eine größere Geldsumme bei sich tragen werde. Der Raubmörder hatte sich für den Überfall einen starken Ast von einem Baum zurechtgeschnitzt, der blutbefleckt unweit des Tatorts gefunden wurde. Am Samstagmorgen wurde der Schwerverletzte von seinem Stiefsohn an der sogenannten Leiten bei der Abzweigung nach Prittlbach unter einer alten Eiche gefunden - bewusstlos und mit schweren Verletzungen am Hinterkopf. Der Stiefsohn hatte Zimmermann auf einem Fuhrwerk in das Bezirkskrankenhaus Dachau gefahren, wo dieser aber nach zwei Tagen verstarb, ohne das Bewusstsein wieder erlangt zu haben.

So beschreibt der Amperbote vom 16. März 1922 den Tathergang. Georg Otteneder, Heimatforscher aus dem Nachbarort Unterweilbach, hat noch mehr Informationen dazu gesammelt. Zudem hat der 78-Jährige seine eigene Vermutungen der Tat, von der ihm Zeugen von damals berichtet haben. Nicht dessen Stiefsohn habe demnach Georg Zimmermann gefunden, sondern der Schuhbauer Georg, Schreiner von Arzbach, als er um Mitternacht von seiner Braut aus Oberweilbach zurückkehrte, so sagt Otteneder. Zuhause angekommen habe der Schreiner gehört, dass Zimmermann vermisst werde und sich auf die Suche gemacht. Als er den Schwerverletzten fand, habe dieser ihm noch sagen können, dass der Täter aus einem Durchlass am Bahndamm gekommen sei, wo er sich versteckt hatte. Otteneder weiß auch zu berichten, dass Zimmermanns Ehefrau Therese sowie deren älteste Tochter aus erster Ehe zunächst verdächtigt worden seien. Die beiden Frauen mussten einige Monate in Untersuchungshaft verbringen, bis sich ihre Unschuld herausgestellt hatte.

Lange Besiedlungsgeschichte

Arzbach ist seit 1972 ein Ortsteil der Gemeinde Röhrmoos und zählt aktuell 84 Einwohner. Früher gab es elf landwirtschaftliche Anwesen. Heute sind ein Bauernhof mit Viehhaltung und ein Bio-Betrieb übrig geblieben. Wie es sich für ein richtiges Bauerndorf gehört, gibt es bis heute einen Gasthof "Beim Kiermeir" mit bayerischer Küche. Die Kreisstadt Dachau ist sieben Kilometer entfernt. Seit 1980 ist Arzbach von Prittlbach, Pellheim oder Kleininzemoos aus auf gut ausgebauten Teerstraßen erreichbar.

In früheren Jahren führten nur kurvenreiche Feldstraßen in den Ort, durchsetzt von Schlaglöchern. In strengen Wintern kam es vor, dass die Bewohner durch die Schneemassen tagelang von der Außenwelt abgeschnitten waren. Arzbach wird erstmals 779 als Arruzzapah urkundlich erwähnt. Funde von Eisenschlacken lassen den Namen als Erzbach deuten. Einige Hügelgräber nordöstlich des Ortes auf einer Anhöhe dürften auf eine vorchristliche Besiedelung zurückzuführen sein. Als einziger bisher bekannter Beweis wurde eine circa vier Zentimeter große Votivfigur aus Bronze gefunden, die eine Kröte darstellt. Laut mündlicher Überlieferung soll die kleine Kirche St. Johannes und Paulus mit dem gedrungenen Sattelturm auf dem Fundament eines römischen Wachturmes erbaut worden sein. Von Arzbach aus führte eine Straßenabzweigung nach Norden zur Römerstraße Salzburg-Augsburg, die das Gemeindegebiet Röhrmoos im Norden durchquert. Teile dieser Römerstraße sind noch nördlich von Arzbach im Wald zu sehen. SIES

Ein schwerer Verdacht sei auch auf den Wurscht-Sepp gefallen, der 1922 als Stallknecht in einem Anwesen gegenüber dem Gasthaus Zwingereck arbeitete. Dieser habe das spätere Opfer beobachten können, wie dieser seinen Ochsen zur Metzgerei Dallmair im Zwingereck geführt hat. Nachdem Zimmermann später allein den Heimweg angetreten hatte, muss der Verdächtige wohl angenommen haben, dass dieser das Geld aus dem Verkauf bei sich trug, vermutet Otteneder.

Der Wurscht-Sepp - Opfer oder Täter?

Als Jugendlicher hat der Heimatforscher den Wurscht-Sepp, dessen richtigen Name er nicht weiß, noch persönlich kennengelernt. Nach Kriegsende fuhr der Mann mit dem Fahrrad Wurstwaren aus und verkaufte sie an Kunden in Dachau und Umgebung. "Als Riesen-Mannsbild" sei ihm der Wurscht-Sepp vorgekommen, sagt Otteneder. "Er war mir nicht so sympathisch". Otteneder kann sich erinnern, dass der Wurscht-Sepp 1958 oder 1959 Selbstmord beging. Er habe sich "in einem Hölzl bei Dachau aufgehängt". Für die meisten Arzbacher sei der Suizid ein Beweis gewesen, dass der Mann mit seiner Mordtat auf dem Gewissen nicht mehr länger habe leben können. Andere wiederum meinten, der über Jahrzehnte dauernde Rufmord und die ständigen Verdächtigungen hätten ihn in den Selbstmord getrieben.

Otteneder fällt zu der ungeklärten Tat in Arzbach ein anderes ungeklärtes Verbrechen ein, dass nur wenig später am 31. März 1922 begangen wurde: Der Mord an einer sechsköpfigen Familie auf dem Einödhof Hinterkaifeck bei Schrobenhausen. Es sei nicht auszuschließen, dass ein gänzlich unbekannter Raubmörder oder eine Mordbande für beide Taten verantwortlich waren, findet Otteneder. Inzwischen sind sämtliche Spuren vernichtet, das Verbrechen an Georg Zimmermann wird nie mehr aufgeklärt werden können. Die alte Eiche an der Abzweigung zum Leitenweg, unter der die Mordtat einst geschah, steht als imposantes Naturdenkmal bis heute.

© SZ vom 17.08.2016/gsl
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