Mitten in Schwabhausen:Fossil hinter Glas

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Mitten in Schwabhausen: "Freie Wähler befürworten Gasleitung nach Schwabhausen", steht auf einem Zettel in einem Glaskasten. Ein Relikt aus vergangener Zeit.

"Freie Wähler befürworten Gasleitung nach Schwabhausen", steht auf einem Zettel in einem Glaskasten. Ein Relikt aus vergangener Zeit.

(Foto: Astrid Samhuber)

Auf einem Zettel in einem Schaukasten steht: "Freie Wähler befürworten die Gasleitung nach Schwabhausen." Was hat es damit auf sich?

Glosse von Astrid Samhuber, Schwabhausen

Noch nie war das Thema Energiewende so präsent wie in diesen Tagen (dabei sollte es eigentlich schon seit geraumer Zeit das Thema überhaupt sein). Es droht die Gefahr, dass der russische Gashahn plötzlich abgedreht wird. Die Vorstellung, das nächste Weihnachtsfest am Lagerfeuer statt in der warmen Stube verbringen zu müssen, zwingt manche zum Umdenken. Auch die Politik ist zunehmend bemüht, den Ausbau erneuerbarer Energien voranzutreiben. Da wirkt es schon fast grotesk, dass in Schwabhausen auf dem Weg zum Bahnhof folgendes Statement in einem Glaskasten zu lesen ist: "Freie Wähler befürworten die Gasleitung nach Schwabhausen."

Gründe werden auf dem A4-Ausdruck nicht genannt. Nun könnte es sein, dass die Freien Wähler mehr wissen als alle anderen. Oder von Haus aus pragmatischer mit Problemen umgehen - siehe Kultusminister Michael Piazolo und das technisch schlecht funktionierende Homeschooling während des Lockdowns: Anstatt eine zukunftsorientierte Digitalisierung in den Schulen auf den Weg zu bringen, wurde der Distanzunterricht einfach wieder abgeschafft. Fertig.

"Welcome to Schwabhausen, dear Fracking-Gas."

Vielleicht sollte man eine neue Gasleitung in Schwabhausen also begrüßen. Fragt sich nur in welcher Sprache. Russisch wohl eher nicht. Englisch vielleicht? "Welcome to Schwabhausen, dear Fracking-Gas." Nichts ist unmöglich. Was hat es mit dem Zettel im Glaskasten auf sich? Nachfrage bei Wolfgang Hörl, Bürgermeister der Gemeinde und Freier Wähler. Und siehe da: Es wurde einfach nur versäumt, den Aushang aus dem Glaskasten zu nehmen. Er stammt vom vergangenen Jahr, als die Welt noch in Ordnung war und die Umrüstung auf Erdgas für alle Besitzer einer Ölheizung die günstigste Alternative. Damals wurde eine Befragung der Hausbesitzer durchgeführt, das Interesse an einer Gasleitung war enorm. Das Thema Erdgas sei aber "inzwischen vom Tisch", so Hörl. Nur offensichtlich noch nicht aus dem Glaskasten. Dabei gäbe es anderes, das sich sehr gut darin machen würde: Zum Beispiel der für Herbst geplante Energietag, bei dem sich die Bürger über alternative Energieformen informieren können.

Das Relikt vergangener Zeiten wird nun zeitnah entfernt, mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar, während diese Zeilen geschrieben werden. Aber solange ein Fossil nur hinter Glas hängt und nicht durch eine Leitung fließt, ist Schwabhausen eh auf einem guten Weg in Sachen Energiewende.

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