Protestaktion:"Revolution Dachau-Süd"

Protestaktion: Emmo Frey (links) übergibt die Unterschriften an Filiallleiter Huber.

Emmo Frey (links) übergibt die Unterschriften an Filiallleiter Huber.

(Foto: oh)

342 Anwohner kämpfen mit ihrer Unterschrift gegen die Schließung der Sparkassenfiliale

Von Viktoria Hausmann, Dachau

Es scheint als sei der Kampf gegen die Schließung der Sparkassenfiliale Dachau-Süd längst verloren. Bauarbeiter tragen bereits große Holz- und Deckenteile aus der früheren Filiale und donnern sie in einen Container. Seit dem 1. April ist die Zweigstelle am Klagenfurter Platz geschlossen. Doch eine Gruppe von meist älteren Anwohnern lässt sich weder von dem Baulärm, noch von den bereits geschaffenen Tatsachen beirren, allen voran Emmo Frey. "Wir können nur noch mit Robotern kommunizieren", klagt er. Frey und seine Nachbarn haben Beschwerdebriefe an Stadt und Bank verfasst, sowie Unterschriften gegen die Schließung der Filiale gesammelt: 342 in fünf Wochen. Ohne Werbung und Internet-Reichweite. Einfach nur mit Mund-zu-Mund-Propaganda. Wie es die Senioren schon seit jeher gewohnt sind. Für die Bank ist das ein klares Zeichen, dass sich Kunden wie sie im Stich gelassen fühlen.

Sehr zum Verdruss der "Revolution Dachau-Süd", wie sich die Gruppe scherzhaft selber nennt, sind weder der Dachauer Oberbürgermeister noch Stadträte zur Unterschriftenübergabe gekommen. Filialleiter Stefan Huber nimmt aber zusammen mit Personalleiterin Sabrina Steinau die Listen entgegen, um sie an die Vorgesetzten weiterzugeben. Huber kann sich den Ärger der Senioren nicht erklären: "Wir sind auch weiterhin in der neuen Filiale für alle unsere Kunden da. Wenn der Weg zu weit ist, natürlich auch telefonisch oder wir kommen zu einem persönlichen Termin vorbei," sagt er. In der Münchner Straße Ecke Schillerstraße ist jetzt die nächste Filiale. Da könnten die Senioren doch einfach mit dem Bus oder dem Fahrrad hinfahren. Geld holen und Überweisungen an den Computern gebe es nach der Renovierung weiterhin um die Ecke, so Huber. Die Schließung sei eine Sparmaßnahme, die sich ein Planungsbüro erdacht habe, weil auch die Banken unter den Niedrigzinsen litten. 65 Prozent der Anwohner in Dachau-Süd nutzten ohnehin Online-Banking, erklärt Steinau

Den beiden Bankvertretern schlägt eine Menge Wut entgegen. Als die Filiale am Klagenfurter Platz bei Beginn des ersten Lockdowns vorsorglich geschlossen wurde, wie so viele andere Bankfilialen, waren Frey und seine Mitstreiter mit den Buchungsterminals restlos überfordert. Als die Sparkasse später ihren Betrieb wieder aufnahm, war die Freude bei den Senioren umso größer - doch dann die Schließung. "Sie haben doch sicher eine Erhebung der Altersstruktur gemacht, als Sie das beschlossen haben," echauffiert sich Brigitte Lang. Normalerweise ist die pensionierte Lehrerin ruhig und gesetzt, doch dass viele ihrer Nachbarn trotz Gehbehinderung einen weiteren Weg auf sich nehmen sollen, macht sie wütend. "Ich habe hier 174 Mieter, die teilweise nur mit Rollatoren raus können. Wie sollen die alle da runter? Nicht jeder hat Angehörige, die das für ihn erledigen können", sagt Ingeborg Niedermeier von der Gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft Dachau. Ein Frau mit schlohweißem Haar macht das Ausmaß der Bankentscheidung deutlich: "Wenn ich mit dem Bus zur Bank muss, muss ich hin einsfuffzig und zurück einsfuffzig zahlen. Da bin ich mit den Konto- und Überweisungsgebühren schnell bei zehn Euro. Das kann sich nicht jeder Rentner leisten. Besonders nicht mit so einer kleinen Rente wie ich." "Die Infrastruktur hier verfällt immer mehr und die Stadt kümmert es nicht, weil wir alt sind," klagt auch Richard Wallner. Er findet den weiten Weg für einzelne Überweisungen ebenfalls übertrieben. Der digitalen Datensicherheit vertraut er nicht.

Man merkt, hier geht es um mehr als nur um eine Bank um die Ecke. Es geht um Infrastruktur und Lebensqualität in Dachau-Süd. Trotz Bauboom und Zuzug von außerhalb, verfalle ihr Stadtviertel, klagen die Senioren. Es gebe kaum noch Geschäfte. Auch die Stadtbibliothek gegenüber wäre beinahe geschlossen worden, sagen sie. "Die jungen Leute sind ja nur zum Schlafen hier," beschwert sich Bärbel Frey. "Die arbeiten irgendwo in München, haben ihr Internet, aber was ist mit uns?"

Trotz nahezu aussichtsloser Lage wollen die Senioren aus Dachau-Süd weiterkämpfen. Auch wenn es nur um kleine Zugeständnisse geht: "Sie hätten uns wenigstens den Briefkasten zum Überweisungen einwerfen lassen können," sagt Brigitte Lang verärgert.

© SZ vom 26.07.2021
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