Karlsfeld:Vom Glück, zu frieren

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Karlsfeld: Hüpfen auch im Winter in den Karlsfelder See: Die Freiwasserschwimmer Manni Mayr (links) mit Gesa Jörg.

Hüpfen auch im Winter in den Karlsfelder See: Die Freiwasserschwimmer Manni Mayr (links) mit Gesa Jörg.

(Foto: Toni Heigl)

Die Freiwasserschwimmer Gesa Jörg und Manni Mayr lassen sich durch die eisigen Temperaturen des Karlsfelder Sees nicht von ihrem Training abhalten. Wieso tun sie sich das an?

Von Miriam Dahlinger, Karlsfeld

Es zieht sie in den See. Abtauchen, das kalte Wasser im Gesicht spüren, den linken Arm mit einen kräftigen Zug nach unten ziehen, dabei seitlich einatmen, den rechten Arm weit nach vorne strecken, ausatmen. Mit jedem Zug etwas mehr Abstand vom Ufer und der zermürbenden Corona-Nachrichtenlage gewinnen. Darauf haben sich die beiden befreundeten Freiwasserschwimmer Manfred Mayr und Gesa Jörg schon die ganze Woche gefreut. Doch zunächst müssen sie sich gegen die Kälte wappnen.

Die Außentemperatur in Karlsfeld misst an diesem Januartag sechs Grad, ebenso wie die Wassertemperatur. "A richtig's Kaiserwetter", sagt der gebürtige Dachauer Manni Mayr, 53, in melodischem Oberbayerisch zu Gesa Jörg, die sich gerade eine dicke Schicht Vaseline ins Gesicht schmiert. Die Hebertshauserin hat zum Schwimmen einen Neoprenanzug über ihre Skiunterwäsche gezogen, dazu trägt sie ein Paar passende Neoprensocken über ihren Wandersocken. Manni Mayr spricht lauter, nachdem er sich zwei Taucherhauben über seine Schwimmkappe gezogen hat. Er befestigt gerade seine Handschuhe mit zwei Einmachglas-Gummis, damit nicht zu viel kaltes Wasser in die Handschuhe dringt. "Wenn man kein Gefühl mehr in den Händen hat, wird das Kraulen schwer", erklärt er.

Bisher blieben die Hallenbäder im Landkreis im zweiten Corona-Winter unter Beachtung der 2-G-Plus-Regelung geöffnet. Trotzdem wollen Gesa Jörg und Manfred Mayr auch in dieser Saison das Schwimmen im eiskalten Wasser nicht missen. "Ist doch ideal", sagt Jörg mit Blick auf die steigenden Infektionszahlen im Landkreis. "Wir sind an der frischen Luft und müssen nie nah an andere Leute heran", sagt sie. Tatsächlich sind außer ihnen nur ein paar Wasservögel im Karlsfelder See, als die beiden mit kräftigen Zügen 20 Minuten lang Bahnen in die glatte Wasseroberfläche ziehen. Vom Ufer aus beobachten dick eingepackte Spaziergänger aus sicherer Entfernung die beiden beim Sporteln.

"Wenn ich schwimme, tut mir nichts weh"

Manni Mayr, 53, schwimmt vier- bis fünfmal die Woche, davon zweimal im See. So richtig habe er erst mit Ende 40 mit dem Schwimmen begonnen, weil er nach einigen Stürzen und einer Hüftoperationen das Fahrradfahren aufgeben musste. "Wenn ich schwimme, tut mir nichts weh", erklärt er seine späte Liebe fürs Schwimmen. Mayr nimmt regelmäßig an Freiwasserwettkämpfen wie dem "Alpen Open Water Cup" teil, zuletzt wurde er in seiner Altersklasse Sechster. Aber als dann während des ersten Winters die Schwimmbäder schließen mussten, habe er "seelisch abgebaut", erinnert er sich. "Ich war das Schwimmen so gewöhnt, dass sich meine Frau beschwert hat, dass ich immer grantiger wurde." Also ließ sich Mayr etwas einfallen, um im Winter auch bei geschlossenen Hallenbädern weitertrainieren zu können. Für etwa 450 Euro kaufte er eine Ausrüstung. Denn nur in Badehose und Schwimmanzug würde das Freiwasserschwimmen auch für erfahrene Schwimmer wie Manni Mayr und Gesa Jörg nach ein paar Minuten zu gefährlich werden. Jörg trainiert im kalten Wasser nicht, um an Wettkämpfen teilzunehmen, sondern schult unter Wasser ihre Stimme. Als Sopranistin im lyrischen Opernensemble in Dachau helfe ihr das regelmäßige Freiwasserschwimmen dabei, die Ausdauer ihrer Atmung beizubehalten, sagt sie.

Offenbar hält die Mischung aus Kälte und Bewegung ein besonderes Glücksgefühl bereit, denn als Mayr und Jörg aus dem Wasser kommen, strahlen sie wie kleine Kinder nach einer Schneeballschlacht. "Jetzt bin ich ein anderer Mensch", sagt Manni Mayr als er sich mit tauben Fingern aus den klammen Neoprenschichten schält. "Und jetzt kommt die Kür", sagt Gesa Jörg, als sie noch einmal ins Wasser gehen. Diesmal aber ohne Schwimmsachen. "Megageil", ruft Mayr, "aber arschkalt."

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