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Stadtentwicklung:Baustelle Altstadt

Seit rund zwei Jahren beherrschen die Kräne mehrerer großer Bauvorhaben das Bild der Dachauer Altstadt. An zwei Stellen konnten sie kürzlich abgebaut werden. Andernorts geht es jetzt erst richtig los. Ein Überblick

Von morgens bis abends rattern die Presslufthämmer, es wird geklopft, gepocht, geschraubt und viel Staub aufgewirbelt. Seit einigen Jahren ist die Aufenthaltsqualität in der Altstadt vielerorts durch Lärm und Schmutz beeinträchtigt. Die größte Baustelle liegt ganz zentral am Schrannenplatz. Doch die nächsten Kräne sind nicht weit. Der Hörhammerbräu ist seit Jahren eingerüstet und an der alten Schlossberg-Brauerei wird seit geraumer Zeit emsig gearbeitet. Die Neubauten beim Schuhhaus Rössler scheinen fast fertig zu sein, und auch die ehemalige Koschade-Klinik an der Adenauer-Straße ist längst kein schäbiger Rohbau mehr. Doch wie weit sind die Baustellen in der Altstadt nun wirklich gediehen?

Kaufhaus Rübsamen

Als Birgmannbräu, Kaufhaus Hörhammer oder Rübsamen Fashionstore ist das historische Anwesen unterhalb der Pfarrkirche Sankt Jakob vielen Dachauern ein Begriff. Der mehr als 5 000 Quadratmeter große Gebäudekomplex wird seit Januar 2019 - nach langwieriger Einigung mit dem Stadtbauamt wegen unterschiedlicher gestalterischer Vorstellungen - vom Dachauer Investor Scherm KG aufwendig um- und ausgebaut. Zusätzlich zum fertig renovierten Kaufhaus Rübsamen entstehen zwölf Wohnungen sowie Gewerbeflächen für Büros. Durch eine Öffnung in der Geschossdecke soll ein Lichthof mit einer Skulptur und weiteren optischen Finessen ausgestaltet werden. Im Untergeschoss sollen Räume für einen Lebensmittel-Nahversorger oder andere Geschäfte entstehen, geklärt ist das noch nicht. Ob das Birgmannforum, so lautet der neue Name, wie geplant Ende des Jahres fertiggestellt werden kann, "steht wegen coronabedingter Verzögerungen noch nicht fest", erklärt Bauherr Franz Scherm. So mussten die wöchentlichen Besprechungen mit Architekten, Planern und ausführenden Firmen entfallen, was sich auch auf die Vermarktungs- und Vermietungsaktivitäten auswirkte. Der mit dem Rohbau beschäftigte Baustellenleiter der Münchner Probat Bau meint, seine Arbeit sei in rund vier Wochen beendet. Dann beginne der Innenausbau mit allen Gewerken. Er rechne mit einem weiteren Jahr Bauzeit.

Schuhhaus Rössler

Ein paar Meter weiter östlich ist man schon ein gutes Stück weiter. Das Gebäudeensemble in der Pfarrstraße, in dem sich die Geschäftsräume des traditionsreichen Schuhhauses Rössler befanden, ist so gut wie fertiggestellt. Die letzte unter dem Dach gelegene Maisonettewohnung wird gerade noch ausgebaut. Insgesamt befinden sich 16 Wohnungen in dem Gebäudekomplex, der sich nach hinten bis in die parallel verlaufende Wieningerstraße zieht. Inklusive Abbruch betrug die Bauzeit gut zwei Jahre. Obwohl die alten Gebäude nicht mehr sanierungsfähig waren, sei es gelungen, dem von der Denkmalschutzbehörde geforderten Ensembleschutz Rechnung zu tragen, sagt Markus Gamstatter vom Bauträger CS Invest aus München. Die Fassade schließt sich formal und farblich an die historischen Nebengebäude an. Dahinter ist alles neu, inklusive dem schicken Innenhof und einer Hightech-Tiefgarage für drei Fahrzeuge übereinander, ideal bei einer hohen Stellplatzdichte.

Koschade-Klinik

Ein spezielles Parksystem, in den Hang hinein gebaut, brauchte auch die Firma KGS Projektentwicklung um den Münchner Architekten Christian Schwarz. In den vergangenen neun Jahren hatten mehrere Bauherren an der ehemaligen Koschade-Klinik herumgedoktert. Immer wieder stießen sie mit ihren Bauanträgen auf Granit beim Bauamt oder dem Bauausschuss im Stadtrat. Ende April konnte nun KGS, seit 2016 Eigentümerin des Objekts an der Adenauer-Straße, die Sanierung erfolgreich abschließen und die 32 Luxuswohnungen in den Schlossbergterrassen an die neuen Eigentümer übergeben. Architekt Christian Schwarz ärgert sich immer noch über die "außergewöhnlich träge Antragsbearbeitung" des Bauamts: "Der letzte Tekturantrag wurde im Juli 2018 eingereicht und nach vielen Besprechungen und Abstimmungen mit den Bauamtsverantwortlichen knapp zwei Jahre später genehmigt. Bauverzögerungen waren daher nicht auszuschließen", so Schwarz.

Hörhammerbräu

Wer in der Dachauer Altstadt baut, muss zumeist am Bestand arbeiten, denn diese steht unter Ensembleschutz. Das Erscheinungsbild darf nicht verändert werden. Noch strenger sind die Vorgaben beim Einzeldenkmalschutz. Der Hörhammerbräu ist so ein Einzeldenkmal, dessen Geschichte zurückreicht bis zum Jahr 1569. Seit die Firma WU aus Grünwald das seit Jahren leer stehende Gebäude 2016 gekauft hat, wurden "in Abstimmung mit der Denkmalschutzbehörde die nicht erhaltenswerten Einbauten zurückgebaut und die historische Gebäudestruktur freigelegt", berichtet Co-Geschäftsführer Nikolas Uez. "Im Rahmen dessen hat sich gezeigt, dass der Bestand in den 1950er-Jahren stark verändert und dabei entscheidend in das Tragsystem des Gebäudes eingegriffen wurde", so Uez. Der nun freigelegte Bestand müsse deshalb aufwendig untersucht und die Ergebnisse in die aktuelle Planung der Statiker und Architekten eingearbeitet werden. Der ehemalige Stadtrat Claus Weber möchte im neuen Hörhammerbräu eine Wohnung mieten. "Mir ist klar, dass der ursprünglich geplante Bezugstermin Mitte 2020 sich um mindestens ein Jahr verzögert."

Schlossberg-Brauerei

Die höchstgelegene Großbaustelle in der Altstadt ist die ehemalige Schlossberg Brauerei. Hier wird seit Monaten eifrig entkernt, Dachfläche begradigt, Untergrund aufgebrochen. "Jedes Loch fördert etwas Neues zutage, womit wir nicht gerechnet haben", erklärt Architektin Marina Kayser-Eichberg. "Schächte, Korkasphalt, Stahlträger, Dämmmaterial..." Schon der Abbruch der Innenräume des teilweise denkmalgeschützten Gebäudes von 1890 sei ein Abenteuer gewesen, so Kayser-Eichberg. "Die Brauerei hat gefühlt alle zehn Jahre umgebaut - und dabei die Statik nicht immer im Blick gehabt." Trotzdem konnte der alte Dachstuhl ertüchtigt und die Außenmauern erhalten bleiben. Die Fassade bekommt wieder den ursprünglichen Kellenwurfputz. Auch der historische Lastenkran werde wieder an die alte Stelle kommen, so Kayser-Eichberg. Der ehemalige Fabrikschlot wurde freigelegt und bis oben hin mit Beton befüllt. In den Bestand setzte man zwei Treppenhäuser ein. In sieben Meter Tiefe entsteht gerade eine Tiefgarage. Die riesigen Kellergewölbe, damals der ideale Ort zur Kühlung des Biers, können nicht mehr genutzt werden.

Zum Schutz vor Kälte und Feuchtigkeit wurden die Wände, Decken und Böden mit flüssigem Paraffin abgedichtet. Die historischen Fenster wurden, wo möglich, restauriert, auch die neuen Fenster seien laut Kayser-Eichberg wieder aus Holz und haben rote Rahmen und weiße Flügel. Das Dach wurde mit den originalen, spitz zulaufenden Biberschwanzdachziegeln eingedeckt und das alte Brauhaus in der Originalkubatur wieder aufgebaut. Stolz ist die Architektin, dass ihr Vater, Jobst Kayser-Eichberg, Vorstand der Sedlmayr Grund und Immobilien AG und damit Eigentümer der Schlossberg Brauerei, die 20 Wohnungen nicht gewinnbringend verkaufen will. "Das ist für uns kein Renditeobjekt", betont sie. "Wir halten es im Bestand und werden vermieten, und zwar zu fairen Preisen."

© SZ vom 03.06.2020

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