Hier ein Wagen vollgepackt mit Kürbissen unterschiedlichster Formen und Farben, dort eine Kürbispyramide. Auf einem Tisch zieren künstlerisch anmutende Vertreter der Gattung curcubitae einen mehrarmigen silbernen Kerzenleuchter. Ein paar Kürbisse sind zur Freude des Nachwuchses unschwer als fußballspielendes Beerenobst zu erkennen. Und nicht weit entfernt ist der Riesenkürbis „Atlantic Giant“ das Fotoobjekt der Begierde. Bei „Kunst und Kürbis“ auf dem zu Schwabhausen gehörenden Hofgut Sickertshofen ist also mal wieder einiges geboten.
Trotz des eher unfreundlichen Wetters füllen sich deshalb auch schon am frühen Samstagnachmittag die matschigen Parkplätze um den Markt mit seinen rund 70 Ausstellerinnen und Ausstellern. Neben den bunten Kürbissen gibt es nämlich auch wärmende Hüte, Mützen und Schals, Trachtenzubehör und Dirndl, Feines aus der und für die Küche, noble Schmuckstücke und cooles handgefertigtes Mobiliar zu bestaunen. „Wir wollen Kunsthandwerk mit Qualität anbieten. Dabei ist uns wichtig, dass viel selbst Hergestelltes dabei ist“, sagt Stephan Loock der SZ Dachau.
Er organisiert seit vielen Jahren gemeinsam mit seiner Mutter Walburga das große Fest, bei dem die ganze Familie mithilft. Wobei Walburga Loock nach wie vor die Herrin der Kürbisse ist. Warm angezogen steht die in der Kürbishalle und kann mit nicht nachlassender Begeisterung zu jeder, der rund 120 Sorten eine Geschichte erzählen – oder ein Kochrezept verraten. Kein Wunder, schließlich werden die derzeit allerorten als Deko oder Speisezutat zu findenden Beerenfrüchte bei Loocks mit der Hand geerntet und einzeln gewaschen. „Das muss sein“, sagt Walburga Loock.


Woher aber kommt ihre Leidenschaft für Kürbisse? Nach dem Zweiten Weltkrieg sei die Sorte „Gelber Zentner“ – da ist der Name Programm – ein wichtiges Lebensmittel gewesen, sagt sie. Doch er verschwand sehr schnell wieder von der häuslichen Speisekarte. Nur die Verwandten bauten ihn noch an und machten daraus Kürbis süß-sauer mit Zucker und Zimt. „Ich hasste das.“
1988 wollte Loock dann mit ihren Kindern Kürbisse schnitzen. Da war die Halloween-Mode allmählich aus den USA in Europa angekommen, passende Kürbisse gab es aber nur bei der Verwandtschaft. Also säte Walburga Loock kurzerhand selbst die Kerne im Frühling aus, besorgte sich auf verschlungenen, teils abenteuerlichen Wegen weitere Kürbissamen von hierzulande fast unbekannten Sorten und überredete ihren Mann, ihr ein Feld in Hanglage zu überlassen. „Das war ideal, da wachsen die Kürbisse wie Unkraut“, sagt sie.
Schnell sprach sich auch in der Spitzengastronomie herum, welche kulinarischen Schätze Walburga Loock anbaute. Sie schrieb sogar ein - leider vergriffenes - Kürbisbuch, wurde bekannt – und machte 1997 die erste Kürbisausstellung auf ihrem Hof.
Für die vielen Kinder auf dem Hofgelände sind Kürbisse – mit Ausnahme der Möglichkeit, sie zu schnitzen– jedoch weniger interessant als ein paar Trommeln in einem kleinen Zelt. Hoch konzentriert klopfen, hämmern oder streicheln sie ihre Instrumente, liebevoll-fröhlich angeleitet von den Schwabhauser Djambions. Sie lassen sich auch von drei riesigen, weiß gekleideten und schwarz maskierten Gestalten nicht ablenken, die direkt aus einer Commedia dell‘arte entlaufen sein könnten – wenn sie sich nicht mit bewundernswertem Geschick auf Stelzen über den steinigen Boden bewegen würden. Ihre Kommunikationsmedien sind die Pantomime und ein fabelhaftes Zusammenspiel. Hinter den Masken verbergen sich drei junge Frauen aus Landsberg. Sie hätten den Stelzenlauf während einer Jugendfreizeit gelernt, das sei nun ihr Hobby, erfährt man von einer Mutter, die das Trio begleitet.
Plötzlich schweben aus der altehrwürdigen spätgotischen Dreifaltigkeitskapelle fremde und doch vertraute Töne. Zarko Mrdjanov und Florian Ewald spielen Klezmer-Musik – vom fröhlichen jüdischen Hochzeitstanz „Mazel Tov“ bis zum tradionsreichen „Miserilou“, von dem „mindestens sechs Nationen die Urheberschaft beanspruchen“, wie Gitarrist Mrdjanov sagt. Manche Mienen werden bei diesen Tönen nachdenklich, sind doch Gaza-Krieg und Antisemitismus plötzlich ganz nahe. Doch Klezmer-Musik kann auch eine wunderbare Hoffnungsträgerin sein. Hat doch der weltberühmte Giora Feidman mit seinen 88 Jahren gerade erst die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen – nicht trotz, sondern wegen des Zeitgeistes, wie er sagte.
So öffnen sich die Gedanken, und es geht zurück in die Kürbishalle. Denn als Mitbringsel muss es unbedingt ein Hokkaido-Kürbis sein. Der heißt nach der japanischen Insel gleichen Namens, was, wie Walburga Loock lachend erzählt, übersetzt „Nordmeerweg“ bedeutet und „rechts von Sibirien liegt“. Was man hier nicht so alles erfährt über Kürbisse!

