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Stark sein:"Alles kostet unfassbar viel Kraft"

Dachauer zu Corona

Seelsorgerin Susanne Deininger merkt, dass auch sie die Krise sehr viel Kraft kostet.

(Foto: Privat)

Susanne Deininger vom Pfarrverband St. Jakob über Seelsorge in Corona-Zeiten

Protokoll: Lisa Brendel

Es hat sich viel verändert. 2020 war für die Seelsorge eine völlig neue Herausforderung. Im März waren wir mit dem Lockdown erst einmal für eine Woche in einer Art Schockstarre und haben dann aber sehr schnell gemerkt, wo die Bedürfnisse der Menschen liegen. Die Kirchen sollten weiterhin offen bleiben. Wir haben großen Wert darauf gelegt, dass die Menschen dort immer etwas mitnehmen können, damit die Leute wissen, dass die Kirche trotz Corona immer noch ein Ort der Zuflucht und Sicherheit ist. Wir haben Gebetsorte und -zettel, aber auch Hausgottesdienste und viele Online-Materialien zur Verfügung gestellt. Für die Online-Angebote musste ich mir auch viel neues Wissen aneignen, um den Familien Ideen, Links für Kindergottesdienste und Filme mit biblischen Figuren bereit stellen zu können. Wir wollten die Familien dabei unterstützen, zu Hause die Feste möglichst gut zu feiern.

Ein Kollege hat ein Corona-Seelsorge-Telefon organisiert, an dem wir bis Juni jeden Tag von morgens bis abends erreichbar waren. Erstaunlicherweise wurde das aber gar nicht so häufig wahrgenommen wie erwartet. Von einigen Menschen aber schon und die waren auch sehr dankbar dafür. Für das kommende Weihnachtsfest befürchten wir nun, dass ein neuer Lockdown kommt und dann wieder ganz viele Angebote für alle Altersgruppen abgesagt werden müssen.

In Dachau haben wir jetzt vor allem an Weihnachten das Problem, dass die Kirchen und Räumlichkeiten nicht groß genug sind. Im Sommer haben wir viel draußen veranstaltet, um trotz Hygienemaßnahmen Begegnungen zu schaffen, doch das geht im Winter schlecht. Besonders schwierig ist die Situation in den Seniorenheimen. Es ist so wenig Kontakt und Besuch möglich, dass viele Senioren still und leise vereinsamen. Das sind wirklich die Menschen, die am meisten unter der Situation leiden. Es fehlt einfach die Beziehung zu vertrauten Menschen und die Angst vor einem erneuten Besuchsverbot ist groß.

Die Grundproblematik in der Seelsorge ist: Nichts läuft wie immer! Alles kostet noch einmal mehr Organisationsaufwand und Energie. Ich merke auch bei mir selber, dass das ganz schön an den Nerven zehrt. Obwohl es mir sonst gut geht, bin ich einfach dünnhäutiger geworden. Die Seelsorge läuft zwar mittlerweile normal ab, aber alles kostet unfassbar viel Kraft.

© SZ vom 10.11.2020
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