Chorgemeinschaft Dachau:Das vorerst letzte Konzert in St. Jakob

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Seit mehr als vierzig Jahren bringt die Dachauer Chorgemeinschaft unter der Leitung von Rudi Forche "wunderbare Werke" zur Aufführung, häufig in ihrer Heimatkirche St. Jakob. (Foto: Toni Heigl)

Für ein halbes Jahr ist die Dachauer Pfarrkirche nun gesperrt. Grund dafür sind Sanierungsarbeiten im Inneren. Zuvor tritt die Chorgemeinschaft Dachau dort mit einem Weihnachtsoratorium auf und hat dafür einen vergessenen Komponisten wiederentdeckt.

Von Dorothea Friedrich, Dachau

Bis voraussichtlich Ende Juli wird die Dachauer Pfarrkirche St. Jakob gesperrt sein, der Innenraum muss saniert werden. Das vorerst letzte Konzert fand dort am Dreikönigstag statt, ein Weihnachtsoratorium stand auf dem Programm der Chorgemeinschaft Dachau. Das kann doch nur Johann Sebastian Bachs alles überstrahlende Werk sein. Oder vielleicht doch Camille Saint-Saëns "Oratorio de Noël"? Nein, es geht um ein weiteres Weihnachtsoratorium, das Carl Heinrich Graun (1704-1759) komponiert hat und das fast im Verborgenen blüht. Dabei zeigte die Chorgemeinschaft bei ihrer Erstaufführung in St. Jakob aufs Schönste, warum dieses Werk eigentlich auf die Klassik-Hitliste gehört.

In der gut geheizten Kirche sangen und spielten Chor, Sopranistin Helena Huber, Altistin Valerie Pfannkuch, Tenor Bernhard Schneider, Bassist Timo Janzen sowie Mitglieder des BR-Sinfonieorchesters unter der Leitung von Rudi Forche ein verzauberndes Stück barocker Musikseligkeit. Das Publikum im voll besetzten Gotteshaus feierte dieses Gesamtkunstwerk sogar mit Standing Ovations.

Erst 1972 wurde Grauns Partitur in Washington wiederentdeckt

Doch eine Erstaufführung im großartigen Zusammenspiel aller Mitwirkenden ist keine Selbstverständlichkeit - schon alleine wegen der aufwändigen Probenarbeiten. In Sachen Graun'sches Weihnachtsoratorium gab es außerdem einige Krankheitsfälle: Das betraf nicht nur Chorsängerinnen und -sänger, auch Altistin Birgit Rolla konnte ihren Part nicht übernehmen, Valerie Pfannkuch sprang deshalb kurzfristig ein und fügte sich so gekonnt und harmonisch ins Gesamtensemble ein, als hätte sie das Werk von Anfang an miterarbeitet - eine fantastische Leistung, zumal diese musikalische Geschichte über die Geburt Jesu nicht zu den Top Ten der Oratorien zählt. Aber warum eigentlich nicht? Die Frage lässt sich leicht beantworten: Carl Heinrich Graun ist einer der großen Unbekannten der Musikgeschichte. Wie so viele Werke des preußischen Hofkapellmeisters ist auch dessen "Oratorium in Festum Nativitatis Christi" irgendwann in Vergessenheit geraten.

Dabei war Graun zu seiner Zeit ein schaffensfreudiger Kapellmeister, Sänger und Hofkompositeur. Zur Eröffnung der Königlichen Hofoper unter den Linden im Jahr 1743 brachte er die italienische Oper an den Hof von Preußenkönig Friedrich II. (der Große), komponierte selbst etliche Opern und avancierte zum Star. Bereits um 1725, als 21-Jähriger, soll sein Weihnachtsoratorium entstanden sein - rund zehn Jahre vor Bachs sechs Weihnachtskantaten. Doch erst 1972 wurde Grauns als verschollen geltende Partitur in Washington wiederentdeckt und 1998 erstmals veröffentlicht.

Übernahm die Leitung der Chorgemeinschaft und des BR-Sinfonieorchesters: Rudi Forche. (Foto: Toni Heigl)
Die Solisten Bernhard Schneider, Valerie Pfannkuch und Helena Huber. (Foto: Toni Heigl)

Ein Glücksfall, wie die Chorgemeinschaft Dachau eindrucksvoll zeigte. Der unbekannte Textdichter des Stücks hatte sich zwar am Lukasevangelium orientiert, erzählt aber seine ganz eigene Geschichte vom Warten auf den Messias und den damit verbundenen Sehnsüchten nach Erlösung. Das ist barocke Fabulierkunst, fromme Kost der leichten Art, wenn man so will, ohne dem namenlosen Dichter zu nahezutreten. Das vollständige Programmheft inklusive Libretto konnte man sich übrigens bei der Chorgemeinschaft-Aufführung auf das Smartphone downloaden. Diese Idee sparte Papier und hatte eine höchst erfreuliche Nebenwirkung: Kein ständiges geräuschvolles Umblättern, sondern aufmerksame Stille und Konzentration auf Wort und Musik. So entstand ein Dialog ohne Worte zwischen Publikum und Sängern, der dieser Aufführung eine wohltuende Intimität verlieh.

Eine Sternstunde geistlicher Musik, die noch lange im Kopf nachhallt

Dabei hat Graun in seiner Komposition auf barockes Jauchzen und Frohlocken, auf Pauken und Trompeten keinesfalls verzichtet. Die schier unfassbare Freude über die Geburt Jesu, über die Ankunft des Erlösers, ist ein einziges musikalisches Fest, das Chor, Orchester und Solisten alles abverlangte - und das Rudi Forche mit sicherer Hand leitete. Diese überschäumende Fröhlichkeit hatte etwas Tänzerisches, Leichtes, Sorgenfreies.

Doch ganz in der janusköpfigen Weltsicht jener Zeit fallen die Zeugen der Geburt Christi immer wieder von einem Extrem ins andere, zweifeln, ob dieses Kind in der ärmlichen Krippe tatsächlich die Welt erlösen kann. Es hagelt aufrüttelnde mahnende Worte und zornige Töne, die der Glückseligkeit erst einmal ein Ende machen. Doch dann wurde die Musik wieder tröstlich, schwebend, ganz in sich versunken. Diese opernhafte Dramaturgie war eine Herausforderung für Sänger und Orchester, die sie aber fabelhaft bewältigten. Da wurde der bekannte Choral "Wie soll ich dich empfangen" von Paul Gerhardt, den auch Thomaskantor Bach in seinem Weihnachtsoratorium verwendet hat, für etliche Zuhörer zu einer Sternstunde geistlicher Musik, die noch lange im Kopf nachhallt. So wie die ganze in sich stimmige, begeisternde und meisterhafte Aufführung der Chorgemeinschaft. Sie macht Lust auf mehr, zum Beispiel auf die gleichfalls lange vergessene Passionsmusik "Der Tod Jesu" von Carl Heinrich Graun.

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