Stillstand auf der Altstadtbaustelle:Statische Probleme im Hörhammerbräu

Baustelle Hörhammerbräu

Seit Wochen und Monaten ist der Hörhammerbräu hinter Gerüsten versteckt. Schuld sind laut dem Bauamt Probleme mit der Statik.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Wirtschaft in der Dachauer Altstadt hat eine bewegte Geschichte. Nun verfällt das Gebäude zusehends, die Bauarbeiten sind ins Stocken geraten. Die Stadt versichert, dass man mit den Eigentümern nach einer Lösung suche

Von Thomas Altvater, Dachau

Mehr als 450 Jahre thront das Anwesen bereits auf dem Dachauer Altstadtberg, es überstand zwei Weltkriege. Und doch hat dem Gebäude nichts so zugesetzt wie die vergangenen 20 Jahre: Von Ende 2001 an, als der damalige Pächter Bruno Nicolodi die Gastwirtschaft aufgab, steht der Hörhammerbräu leer und kam zusehends herunter. 14 Jahre später, 2015, erwarb schließlich ein Münchner Familienunternehmen das Anwesen und hatte große Pläne: Anstatt des Wirtshauses sahen die Eigentümer 48 Wohn-, drei Büroeinheiten vor. Doch seit fast eineinhalb Jahren steht der gelbe Kran auf der Rückseite des Anwesens still. Der Grund: Die Statik des Gebäudes ist stark beschädigt. Die Stadt, der Bauherr und das Landesamt für Denkmalpflege suchen seitdem nach einer Lösung, die jedoch in weiter Ferne scheint.

Es tue weh, sagt der frühere Stadtrat Edgar Forster, das Anwesen in diesem Zustand zu sehen. Er ist einer, der den Hörhammer kennt wie kaum ein anderer. Zehn Jahre lang führte er Interessierte durch das Gebäude und dessen historische Keller und Gewölbe. Für Forster ist klar: Der Hörhammerbräu ist ein zentraler Bau für Dachau und das Stadtbild. "Das Rathaus, der Zieglerbräu und der Hörhammerbräu, das ist das, was die Altstadt ausmacht", sagt er. So war es vor allem die gesellschaftliche, aber auch politische Stellung der Brauer, die das Hörhammer so bedeutend für die Stadtgeschichte macht. Lange Jahre stellten die Dachauer Brauereifamilien den Bürgermeister, weshalb sie auch im bayerischen Landtag saßen. Die Brauereien schufen Arbeitsplätze und waren wichtige Steuerzahler. Kurzum: Das Anwesen habe über Jahrhunderte die Stadtgeschichte geprägt, "ganz ohne, dass darin irgendein Frieden geschlossen oder ein Krieg erklärt wurde", wie Forster sagt.

Dabei trägt der Hörhammer seinen Namen erst eine vergleichsweise kurze Zeit. Im Jahr 1839 kaufte der Brauer Anton Hörhammer von Abensberg das Anwesen und baute die Brauerei in den Folgejahren von einem kleinen handwerklichen Betrieb zu einer fabrikähnlichen Lagerbierbrauerei um. Er erweiterte die Keller und ließ vermutlich die unterirdische Verbindung zum gegenüberliegenden Stadl graben. Dort lagerte die Brauerei ihr Bier im Sommer. "Gebraut werden durfte und konnte damals nur im Winter", sagt Forster. Die Wirtsleute rollten so die schweren Fässer aus der Brauerei in das Lager und von dort zurück in die Wirtschaft.

Nahezu zwei Jahrhunderte früher, als die Schweden während des Dreißigjährigen Kriegs die Stadt belagern, wurde das Gebäude ruiniert, erstrahlte jedoch schon bald in neuem Glanz. Auch zwei prominente Gäste vermerken die Quellen: Im Jahr 1782 nächtigte Papst Pius der VI. in Dachau, 1806 feierte der neue bayerische König Maximilian I. sein erstes Silvester als König im Gasthaus. Sein heutiges Aussehen hat der Hörhammerbräu der Familie Schmetterer zu verdanken, in deren Besitz sich das Anwesen von etwa 1740 an befand. Aus dieser Zeit stammt die charakteristische Fassade, aber auch die Aufteilung des Gebäudes mit ihren Innenhöfen und Zwischenbauten.

Die Geschichte des Bierbrauens im Hörhammer endet nach dem Ersten Weltkrieg, 1919. Hörhammer- und Zieglerbräu fusionierten zur gemeinsamen Brauerei Schlossberg. Bereits damals war die hauseigene Kellermälzerei in den Gewölben des Anwesens schon seit mehr als einem halben Jahrhundert verschwunden. Der Hörhammer war von da an nur noch Gasthof und Hotel. Im selben Jahr wurde dort im Zuge der Räterepublik die privatkapitalistische Wirtschaftsordnung abgeschafft. Drei Jahre später gründete sich in einer der Wirtsstuben die Ortsgruppe des Bundes Oberland, aus der später die NSDAP hervorgehen sollte. Die Nazis nahmen schließlich in den 1930er-Jahren im ersten Stock des hinteren Gebäudeteils die Wände heraus und bauten dort einen großen Saal für ihre Parteireden ein. Zwischen den Siebziger- und Achtzigerjahren wurde der Hörhammer zum SPD-Lokal und der Saal zur Kleinkunstbühne.

"Der Saal, das ist der problematische Bereich", sagt der Leiter des städtischen Bauamts, Moritz Reinhold und nennt damit auch gleich den Grund für den Baustillstand. Insbesondere die Außenwand zum Hang hin sei so marode, erklärt er, dass die Bauherren mehrere Statiker hätten beauftragen müssen und einige Monate mit dem Rechnen beschäftigt gewesen seien. "Wenn man das wieder richten will, dann ist das sehr anspruchsvoll und mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden", erklärt er. Doch er ist sich sicher: "Das ist nicht unmöglich. Als Stadt sagen wir, dass das angemessen zu bewältigen ist."

Denn die Stadt ist sich der Bedeutung des Gebäudes bewusst. "Das ist ein bedeutendes Baudenkmal, das wir nicht einfach so aufgeben wollen und werden", erklärt Reinhold. Doch er beschreibt die aktuelle Situation als vertrackt, insgesamt sei das Gebäude mit seiner Statik "höchst komplex". Während der ersten Bauarbeiten, als die Bauherren das Gebäude entkernten, sind laut Reinhold die ersten größeren Probleme aufgetreten. Die Eigentümer hätten deshalb beantragt, die bereits bestehende Baugenehmigung zu ändern. "Darüber haben bereits mehrere Gesprächsrunden stattgefunden", erklärt der Bauamtsleiter, jedoch bislang ohne Ergebnis.

Eine Lösung erhofft sich der Bauamtsleiter in einem erneuten Gespräch, diesmal mit Statikern des Landesamts für Denkmalpflege. Einen Termin hierfür gebe es aber noch nicht. "Der Bauherr hat natürlich das Interesse, möglichst schnell fertig zu werden", so Reinhold. Doch er mahnt zur Geduld, Denkmalschutz koste Zeit und Geld. Dennoch betont er: "Wir wollen natürlich auch bauherrenfreundlich sein."

Die Eigentümer selbst ließen eine Anfrage der Dachauer SZ bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Edgar Forster jedoch versichert: "Ich kenne die Bauträger und weiß, dass die historisches Interesse haben."

© SZ vom 28.07.2021
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