Katholische KircheSeligsprechung einstiger Dachauer KZ-Häftlinge in Notre-Dame

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Pierre de Porcaro, Priester aus Frankreich, war Häftling des Konzentrationslagers Dachau. Einem Kameraden soll er kurz vor seinem Tod gesagt haben: „Ich nehme das Opfer an, das der Herrgott mir schickt.“
Pierre de Porcaro, Priester aus Frankreich, war Häftling des Konzentrationslagers Dachau. Einem Kameraden soll er kurz vor seinem Tod gesagt haben: „Ich nehme das Opfer an, das der Herrgott mir schickt.“ (Foto: Priesterseminar Versailles)

Die katholische Kirche hat angekündigt, fünf weitere ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau seligzusprechen. Es handelt sich um französische Geistliche, die als Untergrundseelsorger in Nazi-Deutschland aktiv waren.

Von Thomas Radlmaier, Dachau

Victor Dillard hatte sich freiwillig gemeldet. Während der deutschen Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg willigte der Priester aus der Stadt Blois an der Loire ein, als Untergrundseelsorger nach Deutschland zu gehen, um dort französischen Zwangsarbeitern beizustehen. Im Herbst 1943 nahm er einen falschen Namen an, gab sich als Elektriker aus und arbeitete in einer Dampfkesselfabrik in Wuppertal. Dies war alles nur Teil seiner Tarnung. Heimlich suchte Dillard Arbeitslager in der Umgebung auf, um mit Gefangenen Messen zu feiern. Einige Monate ging das gut. Doch im April 1944 flog der 46-Jährige auf. Wegen „antideutscher politischer Umtriebe“ wurde er verhaftet und in verschiedene Gefängnisse gesperrt. Im November 1944 wurde er in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Dort starb er nach wenigen Wochen im Januar 1945.

Jetzt, mehr als 80 Jahre später, will die katholische Kirche Dillard und vier weitere ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau im Dezember bei einer Zeremonie in der Pariser Kathedrale Notre-Dame seligsprechen. Wie der Verein Selige Märtyrer Dachau mitteilt, sind dies neben Victor Dillard die französischen Geistlichen Pierre de Porcaro, Henri Euzenat, René Boitier und Jean Bernier. Sie alle betrieben im Zweiten Weltkrieg verbotene Seelsorge für französische Kriegsgefangene, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden waren.

26 Geistliche meldeten sich freiwillig als Untergrundseelsorger

Zwischen 1940 und 1945 wurden Hundertausende Franzosen in Deutschland zur Arbeit gezwungen. Sie mussten auf landwirtschaftlichen Betrieben oder in der Kriegswirtschaft schuften. Angaben des Vereins Selige Märtyrer zufolge hatte der Erzbischof von Paris, Kardinal Emmanuel Suhard, als erster die Idee, für die Zwangsarbeiter eine illegale Seelsorge einzurichten. Dazu habe er die französischen Bischöfe aufgefordert, getarnte Priester als Freiwillige nach Deutschland zu schicken. „26 meldeten sich. Ihre Aufzeichnungen lassen erkennen, dass sie von ihrem Glauben getragen wurden und ihr Leben bewusst aufs Spiel setzten“, so der Dachauer Verein.

Einer davon war Henri Euzenat aus Blesme. Er arbeitete ab Herbst 1941 in einer Nähmaschinenfabrik in Karlsruhe. Zusammen mit anderen Katholiken organisierte er nicht zugelassene Messen auf Französisch oder heimliche Stundenzirkel. Die Gruppe um Euzenat haben auch einen untergetauchten französischen Priester aufgenommen, so der Verein Selige Märtyrer. Euzenat und andere wurden im Januar 1944 verhaftet, nachdem ein Spitzel sie verraten hatte. Der 23-Jährige wurde in das Konzentrationslager Dachau und dann in das Konzentrationslager Mauthausen verschleppt. Dort starb er im April 1945 kurz vor der Befreiung durch die Amerikaner.

Ein ähnliches Schicksal teilte der Priester Pierre de Porcaro. Er war als illegaler Seelsorger in Dresden aufgeflogen und in das Konzentrationslager Dachau gesperrt worden. Dort erkrankte er an Typhus und starb im März 1945. Einem Kameraden soll er kurz vor seinem Tod gesagt haben: „Ich biete mein Leben für Frankreich an, ich nehme das Opfer an, das der Herrgott mir schickt.“

In ein paar Monaten werden Pierre de Porcaro und die anderen Geistlichen in Notre-Dame seliggesprochen. Laut dem Verein Selige Märtyrer Dachau gibt es dann 62 ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau, die als „Selige“ bezeichnet werden dürfen.

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Karl Leisner war der einzige Häftling, der im Konzentrationslager Dachau heimlich zum Priester geweiht wurde. Vor genau 80 Jahren, am 12. August 1945, starb er im Waldsanatorium in Krailling. Bis heute hat er für viele Katholiken eine große Bedeutung.

SZ PlusVon Thomas Radlmaier

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