Schwieriger Anfang Ein Geschenk für Dachau

Teilnehmer der Internationalen Jugendbegegnung, die jedes Jahr viele Gäste aus Europa, Israel und den USA zusammenbringt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Das Max Mannheimer Haus feiert 20-jähriges Bestehen. Die Mehrheit der Kommunalpolitiker in der Stadt wollte die Einrichtung zur Auseinandersetzung mit der Nazigeschichte verhindern - heute sieht die Begegnungsstätte auf eine einmalige Erfolgsgeschichte zurück.

Von Petra Schafflik und Helmut Zeller

Vom Kompromiss zur Erfolgsgeschichte: Genau vor 20 Jahren, am 4. Mai 1998, wurde nach langen politischen Auseinandersetzungen das Max Mannheimer Haus, damals noch Jugendgästehaus Dachau, offiziell eingeweiht. Heute gehört das Studienzentrum und Internationales Jugendgästehaus an der Roßwachtstraße ganz selbstverständlich zur Stadt.

Die Einrichtung wurde schon 2010 nach dem 2016 verstorbenen Holocaustüberlebenden Max Mannheimer benannt. Der Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees gehörte zu den energischsten Verfechtern der Einrichtung. Sie empfängt junge Leuten aus Bayern, Deutschland und der ganzen Welt, die sich in Dachau mit der Geschichte des Konzentrationslagers und des Nationalsozialismus auseinandersetzen möchten.

Kernangebot sind ein- bis fünftägige Studientage, die sich vor allem an Schulklassen richten, erklärt Nina Ritz, Bildungsleiterin im Max Mannheimer Haus. "Der Stammkundenanteil ist hoch, wir haben jetzt bereits Buchungen für 2020." Jugendgästehaus und Studienzentrum sind an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt. "Mehr Räume, mehr Personal und mehr Geld wären gut", sagt Ritz.

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Das Interesse an Zeitgeschichte lässt nicht etwa nach, im Gegenteil. Allein 4400 junge Leute haben 2017 an einem Studienprogramm des Max Mannheimer Hauses teilgenommen, 5800 Besucher zählen alle Veranstaltungen, von der Lesung bis zum Zeitzeugengespräch. Die Hälfte der Teilnehmer kommt aus Bayern, ein Drittel aus den übrigen Bundesländern.

Internationale Gäste reisen aus Österreich, Frankreich, Tschechien, Polen, Israel, der Schweiz, den USA und den Niederlanden an. Meist buchen die vielen Schüler- und Jugendgruppen das dreitägige Studienprogramm, "das gibt uns zeitlichen Spielraum für eine intensive Auseinandersetzung", erklärt Ritz.

Das Konzept des Studienzentrums setzt gezielt auf die gemeinsame Erarbeitung von Einsichten im Dialog und Meinungsaustausch. Kein vorgefertigtes Programm wird den jungen Teilnehmern übergestülpt, sondern das Angebot nach Vorwissen und speziellen Interessen angepasst.

Ziel sei es, nicht fertige Erkenntnisse von oben vorzusetzen, sondern die jungen Leute "durch forschendes, aufdeckendes Lernen zu eigenständigen Erkenntnissen anzuleiten". Dabei riskierten die Kursleiter in den Diskussionen und Gesprächen bewusst, dass auch einmal problematische, rassistische oder rechtsextreme Statements von den Teilnehmern geäußert würden, betont Bildungsleiterin Ritz. "Dann setzen wir uns damit auseinander, um so zum Nachdenken anzuregen." Auch der Gegenwartsbezug gewinne angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen mit dem erstarkenden Antisemitismus an Bedeutung.

Neben den Studientagen, die einen wichtigen Schwerpunkt der Bildungsarbeit ausmachen, organisiert das Max Mannheimer Studienzentrum vielfältige andere Veranstaltungen wie Seminare, Fachtagungen, Filmvorführungen, Lesungen und Zeitzeugengespräche. Dazu zählt auch das Dachauer Symposium für Zeitgeschichte, das seit dem Jahr 2000 stattfindet und sich als wichtiges Forum des wissenschaftlichen Austauschs zur Geschichte des Nationalsozialismus etabliert hat.

Ein Stück Zeitgeschichte des Umgang mit der Vergangenheit

Auch das ist ein Erfolg des Teams im Max Mannheimer Haus: Was heute selbstverständlicher Baustein ist im Angebot zur Zeitgeschichtsarbeit in der Stadt Dachau und weit über sie hinaus ausstrahlt, war lange Jahre massiv umstritten. Und ein Stück Zeitgeschichte des Umgangs mit der nationalsozialistischen Vergangenheit: Um 1980 besuchten jährlich zwischen 700 000 und 900 000 Menschen die KZ-Gedenkstätte Dachau. Etwa die Hälfte waren Jugendliche, die in Dachau länger bleiben wollten, aber keine Übernachtungsmöglichkeiten hatten.

Seit Mitte der 1980er Jahre gab es in der Stadt eine internationale Jugendbegegnung zur Geschichte des Konzentrationslagers, organisiert als sommerliches Zeltlager. Daraus erwuchs die Idee, nach dem Vorbild der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz auch in Dachau ein festes Haus zu schaffen, um die pädagogische Arbeit zu verstetigen. Mit diesem Ziel wurde der Förderverein für Internationale Jugendbegegnung gegründet.

Dieser Verein war es auch vor allem, der zusammen mit Überlebenden wie Nikolaus Lehner und Max Mannheimer sowie der KZ-Gedenkstätte das Begegnungszentrum erstritten hat. Seit 2014 trägt die Berufsschule Dachau den Namen des ehemaligen Dachauer Bürgers Nikolaus Lehner, der 2005 verstorben ist.

Es gab auch viel Unterstützung: Kirchen und Gewerkschaften, Israelitische Kultusgemeinden, Verfolgtenverbände und Praktiker der Jugendarbeit. Prominente Mitstreiter waren Hildegard Hamm-Brücher, Hans-Jochen Vogel, Altbischof Kurt Scharf, Prälat Michael Höck, Ralph Giordano und viele andere Wissenschaftler, Schriftsteller und Politiker. Doch es half - zunächst - nichts.

Heftige Auseinandersetzungen prägten jahrelang die politische Debatte in der Stadt - neben dem damaligen überparteilichen Bürgermeister Lorenz Reitmeier lehnte vor allem die CSU so eine Einrichtung in Dachau vehement ab. Kommunalpolitiker der CSU sprachen von einer "Gefahr einseitiger politischer Agitation" und "Kaderschmiede".

Georg Engelhard, damals CSU-Ortsvorsitzender, ließ bei einer Parteikundgebung im Bierzelt in Dachau gar über die Jugendbegegnungsstätte abstimmen - und behauptete fortan, alle Dachauer seien dagegen. Ein Parteifreund kündigte einen Kampf "bis zum letzten Blutstropfen" an.

Doch es gab besonnene Stimmen: Landrat Hansjörg Christmann (CSU) erinnert sich gut an jene Jahre. Er hatte 1989 die Jugendbegegnungsstätte an der KZ-Gedenkstätte Auschwitz besucht und den Austausch der Dachauer Künstler der Gruppe D mit Künstlern in der Stadt Oświęcim gefördert.

Mit Hilfe des Kulturreferenten Alfred Kindermann (CSU) brachte er die Gegner innerhalb der Partei Schritt für Schritt zum Einlenken. Er brachte den entscheidenden Kompromiss in die Debatte ein. Die Jugendbegegnungsstätte sollte nicht in eine private Trägerschaft, der die Mehrheit der Kommunalpolitiker misstraute, übergehen.

Am Ende des Streits stand auf Vermittlung des bayerischen Kultusministeriums der Kompromiss, die Einrichtung nicht als Internationale Jugendbegegnungsstätte zu errichten, sondern als eine Jugendherberge mit pädagogischem Bereich. So entstand das Jugendgästehaus Dachau. Träger der Einrichtung ist die Stiftung Jugendgästehaus Dachau, finanziert von Freistaat, Stadt und Landkreis.

Den Übernachtungsbetrieb mit 116 Betten und sechs Seminarräumen organisiert das Deutsche Jugendherbergswerk. Betriebsleiter Donatus Maurer wickelte mit seinem 17-köpfigen Team im vergangenen Jahr 21 522 Übernachtungen ab, die Auslastung liegt bei 75 Prozent, und das bezeichnet er als "sehr, sehr gut."

Im Jahr 2016, nach dem Tod des großen Zeitzeugen Max Mannheimer - er starb im Alter von 96 Jahren am 23. September - beschloss der Stiftungsvorstand die Umbenennung des gesamten Hauses in "Max Mannheimer Haus - Studienzentrum und Internationales Jugendgästehaus". So holte man sich das "International" zurück, das in den Gegnern Abwehr erzeugt hatte, weil sie seinerzeit glaubten, die "Vergangenheitsbewältigungsstätte" würde den weltweit schlechten Ruf von Dachau als KZ-Stadt noch festigen.

Der damalige Kultusminister Hans Zehetmair (CSU) sprach bei der Eröffnung 1998: "Die Stadt Dachau und ihre Bürgerinnen und Bürger dürfen stolz darauf sein, eine zukunftsweisende Einrichtung von solcher Ausstrahlungskraft zu besitzen." 20 Jahr später hat die Kommunalpolitik das nun auch endgültig erkannt. Es sei töricht gewesen, sagte Gerhard Engel, damaliger Vorsitzender des Stiftungsbeirats Jugendgästehaus und Präsident des Bayerischen Jugendrings, an einem der authentischen Orte des Nazi-Terrors "zu versuchen, diese Erinnerung zu verhindern oder klein zu halten".

Im Gästehaus logieren heute Klassen, Gruppen und Vereine, etwa die Hälfte der Übernachtungsgäste bucht direkt im Studienzentrum ein zeitgeschichtliches Bildungsprogramm. Aber auch die übrigen Besucher, betont Betriebsleiter Maurer, beschäftigten sich mit zeitgeschichtlichen Fragestellungen, organisierten sich eigene Tagungsprogramme oder Führungen, welche die KZ-Gedenkstätte anbietet.

Was die Erfolgsbilanz aus Sicht des Zeitgeschichtsreferenten des Stadtrats, Günter Heinritz (SPD), ein wenig trübt ist die Tatsache, "das viele Dachauer gar nicht wissen, was hier läuft." Allerdings versuche das Studienzentrum, die Dachauer über Schulprojekte einzubeziehen. Auch das Dachauer Symposium wendet sich gezielt an ein örtliches Publikum.

Und die Partnerschaft des Landkreises Dachau mit dem Landkreis Oświęcim ist Anlass für eine noch engere Kooperation mit der dortigen Jugendbegegnungsstätte, mit der das Max Mannheimer Studienzentrum schon bisher in engem Austausch steht, wie Bildungsleiterin Ritz betont.

Im Jahr 1999 hatte der erste pädagogische Leiter des Jugendgästehauses, Bernhard Schoßig, die Grundlage der Arbeit definiert: "Kooperation als Lebensprinzip". Das wurde umgesetzt - nach außen mit Vereinen und Verbänden und auch in der inhaltlichen Arbeit mit den Jugendlichen. Das mag auch einer der Faktoren der Erfolgsgeschichte sein.

Allein die Begegnung mit Zeitzeugen im Anschluss an die jährlichen Gedenkfeiern zur Befreiung des Konzentrationslagers am 29. April 1945. Es sind jedes Mal besondere Stunden, wenn die Besucher mit KZ-Überlebenden zusammensitzen, diskutieren und ihren Geschichten lauschen. Der Holocaust-Überlebende Naum Chejfez aus dem weißrussischen Minsk sagte einmal: "Auch wenn ich das Verbrechen nicht vergessen kann, die Erinnerung in Dachau besonders bedrückend ist, fühle ich mich im Jugendgästehaus gut aufgehoben, fast wohl."

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Bei den Feiern zum 20-jährigen Jubiläum können die Dachauer die Einrichtung näher kennenlernen. Am Samstag, 4. August, gibt es ein Sommerfest mit Präsentationen und Musik. Ein Podiumsgespräch befasst sich am 22. November mit der Entstehungsgeschichte des Hauses. Dann wird auch eine Ausstellung mit Gemälden von Max Mannheimer eröffnet - und die Besucher können sich überzeugen: Die Einrichtung ist ein Geschenk für Dachau.