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Solarpionier aus Markt Indersdorf hat ein neues Projekt:Grüner Strom für Afrika

Der Indersdorfer Solarpionier Willi Kirchensteiner hat ein Konzept für eine umweltschonende Energieversorgung entwickelt. Nun hat er eine Anlage gebaut, die ein ganzes Dorf mit Strom versorgen kann

Diese Anlage - ein Kabelsalat mit mehreren Akkus - soll ein ganzes Dorf mit Strom versorgen können? Ja, sagt Willi Kirchensteiner, im Prinzip sei das möglich. Denn sie könne jederzeit mit zusätzlichen Modulen erweitert werden. Die Solarzellen sind mit großen Akkus verbunden, die den erzeugten Strom speichern können. Kirchensteiner schließt ein Kabel der Solaranlage an eine Steckdose seiner Garage an. "Jetzt wird das komplette Haus mit dem Solarstrom versorgt. Jede Fotovoltaikanlage, die bei einem Stromausfall steht, kann mit diesem System weiterlaufen." Die sogenannten AGM-Akkus werden automatisch geladen. Sie enthalten kein Lithium, sondern Blei, das umweltfreundlicher entsorgt werden kann. Kirchensteiner ist stolz auf seine Entwicklung. Sie biete einen praktischen Beitrag zum Klimaschutz. "Dieses System ist weltweit die einfachste und billigste Möglichkeit der Stromversorgung."

Solarpionier

Willi Kirchensteiner beweist seinen Erfindergeist.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Im sonnenverwöhnten Afrika wird das System jetzt eingesetzt. Auf diesem Kontinent weist das Stromnetz noch große Lücken auf. Das von Willi Kirchensteiner entwickelte Solarprojekt soll dazu beitragen, diese Lücken zu schließen. Der ehemalige Berufsschullehrer stellte als Solarbeauftragter der Münchner Schulen seine Projekte vor. So entwickelte er einen Solarkoffer, mit dem man etwa Handys aufladen kann.

Und seine Arbeit stieß auch auf überregionales Interesse: Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, wurde auf den Indersdorfer Solarpionier aufmerksam. Vor zwei Jahren trafen sie sich im Allgäuer Energiedorf Wildpoldsried und überlegten sich ein Konzept, wie die solare Stromversorgung in Afrika verbessert werden könne. Grundlage sollte das deutsche duale Bildungssystem sein, mit dem die Technik in Theorie und Praxis vermittelt wurde. Kirchensteiner schrieb ein 300 Seiten dickes Lehrbuch, das den Aufbau des Solarkoffers und des solaren Dorfkraftwerks beschreibt. Ziel war es, die Pädagogik, die Informationen und die praktische Umsetzung zu verbinden. Das Entwicklungsministerium lud Berufsschullehrer aus 16 afrikanischen Ländern ein, sich in Wildpoldsried in einem zweiwöchigen Kurs schulen zu lassen. An den Kursen nahmen auch Berufsschullehrer aus Bayern teil. Sie reisten anschließend nach Afrika, um junge Menschen zu unterrichten. Bisher wurden in Wildpoldsried hundert Lehrer aus 16 afrikanischen Ländern ausgebildet. Jeder Lehrer gab sein Wissen an 50 Schüler weiter. "Das war ein toller Multiplikatoreffekt", so Kirchensteiner. Viele junge Afrikaner hätten inzwischen kleine Shops aufgebaut, in denen sie das Material zum Bau einer modularen Solaranlage verkaufen. "Die Menschen brauchen aber nicht nur das Material von uns, sondern auch das Wissen, wie die Stromversorgung in den Dörfern aufgebaut werden kann", betont der Solarpionier. Die Einheimischen müssten die Anlagen auch warten können. Es sei nicht nachhaltig, wenn ein Dorfkraftwerk wegen eines technischen Defekts nicht mehr läuft, weil keiner weiß, wie man den Fehler beheben kann. Laut Kirchensteiner hat das Programm zur solaren Stromversorgung schon viele Arbeitsplätze in den afrikanischen Ländern geschaffen. Das sei auch das Ziel von Entwicklungsminister Müller gewesen: jungen Afrikanern einen Anreiz zu geben, in ihrer Heimat zu bleiben. Die berufliche Bildung, so Kirchensteiner, ermögliche eine Zukunftsperspektive. Die erneuerbare Solarenergie sei zudem umweltfreundlich und fördere den Klimaschutz. Weil es in Afrika keine Firmen in dieser Branche gibt, müssen die Lehrer auch den praktischen Teil der Ausbildung übernehmen. Wie die Theorie in die Praxis umgesetzt wird, erfahren sie durch das Lehrbuch von Kirchensteiner. Es wurde inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt. "Alle waren überrascht, dass das Projekt so toll eingeschlagen hat", freut sich der Indersdorfer. "Es ist eine Lehrstunde, wie Elektrotechnik und Energiewende funktionieren."

Solarpionier

Kirchsteiners neueste Erfindung: Die Solarzellen sind mit Akkus (siehe Foto) verbunden, die erzeugten Strom speichern können.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Grundeinheit eines Dorfkraftwerks hat Kirchensteiner in seinem Garten aufgebaut: Vier Solarzellen erzeugen dort Strom, der in Batterien gespeichert wird und jederzeit abgezapft werden kann. Sein Haus könne er damit drei Tage lang mit Strom versorgen. Die Anlage ist mobil und steht auf Rädern. Sie besteht aus mehreren Modulen, die zerlegt werden können. "Das ist sehr praktisch", sagt Kirchensteiner. "Dann hat sie im Kofferraum eines Autos Platz, wenn die Rücksitze ausgebaut werden." In Afrika könnte die mobile Version zur Bewässerung von Weideflächen verwendet werden. Das Projekt sei sowohl für die Wirtschaft als auch für die Umwelt gut. Denn Kirchensteiner hat eine klare Vision: "Viele junge Afrikaner in Arbeit bringen, ohne Schadstoffe zu produzieren."

© SZ vom 20.12.2019
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