Siedlungsgeschichte Tür in die Vergangenheit

Der Ludlhof ist Teil der Karlsfelder Siedlungsgeschichte. Die kleine Kapelle steht unter Denkmalschutz. Ob bei der Überplanung des ganzen Areals auch der Hof und das Sommerhaus erhalten bleiben, entscheidet der Gemeinderat am Donnerstag

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

Wer heute an der Münchner Straße steht, den dichten Verkehr an Mediamarkt, Tankstellen und Gesundheitszentrum vorbeirauschen sieht, braucht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie Karlsfeld einst war. Um die Jahrhundertwende standen rechts und links der Straße gerade mal 16 Bauernhöfe beschaulich und ruhig nebeneinander. Die kleine Ludl-Kapelle neben der Nummer zwölf zog alle Aufmerksamkeit auf sich. Hier beteten die Karlsfelder, zelebrierten ihre Messen, Pfarrer Michael Hölzl feierte hier sogar seine Primiz. Heute muss man schon genau hinschauen, um das Kleinod im staubigen Straßengraben hinter einem schäbigen Bauzaun noch zu entdecken. Trotzdem sind die Karlsfelder stolz auf das Kapellchen.

Auch wenn Baulöwen und Investoren große Pläne schmieden, die Kapelle bleibt stehen. Das stand nie in Frage und zwar nicht nur weil das Landesamt für Denkmalpflege das so will. Für die Karlsfelder ist das Gotteshaus etwas Besonderes, das Fenster zur Vergangenheit, ihre Geschichte. 1900 wurde es fertiggestellt und der Heiligen Anna geweiht - nach Anna Wildmoser (1843 bis 1899), der Frau von Ignaz Ludl. Diese hatte ein Gelübde abgelegt, dass sie eine Kapelle bauen wolle, wenn ihr Kinderwunsch erfüllt würde. Zum Dank für ihre fünf Kleinen drängte sie mit Vehemenz auf die Errichtung der Kapelle. Die Fertigstellung des fast zwölf Meter hohen Gotteshauses erlebte sie aber nicht mehr.

Karlsfeld zwischen Tradition und Moderne: Anfang des 20. Jahrhunderts war die Ludl- Kapelle der Hingucker. Reproduktion: Niels P. Joergensen

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Die neugotische Kapelle ist übrigens nicht nur von außen sehenswert, auch von innen hat sie einiges zu bieten: So steht im Zentrum des Altars eine Madonna mit Kind. Heimatforscherin Ilsa Oberbauer vermutet, dass die bemalte Holzfigur aus dem Kloster Thierhaupten bei Donauwörth stammt. "Die Familie Ludl kommt daher", sagt sie. Durch Zufall habe sie Aufzeichnungen gefunden, die besagen, dass ein Ignaz Ludl eine Madonna aus dem Kloster ersteigert hat. Das Kloster wurde 1803 im Zuge der Säkularisation aufgelöst und dessen Besitztümer versteigert. Später ließ sich die Familie Ludl offenbar in München nieder. "Die halbe Nymphenburger Straße gehörte den Ludls", erklärt Oberbauer. "Sie waren im Milchgeschäft tätig, dann hatten sie ein Fuhrunternehmen und schließlich eine Sandgrube." 1896 kaufte Ignaz Ludl, einer aus dem Clan, den Hof Nummer zwölf in Karlsfeld von Urban Fink, der ihn 1803 erbaut hatte. Im Laufe der Jahre wurde der Hof x-mal verändert, erweitert und ergänzt. Neben Wohnhaus und Stall direkt an der Münchner Straße gibt es noch eine Remise, eine kleine Werkstatt, in deren vorderen Teil offenbar auch geschlachtet wurde - und als kleines Kuriosum das sogenannte Sommerhaus.

Bei einer Besichtigung der alten Gebäude im Herbst 2017 lehnte das Landesamt für Denkmalpflege es ab, Hof und Sommerhaus unter den besondern Schutz der Behörde zu stellen, erzählt Kreisheimatpflegerin Birgitta Unger-Richter. Im 20. Jahrhundert fiel ein Teil des Hauses einem Brand zum Opfer, wurde wieder aufgebaut, aber eben auch verändert. "Das Wohnhaus hat keine originalen Böden mehr und der Eingang wurde auch verlagert", sagt Unger-Richter. Sehr beeindruckend findet sie den riesigen Dachstuhl. Aber insgesamt ist der Hof einfach nicht herausragend genug, um für die Denkmalpfleger interessant zu sein. Auch das Sommerhaus fiel durch. "Dies ist sicher auch eine Frage des Zeitpunkts", sagt sie. Denn der Ludlhof ist Siedlungsgeschichtlich für Karlsfeld interessant: "Es ist die letzte Hofstelle, die sichtbar ist." Deshalb plädiert die Kreisheimatpflegerin dafür, nicht nur die geschützte Kapelle, sondern auch den Hof zu erhalten. "Wenn man den vorderen Riegel erhält, bleibt die Geschichte ablesbar und die Kapelle in ihrem Kontext. In Karlsfeld gibt es nicht viele prägende Bauten", sagt Unger-Richter. Hof, Kapelle und Sommerhaus gehören für sie dazu. "Es ist wichtig, dass die Kapelle einen würdigen Rahmen erhält." Die Kreisheimatpflegerin ist froh, dass in Karlsfeld ein Bewusstsein dafür gewachsen ist. Bei den Planungen haben sich viele für den Erhalt der historischen Bausubstanz ausgesprochen.

Das Herz von Ilsa Oberbauer, der Leiterin des Karlsfelder Heimatmuseums, hängt indes nur an der Ludl-Kapelle. Anders als Unger-Richter, die das kleine Gotteshaus an Ort und Stelle halten möchte, wünscht sich Oberbauer, dass die Kapelle etwas versetzt und erhöht wird, damit sie schön zur Geltung kommt. Hof und Sommerhaus seien heruntergekommen und zu stark verändert worden, sagt sie. Letzteres "passt auch gar nicht hierher".

Dennoch identifizieren sich viele Karlsfelder gerade mit dem Sommerhaus und wollen es erhalten. Ignaz Ludl gab es 1913 in Auftrag. Es sieht aus wie eine Almhütte aus dem Berchtesgadener Land, für das Ludl einen Faible hatte. Die Familie hatte dort ein Grundstück. Lange Zeit war es das einzige Haus in Karlsfeld, das einen Keller hatte, berichtet Oberbauer. Das ist wohl auch der Grund, weshalb es auf eine Belleetage gebaut wurde. Der hohe Grundwasserspiegel war in Karlsfeld schon immer ein Problem - früher sogar noch mehr als heute. Man vermutete, dass im Sommerhaus eine Wirtschaft war, denn ein Raum war Holz vertäfelt und hatte eine Kassettendecke, wie es seinerzeit in Gaststuben üblich war. Doch das war wohl ein Irrtum. "Der Grundriss passt nicht", sagt Unger-Richter. Die Stube wäre zu klein gewesen. Die Kassettendecke gibt es nicht mehr. Oben drüber wurde laut Oberbauer Getreide gelagert. Damit nichts durch die Fugen rieselte, strich man Kleister zwischen die Holzpaneelen. Dieser hat die Decke wohl zerstört. Die Wandvertäfelung existiert aber noch. Anders als man denkt, ist das Karlsfelder Kuriosum nicht aus Holz, sondern es ist ein Steinbau, der in den 1950er Jahren mit Beton verkleidet wurde, so Unger-Richter. Dennoch sagt Architekt Klaus Kehrbaum, dass die Hütte abbaubar ist und jederzeit an anderer Stelle wieder aufgebaut werden könnte.

Alois Ludl war der letzte, der den Hof bewirtschaftete. Er starb 1987. Sein Neffe, Wolfgang Blank, kann sich noch an die Zeit erinnern: In den Semesterferien half er auf den Feldern und versorgte Kühe, Schweine und Hennen. "Etwa 30 Tiere waren auf dem Hof", sagt er. Die Kinder kamen zum Milchholen. Doch seit der Hof Ende der 1980er Jahre aufgelöst wurde, steht er leer.

Um die Kapelle kümmert sich Blank regelmäßig, schaut nach dem Rechten. "Einmal im Jahr findet dort noch eine Andacht statt", sagt er. Aber lediglich im Kreis der Familie. Früher war das anders. Von 1924 bis 52 kam der Pfarrer von Feldmoching einmal im Monat, um in der Ludl-Kapelle Gottesdienste zu feiern, sagt Oberbauer. Für die Bauern war das eine große Erleichterung, weil sie nicht mehr so weit fahren mussten. Etwa 50 Leute passen in die Kapelle. Alte Karlsfelder können sich sogar noch daran erinnern, dass die Kinder, wenn ihnen langweilig wurde, hinausgingen und Steinchen auf die Glocke warfen. "Als die Erwachsenen das Läuten hörten, dachten sie, der Gottesdienst sei zu Ende", lacht Oberbauer schelmisch. 1952 wurde schließlich die Pfarrkirche geweiht. Zum Andenken an Anna Wildmoser, die den Bau der Kapelle initiiert hatte, wurde sie der Heiligen Anna unterstellt. Seither gab es nur noch Maiandachten und Bittgottesdienste in der Ludl-Kapelle. 1985, war das letzte Mal, dass die Bauern für ihre Aussaat um Gottes Segen baten, sagt Oberbauer. Seither ist die Kapelle abgeschlossen.

Der Hof heute, aber von der Rückseite.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Viele Karlsfelder wünschen sich, dass sie öffentlich zugänglich wird. Das zeigte sich bei den jüngsten Planungen für das Ludl-Gelände. Doch sie ist in Privatbesitz. "Viele würden nicht kommen", wenn sie offen wäre, entgegnet Wolfgang Blank. Er ist übrigens der Enkel des ersten Bürgermeisters von Karlsfeld, Alois Ludl (1939 bis 45 leitete er die Gemeinde). Wenn aber einer käme, der die Kapelle sehen wolle und er habe Zeit, würde er die Leute schon hereinlassen, sagt er. "Momentan sind viele neugierig, aber wer geht heute noch in die Kirche?"

Neben der Madonna am Altar stehen rechts und links der Heilige Ignaz und die Heilige Anna. An der Decke ist ein Bild des Dachauer Malers Richard Huber. Genau genommen ist es ein Entwurf, den er selbst nicht mehr vollenden konnte, sagt Oberbauer. Denn er starb zuvor.

Am kommenden Donnerstag, 17. Januar, wird der Gemeinderat über das Schicksal der historischen Bauten abstimmen. Blank ist froh, dass der Investor so kooperativ ist, sagt er. Und alle Interessen auszuloten versuche. Darauf habe die Familie Wert gelegt.