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Sozialpolitik in Dachau:Caritas fordert mehr Geld für Migrationsberatung

MBE Aktionstag

Mit einem Stellspiel, an dem auch Michael Schrodi und Beate Walter-Rosenheimer (Mitte) teilnehmen, zeigt die Caritas ihre Arbeit.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Zum bundesweiten Aktionstag für Migration lädt der Sozialverband die Bundestagsabgeordneten Beate Walter-Rosenheimer (Grüne) und Michael Schrodi (SPD) zu einem Gespräch ein und kritisiert, dass Personal für die Betreuung von Geflüchteten fehlt

Von Christiane Bracht, Dachau

Mehr Geld, mehr Personal, mehr Wohnungen und mehr Therapieplätze für psychisch belastete Kinder und Jugendliche hat die Caritas am Donnerstag von den Bundestagsabgeordneten für Dachau und Fürstenfeldbruck gefordert. Anlässlich des bundesweiten Aktionstags für Migration waren Michael Schrodi (SPD) und Beate Walter-Rosenheimer (Grüne) zu einem gemeinsamen Gespräch ins Dachauer Caritas-Zentrum gekommen. Katrin Staffler (CSU) wollte eigentlich auch dabei sein, doch sie musste krankheitsbedingt kurzfristig absagen.

Die Migrationsberatung und interkulturelle Familienberatung berichteten über ihre Arbeit in Dachau und Fürstenfeldbruck, ihre Ziele und Methoden. 116 anerkannte Flüchtlinge und Migranten suchten 2018 Hilfe im Dachauer Caritas-Zentrum, ein Jahr später waren es mehr als doppelt so viele (255). Deshalb hat die Beratungsstelle jetzt eine halbe Stelle mehr, um die Neuankömmlinge bei Arbeits- und Wohnungssuche sowie Behördengängen und der Vermittlung von Deutsch- und Integrationskursen zu unterstützen. In Fürstenfeldbruck hatte Fachbereichsleiter Dieter Pimiskern 2018 sogar 348 Klienten, seither geht die Zahl der Beratungen zurück: 2019 waren es nur noch 288 und vergangenes Jahr coronabedingt lediglich 211. "Auch wenn die Zahl der Geflüchteten zurückgegangen ist, es gibt nicht weniger Beratungsbedarf im Gegenteil", erklärte er. "Die Unterkünfte sind voll." 50 Prozent seien Fehlbeleger, weil die anerkannten Flüchtlinge im Landkreis einfach keine Wohnung fänden und wenn sie woanders hingehen wollten, etwa nach Ingolstadt, dann wehre sich die Stadt dagegen. Erst nach zwei Jahren dürften sie bayernweit suchen.

Isabel Rubik von der Fachstelle für Wohnen berichtete, dass man inzwischen sechs Jahre auf eine Sozialwohnung warten müsse. "Was kann man machen, um dem entgegenzuwirken?", fragte sie die Bundestagsabgeordneten. Wenn die Leute nämlich in die Obdachlosigkeit abglitten, würden die Probleme nur noch größer. Damit meinte Rubik nicht nur die Migranten. "Eine Mietpreisbremse ist zwingend nötig", sagte Beate Walter-Rosenheimer (Grüne) sofort. "Es ist eines der drängendsten Probleme unserer Zeit. Wir müssen massiv bauen." SPD-Mann Schrodi sprach sich eher für eine temporäre Deckelung der Mietpreise aus: "Baulücken in den Innenstädten müssen geschlossen werden und Wohnraum geschaffen, aber nicht in der Fläche."

Doch die Corona-Krise förderte noch andere Probleme zutage: So wurde den Migranten, die zumeist Hilfsarbeiterjobs haben, "reihenweise gekündigt", berichtet die Migrationsberaterin Aylin Beqiraj. Plötzlich hätten ganze Familien ohne Geld dagestanden und die Beratungsstelle hätte die Aufgabe der Behörden übernehmen müssen, da diese geschlossen hatten. Einige Arbeitgeber hätten auch haarsträubende Erklärungen abgegeben. Beate Walter-Rosenheimer sah das Problem vor allem darin, dass die Leute eine Chance bekommen müssten, etwas zu erlernen. "Bessere Arbeitsbedingungen sind in der jetzigen Regierungskonstellation sicher nicht möglich", erklärte Schrodi. Er sei deshalb auch ein Sprecher derjenigen, die Mehrheiten jenseits der Union möglich machen wollten.

Sorgen macht sich auch die Familienberatungsstelle, dass die Kommunen sich die Jugendhilfe womöglich nicht länger leisten könnten, obwohl sie gerade seit Corona besonders nötig sei. Viele Kinder und Jugendliche hätten mit Depressionen, Ängsten oder Essstörungen zu kämpfen. Auch massiver Medienkonsum, eine fehlende soziale Entwicklung und Bildungslücken seien Folgen, die nur schwer wieder wett zu machen seien. Susanne Frölian, die Fachdienstleiterin von Jugend und Elternberatung appellierte an die Abgeordneten, dass Schule und Kitas im Herbst offen bleiben müssten und dass der Bund die Kommunen unterstützen müsse, weil diese vieles nicht mehr leisten könnten. Auch eine ausreichende Versorgung mit Therapieplätzen sei wichtig. Frölian berichtete, im Mai bei einer Einrichtung angefragt und erst im November ein Vorstellungsgespräch bekommen zu haben, wobei noch unsicher sei, ob die Klientin angenommen werde. "Es darf keinen Unterschied zwischen körperlichen und psychischen Leiden geben", mahnte sie. Schrodi zeigte Verständnis für ihre Forderungen. Man brauche eine Modernisierung und Chancengleichheit, doch die Schulen offen zu lassen, sei nicht so gelungen wie gewünscht. "Die Jugendhilfe muss als systemrelevant eingestuft werden", sagte Walter-Rosenheimer. Doch könne der Bund nicht viel ausrichten, da die Verteilung der Gelder Ländersache sei, so die beiden Abgeordneten.

Den Ruf der Caritas nach mehr Geld für die Migrationsberatung oder auch die interkulturelle Familienberatung, die derzeit allein mit Spendengeldern finanziert wird, nahmen die beiden Abgeordneten wohlwollend auf. Es sei schwer, effektiv zu arbeiten, wenn man nicht langfristig planen könne, erklärte Fachdienstleiterin Irmgard Wirthmüller. "Ich bin eine Verfechterin von mehr Geld ", erklärte Walter-Rosenheimer. Die Migrationsberatung sei schließlich Präventionsarbeit und müsse gestärkt werden.

© SZ vom 02.07.2021
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