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Seltene Sportart:Flossen hoch

Nix und Nixe

Roman, Franka und Alexander Sengpiel (v.l.) an ihrem Gartenteich in Dachau. Der ist den leidenschaftlichen Schwimmern allerdings zu klein. 50 Meter mindestens müssen schon sein.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die 15-jährige Franka Sengpiel hat mit ihrer Leidenschaft fürs Meerjungfrauenschwimmen die gesamte Familie angesteckt. Nun gewinnen auch ihr Vater und ihr Bruder bei Wettbewerben Goldmedaillen. Nur beim Üben in der Öffentlichkeit gucken die Leute komisch

Von Jana Rick, Dachau

Das Schwimmen liegt der Familie Sengpiel aus Dachau im Blut: Die drei Kinder und der Vater schwimmen leidenschaftlich im Verein und verbringen vermutlich mehr Zeit im Wasser als an Land. Dieses Profil würde vielleicht auch noch auf andere Familien in Bayern zutreffen. Schwimmen ist schließlich eine beliebte Sportart. Und doch sind sie eine ganz besondere Schwimm-Familie, die Sengpiels.

Wenn sie in freier Wildbahn schwimmen, zum Beispiel im Urlaub in Frankreich, dann kann es schon mal vorkommen, dass andere Strandbesucher "komisch schauen". Denn die Familie Sengpiel besteht aus einer Meerjungfrau und zwei Meerjungmännern. Tauchen sie im Wasser ab, dann schwingt oftmals eine bunte Flosse aus dem Wasser. Dass sie die Blicke auf sich ziehen, ist klar, doch viele möchten ihre Neugierde nicht zeigen. "Das ist immer so", erklärt der Vater und Meermann Alexander Sengpiel ein wenig enttäuscht. "Wenn wir hinschauen, schauen sie weg. Und sobald wir wegschauen, schauen sie wieder hin. Keiner traut sich, richtig hinzuschauen, aber eigentlich hat es alle interessiert."

Der schnellste Meermann Deutschlands

Das mittlerweile gemeinschaftliche Hobby führte die 15-jährige Franka in die Familie ein, als sie durch ein Youtube-Video auf die amerikanische Trendsportart aufmerksam wurde. So fand die erste Meerjungfrauenflosse 2012 ihren Weg in das Haus Sengpiel. Der Vater meldete seine Tochter im vergangenen Jahr dann kurzer Hand bei der ersten Deutschen Meisterschaft im Meerjungfrauenschwimmen im thüringischen Suhl an. Noch spontaner entschied sich der Luft- und Raumfahrt-Ingenieur sogar dazu, selbst am Wettkampf teilzunehmen. Das Ergebnis: Eine Bronzemedaille für Franka Sengpiel in der Altersklasse 12/13 und eine Goldmedaille für Alexander Sengpiel. Er konnte sich der "schnellste Meermann Deutschlands" nennen.

Dieses Jahr traten Franka und ihr Vater selbstverständlich wieder bei der Meisterschaft in Suhl an, um ihre Titel zu verteidigen. Diesmal sogar zu dritt: Der zwölfjährige Roman entschied sich, dem Vorbild seines Vaters zu folgen und sprang auch mit Flosse ins Wasser. Diese Kurzentschlossenheit scheint das Geheimnis des Schwimmerfolgs zu sein: Roman holte den Titel nach Dachau, er ist Deutscher Meister im Meermannschwimmen auf 50 Metern der Altersklasse 12/13. Er selbst sieht seinen Sieg locker. "Für mich war das relativ einfach, weil ich gut im Delfinschwimmen bin", erklärt er. Beherrsche man diese Schwimmtechnik, dann falle einem das Schwimmen mit Flosse leichter.

Roman schlüpfte am Tag des Wettbewerbs zum ersten Mal in eine Meerjungfrauenflosse, auch wenn er vorher bereits einmal mit der Monoflosse seines Vaters trainiert habe. Das Monoflossenschwimmen ist eine besondere Trainingsart des Schwimmens und wird vor allem bei Tieftauchern angewendet. Insgesamt traten bei der diesjährigen Meisterschaft in Thüringen nur vier Jungen an, in drei verschiedenen Altersklassen. Roman schwamm alleine in seiner Altersklasse, was er jedoch vor der Anmeldung nicht wusste. "Es war Zufall und Glück", lächelt er. Direkte Konkurrenz hatte der Junge so zwar nicht, dafür übertraf er sich selbst und erreichte seine persönliche Bestzeit. Die Familie beschreibt ihr ungewöhnliches Hobby mit viel Begeisterung und doch ist es für Nicht-Kenner eine fremde Welt. Eine "Pseudowelt", so erklärt es Alexander Sengpiel: Jeder Schwimmer trägt zusätzlich zu seinem normalen Namen einen Namen aus dem Meeresvolk, den man sich in einer App erstellen lassen kann. Einen Meeresnamen sozusagen. Roman heißt Jeremias, Franka Luciana und Alexander ist Triton, der Sohn Poseidons.

Luftblasen sind strengstens verboten

Beim Meerjungfrauenschwimmen gibt es verschiedene Kategorien: Das "Mermaiding Rescue" kann mit dem normalen Rettungsschwimmen verglichen werden. Hierbei geht es darum, eine andere Meerjungfrau in Not zu retten. In einer weiteren Kategorie geht es um Schönheit, wenn Meerjungfrauenschwimmerinnen unter Wasser ein perfektes Lächeln vor der Kamera zeigen müssen und das auch noch mit offenen Augen. Luftblasen sind dabei strengstens verboten. Bewusst Luftblasen unter Wasser erzeugen, ist eine andere Disziplin: Im Meerjungfrauentraining werden horizontale "Bubbles" oder Herzen eingeübt.

Alexander Sengpiel trainiert jeden Samstagabend eine kleine Gruppe von Meerjungfrauenschwimmerinnen in Dachau und bringt ihnen dabei die wichtigsten Regeln bei. Er unterscheidet strikt zwischen "Mermaiding", also der Sportart für Frauen und "Mermaning", der für das männliche Meeresvolk. "Ich will keine Meerjungfrau sein", betont der Vater. "Ich will ein Meermann sein. Ein Orka. Kein Fisch, der langsam dahin schwimmt." Deswegen kann er persönlich mit dem Modeln unter Wasser wenig anfangen. Er und sein Sohn schwimmen lieber auf Zeit, diese Kategorie nennt sich "Speed Mermaiding". Manchmal schwimmen die Sengpiels auch zum Spaß gegeneinander mit Monoflosse und bei der Frage, wer dann der Schnellste ist, antworten die Jüngsten im Chor: "Der Papa."

14 verschiedene Farben für Frauen, zwei für Männer

Franka zählt in der Rangliste weiter auf: "Dann komme ich und dann der Roman." Ihr Bruder wirft empört ein: "Aber mit meiner neuen Flosse haben wir das noch nicht ausprobiert." Seiner Meinung nach ist also noch alles möglich. Bei der Meisterschaft im September gewann Roman einen Gutschein für eine Meerjungfrauenflosse, die er sich im Internet bestellte. Etwa 140 Euro kostet die Ausstattung, 70 Euro das Kostüm, 70 Euro die Flosse. Roman entschied sich für blau, wie sein Vater. Franka schwimmt in einer grünen Flosse. Doch auch hier gibt es Geschlechterunterschiede. "Es ist schon ungerecht - für Frauen gibt es 14 verschiedene Farben, und für Männer nur zwei", klagt Alexander. Er habe sich schon einmal darüber beschwert, doch die Nachfrage sei einfach zu klein in diesem Bereich. Auch wenn sich die männliche Teilnehmerzahl bei der Deutschen Meisterschaft seit 2016 verdoppelt hatte, bleiben Meermänner eine Seltenheit.

Roman hat eine andere Sichtweise: "Ich finde es toll, dass die Monoflossen umgeändert wurden, sodass auch Frauen sie gerne anziehen. Mit den bunten, glitzernden Kostümen wird das Monoflossenschwimmen den Frauen näher gebracht", erklärt er fachmännisch.

Vor seinen Freunden hängt er sein Hobby und seinen gewonnenen Titel nicht an die große Glocke. "Neulich habe ich meinem besten Freund davon erzählt und er war schon relativ überrascht", gibt der Zwölfjährige zu. "Aber dann habe ich ihm erklärt, dass es im Prinzip Monoflossenschwimmen ist und dann hat er es eingesehen." Reaktionen wie diese ist die Familie gewohnt, doch trotz aller Hindernisse bleiben die drei Sengpiels ihrer seltenen Sportart treu und trainieren fleißig für die dritte Meisterschaft im Meerjungfrauenschwimmen im nächsten Jahr.

Roman hofft auf mehr männliche Konkurrenz in seinem Alter, damit der Wettbewerb "anspruchsvoller" für ihn werde. Und vielleicht tritt sogar noch ein weiteres Familienmitglied nächstes Jahr mit an: Der neunjährige Michael ist auch ein großer Schwimmer, aber noch konnten ihn seine Geschwister nicht dazu überreden, in ein Meerjungfrauenkostüm zu schlüpfen. "Mal sehen, ob wir ihn nächstes Jahr dazu bringen können", sagt der Vater der drei Schwimmer optimistisch. Nur die Mutter der Familie bleibt bei ihrer Entscheidung, nicht ins Meeresvolk einzutreten. "Sie ist wie unsere Katzen", erklärt Roman. "Sie geht zwar duschen, aber ansonsten ist sie wasserscheu." Bleibt nur noch abzuwarten, wie lange es dauert, bis auch den zwei Hauskatzen der Familie Flossen wachsen. Bei den Sengpiels erscheint ja alles möglich.

© SZ vom 11.11.2017/lela
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