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Sieverding-Ausstellung:Kritisches Gesamtkunstwerk

Erklärungen sind wichtig, wenn man die hintergründigen Bilder von Katharina Sieverding begreifen will

Besucher, die einfach mal vorbeigeschneit kommen, um sich im Dachauer Schloss die Arbeiten der weltberühmten Fotokünstlerin Katharina Sieverding anzusehen, werden beeindruckt sein - allein schon aufgrund der Größe und brillanten Ästhetik der Werke. Allerdings könnten sie die Schau auch mit einem Gefühl der Verwirrung verlassen. Was zum Beispiel will einem die Künstlerin sagen mit einem Selbstporträt in einem eng taillierten indianerartigem Kostüm nebst der Aufnahme einer chinesischen Milizionärin, über dem der Spruch prangt: "Selbst in der Winterkälte arbeiten Taucher 20 Meter tief unter Wasser." Womöglich ist einem diese moderne Fotokunst ja doch irgendwie zu hoch...

Doch man sollte nicht vorschnell urteilen. "Diese Ausstellung kann man eigentlich nicht verstehen ohne eine Führung", sagt Bärbel Schäfer, studierte Kunsthistorikerin und Kuratorin der Ausstellung. "Hier geht es um Konzeptkunst. Das ist ein Gesamtkunstwerk", betont sie. Und weil diese Ausstellung im Rahmen der Reihe "Kunst und Bank" der Volksbank-Raiffeisenbank Dachau ausdrücklich kein exklusiver Event für intellektuelle Nerds der Hochkultur sein soll, sondern für alle, die Interesse an Kunst und Zeitgeschehen haben, für große und kleine Leute, führen fachkundige Guides regelmäßig Besucher durch die Ausstellung, auch Schulklassen.

Katharina Sieverding ist eine Künstlerin, die historische und politische Geschehnisse in den Fokus ihrer Betrachtung rückt und in Beziehungen zu einander setzt, eine permanent reflektierende Chronistin, die große Konfliktlinien der Weltpolitik herausarbeitet, die aber auch ganz grundsätzlich nach dem Stellenwert des Menschen im gesellschaftlichen, im globalen und, ja, auch im kosmischen Gefüge fragt.

Als Künstlerin, die auch einige Zeit am Theater gearbeitet hat, nutzt Katharina Sieverding künstlerische Mittel des Ausdrucks wie sie in Theater, Film und Performance üblich sind. Vor farbig gestalteter Kulisse agieren die Figuren bei ihr wie auf einer Bühne. Wie im Theater der Aufklärung zu Schillers und Lessings Zeiten soll ihre Kunst etwas beim Betrachter bewirken. Das kann kaum erstaunen: Sieverding war Meisterschülerin von keinem Geringeren als Joseph Beuys.

"Im Grunde genommen ist es ganz einfach", sagt Bärbel Schäfer. "Katharina Sieverding geht es um eine bessere Welt, eine gerechtere Welt." Sie bedient sich dabei eines äußerst skeptischen Ansatzes, der, wie Schäfer sagt, "erst mal alles infrage stellt". Dass ihr das nicht nur tiefschürfend, sondern auch sehr ästhetisch gelingt, ist das, was Kuratorin Bärbel Schäfer an der Künstlerin besonders begeistert.

Fotografie

Die großformatige Fotografie ist eine Ausdrucksform, mit der sich Katharina Sieverding in den Siebzigerjahren künstlerisch emanzipiert hat. In dem Medium fand sie ihr Ausdrucksmittel, das Zeitgeschehen und die darin wirkenden Triebkräfte in künstlerischer Form abzubilden. Sieverding arbeitet nicht nur mit eigenen Aufnahmen, sondern verarbeitet auch Pressefotos oder Aufnahmen der NASA.

Politik

Sieverding

Dem nordkoreanischen Potentaten Kim Jong-un kann der Betrachter in dieser Arbeit beim Shoppen zusehenen

(Foto: Niels P. Joergensen)

Sieverding inszeniert die Kräfte des Weltgeschehens auf ihren oft plakatwandgroßen Bildern nicht, sie legte sie offen. Bisweilen entlarvt sie diese mit einer gehörigen Portion Ironie. In "Global Desire I" lässt sie in einer Überblendung den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-Un samt Entourage grinsend durchs Amazon Fulfillment Center PHX6 in Phoenix Arizona marschieren - ein dicker grinsender Junge in einem megalomanischen Konsumparadies. Während die Menschen in Nordkorea in ärmsten Verhältnissen leben, wird das Privatvermögen ihres "obersten Führers" umgerechnet auf mehr als 4,2 Milliarden Euro geschätzt.

Mikrowelt und Makrowelt

Sieverding

In einer Video-Blackbox kann man "Die Sonne bei Mitternacht schauen".

(Foto: Niels P. Joergensen)

Wer sich wie Katharina Sieverding mit der Rolle des Menschen in einer komplexen globalisierten Welt auseinandersetzt, braucht beide Perspektiven: den Blick aus nächster Nähe fürs Detail - und die größtmögliche Distanz, um die großen Zusammenhänge zu erkennen und zu zeigen. Beides tut Katharina Sieverding: In einer Blackbox, die im Foyer des Schlosses steht, laufen unter dem paradoxen Titel "Die Sonne um Mitternacht schauen" digitale Filmprojektionen von der Sonne, die dem Besucher plastisch vor Augen führen, was für ein unbedeutendes Stäubchen im Kosmos er ist. Die Künstlerin arbeitet auch mit mikroskopischen Motiven, etwa mit Bildern von Blutkristallisationen (einem alternativmedizinischen Diagnoseverfahren), die exemplarisch zeigen, wie viel von dem, was an einzigartiger Individualität in uns steckt, unsichtbar und rätselhaft bleibt.

Das eigene Gesicht

Ein bevorzugtes Motiv Sieverdings ist das eigene Antlitz. Kritiker haben ihr deshalb oft angekreidet, ihre Kunst sei selbstverliebt. Doch dieser Vorwurf verkennt, dass es bei den Porträts eben nicht um eitle Selbstbespiegelung geht. Vielmehr ist das Gesicht jene sichtbare Membran, die Innen- und Außenwelt, Individuum und Gesellschaft trennt und verbindet. Es ist eine Projektionsfläche für das Individuum an sich. Zugleich ist es ein Experimentierfeld, auf dem die Künstlerin auslotet, was die eigene Identität letztlich ausmacht, was man vom Gesicht wegnehmen, variieren oder hinzufügen kann. Gewissermaßen wo man anfängt, wo man aufhört und von welchen Kollektiven man Bestandteil ist.

Gold

Sieverding

Sieverdings Porträts reflektieren - wortwörtlich - die Umwelt

(Foto: Niels P. Joergensen)

Gold ist ein Symbol, das schon in alten Hochkulturen mit dem Licht der Sonne, mit der Ewigkeit verbunden wurde. So löst sich auch Sieverdings goldbestäubtes und allen Details menschlicher Haut beraubtes Konterfei aus seinem zeitlichen Zusammenhang. Es wird ein Artefakt, das neu definiert werden kann, je nach Kontext.

Sieverding spielt mit diesen Möglichkeiten, beispielsweise indem ihre Porträts die Wände im Vestibül des Schlosses usurpieren, wo vielleicht dereinst in Öl gemalte Herzöge der Wittelsbacher spitzbärtig herabgeschaut haben mögen. Im Glas der Bilder spiegeln sich die Fenster samt Ausblick in den Schlossgarten. Schöner wohnen als soziales Distinktionsmerkmal: passt irgendwie auch gut auf das Leben im Landkreis mit seinen Rekordmieten.

Showroom der Macht

Ein Fries mit griechischen Göttern und darüber eine Kassettendecke aus der Renaissance, die als eine der prächtigsten nördlich der Alpen gilt: Die Wittelsbacher wussten, wie sie ihre Macht zur Schau stellen. Katharina Sieverding nutzt dieses Ambiente subversiv. Die gelernte Bühnenbildnerin zerschneidet den Prunksaal diagonal mit einer fast 30 Meter langen skulpturalen Rauminstallation. Darauf zu sehen sind großformatige Fotografien auf Papier, die sich auf vielfältige Weise mit Macht, vor allem aber mit Machtmissbrauch beschäftigen: mit der übermenschlichen (bisweilen auch unmenschlichen) Anstrengung Chinas, zu einer führenden Weltmacht aufzusteigen, der Befeuerung des Nahostkonflikts durch die Großmächte in Ost und West - und natürlich darf auch das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte, die Tötung von Menschen im industriellen Maßstab, nicht ausgespart bleiben.

Ort des Terrors

"Ich würde nie hier in Dachau eine Kunstausstellung machen, die sich nicht mit dem Kontext des Ortes beschäftigt", hat Katharina Sieverding jüngst in einem Fernsehinterview gesagt. "Ich glaube, dass es mich vehement berührt hat, vor allem wenn man die derzeitige Entwicklung sieht in Deutschland." In Dachau errichteten die Nazis 1933 ihr erstes durchgängig betriebenes Konzentrationslager, das auch zur Blaupause für andere menschenverachtende Lager dieser Art wurde.

Dazu hat die Künstlerin ein neues Werk geschaffen, das gewissermaßen durch die Kuppel des Reichstags einen Blick auf die historischen Barackenanlagen auf dem KZ-Gelände wirft. Für Kuratorin Bärbel Schäfer ist das Werk ein Ansporn, sich zu fragen: "Welche Entscheidungen treffen wir? Welche Haltung nehmen wir ein?" Es ist keine Frage für Kunstexperten. Es ist eine Frage an jeden - gerade in der heutigen Zeit.

Am falschen Ort II: Ausstellung von Katharina Sieverding im Schloss Dachau. Öffnungszeiten: Täglich 10 Uhr bis 18 Uhr und donnerstags 10 bis 20 Uhr. Führungen werden an den folgenden Tagen angeboten: Montag, Dienstag, Mittwoch 11 und 15 Uhr, Donnerstag, 11 Uhr, 15 Uhr und 18 Uhr, Freitag 11 Uhr, Samstag, Sonntag und feiertags 11 Uhr, 14 Uhr und 16 Uhr. Einzelticket: neun Euro, ermäßigt sieben. Weitere Werke Sieverdings sind zu den Schalteröffnungszeiten in den Räumen der Volksbank-Raiffeisenbank zu sehen.

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