Klassik in DachauBarockes mit Tanzcharakter

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Beim Herbstkonzert der Sinfonietta spielte Carla Marrero Violine unter Dachau der Leitung von Jesús Ortega Martínez.
Beim Herbstkonzert der Sinfonietta spielte Carla Marrero Violine unter Dachau der Leitung von Jesús Ortega Martínez.
Toni Heigl

Beim Herbstkonzert der „Sinfonietta Dachau“ geht der bald scheidende Dirigent Jesús Ortega Martínez in seiner Interpretation der Musik bewusst auf ihren Ballett-Charakter ein. Die spanische Solistin spielt Bach rasend schnell.

Von KarlAdolf Gottwald, Dachau

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Wenn es einem besonders gut geht, sagt man oft: „Dem geht es wie Gott in Frankreich.“ Beim Herbstkonzert der „Sinfonietta Dachau“ konnte man das vom Publikum im Festsaal des Dachauer Schlosses sagen, denn hier bekam es erstmals französische Barockmusik vom Feinsten in exquisiter Darbietung serviert. Es waren die Ouvertüre und Tänze aus der Ballettkomödie „Le Bourgeois gentilhomme“ (Der Bürger als Edelmann) von Jean-Baptiste Lully. Barockmusik hört man zur Genüge, aber fast ausschließlich italienische und deutsche, also Werke von Corelli bis Vivaldi und von Bach, Händel und Telemann. All das in Ehren, aber französische Barockmusik ist etwas anderes, überaus elegant und vor allem durchwegs tänzerisch. Die stilbildende Comedie-ballet schuf Lully in Zusammenarbeit mit Moliere.

Das Orchester „Sinfonietta Dachau“ unter seinem (leider scheidenden) Dirigenten Jesús Ortega Martínez ging in seiner Interpretation dieser Musik bewusst auf ihren Ballett-Charakter ein. Das Orchester spielte im Stehen, und Martinez wandte sich vor den einzelnen Sätzen an das Publikum und wies auf deren Tanzcharakter hin. Er ging sogar so weit, dass er die laut Programmheftchen noch heute berühmte Einzugsmusik „Marche pour la Ceremonie des Turcs“ mittels Aufstoßens eines handfesten Stabes dirigierte. Das war leichtsinnig; denn Lully starb an den Folgen einer Fußverletzung, die er sich beim Dirigieren durch heftiges Aufstoßen eines solchen Stabes zuzog. Zum absoluten Comedie-ballet-Glück musste man sich nur noch französisches Ballett dazudenken – was wohl eine große Aufgabe für Dachauer Tanzschulen gewesen wäre.

Ballettmusik im türkischen Stil

Danach setzte sich das Orchester, und man konnte denken, nun folge der gemütliche Teil. Weit gefehlt! Das jetzt folgende Konzert für Violine und Orchester in A-Dur KV 291 von Wolfgang Amadeus Mozart dirigierte Martínez überhaupt nicht gemütlich, sondern er ließ das Orchester so überaus profiliert musizieren, dass man meinen konnte, Mozart habe dieses Konzert für Orchester mit Einlagen einer Solo-Violine geschrieben. Die Solistin, die Spanierin Carla Marrero, spielte außerordentlich virtuos, was vor allem bei ihren grandios gestalteten Solokadenzen zum Tragen kam, doch konnte sie sich gegenüber dem oft auftrumpfenden Orchester nicht immer durchsetzen. Martínez legte Wert auf größte Kontraste der Dynamik, was zur Folge hatte, dass die Bläser, vor allem die Blechbläser, bisweilen alles klanglich überdeckten. Besonders scharf akzentuiert erklang die Episode im dritten Satz, in welchem Mozart Ballettmusik im türkischen Stil einbrachte. Als Zugabe spielte Carla Marrero den dritten Satz aus der Sonate für Violine solo in C-Dur von Johann Sebastian Bach so rasend schnell, dass die Bewunderer von Virtuosität begeistert waren, während für die Bewunderer von Bachs Musik dieses Tempo schrecklich war. Das Largo dieser Sonate aber beglückte alle Zuhörer.

Zuletzt das – trotz aller Großartigkeit der Musik vor der Pause – Hauptwerk des Abends, die Sinfonie Nr. 103 Es-Dur „Mit dem Paukenwirbel“ von Joseph Haydn. Mit Jesús Ortega Martínez war da ein Dirigent am Werk, dem die Größe und Bedeutung Joseph Haydns und speziell dieser seiner wohl größten Sinfonie bewusst ist. Er dirigierte die ganze Sinfonie ungemein detailgenau, aber auch kontrastreich, wie man sie sonst kaum einmal hört. Diese Sinfonie beginnt mit einem „Intrada“ genannten, den ersten Takt füllenden Paukenwirbel. Der Sinfonietta-Paukenist hat daraus ein veritables Paukensolo gemacht, das erst zum Schluss hin in einen Paukenwirbel mündete. Das war ein bezeichnender Auftakt für eine Aufführung, in der jedes Motiv, jede Wendung auf das Genaueste erfasst und bis an die Grenze der Überinterpretation nachgezeichnet war. Wieder waren die dynamischen Kontraste sehr stark und wieder kamen die Forte- und Fortissimo-Einsätze des vollen Orchesters (mit allen Bläsern) fast überfallartig. Aber die Größe und Feinheit der Komposition war entschieden herausgearbeitet, und nur darauf kommt es an.

Für die Zugabe griff Martínez mit einem Stück von Jean-Philippe Rameau auf französische Barockmusik zurück, und das Publikum konnte sich noch einmal „wie Gott in Frankreich“ fühlen.

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