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Schönbrunn:Zeitenwende

Das Münchner Architekturbüro Morpho-Logic gewinnt den städtebaulichen Wettbewerb in Schönbrunn. Die Planungen für das Inklusionsdorf mit mehr als 1000 Bewohnern sehen einen zentralen öffentlichen Raum vor und Offenheit nach außen

Was war nicht alles im Vorgriff auf den Ausgang des städtebaulichen Wettbewerbs für Schönbrunn gemutmaßt worden? Hier werde sich der Turbokapitalismus im sozialen Bereich manifestieren. Als Beleg galt den Skeptikern eine Sendung des Bayerischen Rundfunks, in der die gemeinnützige Franziskuswerk GmbH und mit ihr die Eigentümerin, die Viktoria-von-Butler-Stiftung, als kühle Kalkulatorinnen gebrandmarkt wurden. In Schönbrunn stehe die Gärtnerei zur Disposition, hieß es, und damit zahlreiche Jobs für geistig Behinderte. Das Defizit von 100 000 Euro sei nur vorgeschoben. Man werde schon sehen, lauteten die Unkenrufe auch von Mitarbeitern des Franziskuswerks, wie die Wettbewerbsarchitekten den Wunsch nach einem Ende der Gärtnerei erfüllen und den Weg in ein lukratives Baugebiet eröffnen würden.

Donnerstag dieser Woche, später Nachmittag, Theatersaal des Klosters Schönbrunn: Auf Stellwänden sind die Ergebnisse des Wettbewerbs plakativ aufgereiht. In allen Beiträgen bleibt die Gärtnerei als eigenständige Fläche erhalten. Die neuen Baugebiete orientieren sich Richtung Osten. Damit hätten sogar Kommunalpolitiker in Röhrmoos nicht gerechnet, weil das Areal im Westen verkehrsgünstig in Richtung des S-Bahnhofes von Röhrmoos liegt. Schönbrunn gehört zu der Gemeinde. Pressesprecher Tobias Utters und Markus Tolksdorf, Geschäftsführer des Franziskuswerks und Vorsitzender der Viktoria-von-Butler-Stiftung in Personalunion, lächeln dezent. Kein weiterer Kommentar.

Die Stiftung ist übrigens erst dieses Jahr von den Franziskanerinnen eingerichtet und nach der Gründerin der Behinderteneinrichtung von Schönbrunn benannt worden. Der Orden hat sein gesamtes Vermögen im Wert von etwa 40 Millionen Euro an die Stiftung übertragen. Über den Aufsichtsrat nimmt er allerdings noch Einfluss auf dessen Tätigkeit und grundlegenden Entscheidungen.

Die Stiftung beauftragte das Unternehmen HSP für Projektmanagement aus Hilgertshausen im Landkreis Dachau mit der Organisation des Wettbewerbs. Aufsichtsratsvorsitzende, Generaloberin Schwester Benigna Sirl, hatte zuvor in einem Interview mit der SZ Dachau ihre hohe Erwartung auf einen Durchbruch für die künftige Gestaltung des Dorfs Schönbrunn verdeutlicht, zumindest für 80 Prozent des Areals, das sich im Besitz der Stiftung befindet. Das Vorhaben ist das flächenmäßig größte im ganzen Landkreis mit einem Ausmaß von 38 Hektar. 350 Menschen sollen sich hier neu ansiedeln, 700 Einwohner sind schon da.

Anscheinend fühlten sich nicht nur die sechs ausgewählten Architekturbüros durch den Wettbewerb besonders herausgefordert. Wie der Vorsitzende der Jury, der Stadtplaner und ehemalige Lehrstuhlinhaber der Technischen Universität, Ulrich Holzscheiter, im Gespräch mit der SZ sagte, beschlich auch seine Jurymitglieder das Gefühl, "dass es hier um wirklich etwas geht".

Mehr als 160 Jahre nach der Gründung muss sich die Behinderteneinrichtung in Schönbrunn dem Anspruch auf Inklusion stellen, wie sie in der Behindertenkonvention der UN formuliert ist. Aber das Wort mag man in Schönbrunn nicht mehr. Einerseits hat es sich seit 2007, seit die Bundesrepublik die Konvention unterzeichnet hat, ziemlich abgegriffen. Es ist zum Allerweltswort geworden. Andererseits ist der Begriff unpräzise. Deshalb sprechen sie in Schönbrunn lieber von der Idee "Vielfalt gemeinsam leben".

Die Schönbrunn-Jury

Dem Fachpreisgericht für den städtebaulichen Wettbewerb von Schönbrunn gehörten an: Professorin Annegret Boos-Krüger von der Fachhochschule für angewandte Sozialwissenschaften in München, Professor Ulrich Holzscheiter als Juryvorsitzender; er war bis zu seiner Emeritierung an der Technischen Universität München Lehrstuhlinhaber. Architekt Bernhard Peck vom Münchner Büro Peck.Daam. Und Georg Meier, Kreisbaumeister des Landkreises Dachau. Sachlich bewertet wurden die Arbeiten von Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU), dem Dachauer Landrat Stefan Löwl (CSU), dem Röhrmooser Bürgermeister Dieter Kugler (CSU) und von Markus Tolksdorf, Vorsitzender der Viktoria-von Butler-Stiftung in Schönbrunn und Geschäftsführer der gemeinnützigen Franziskuswerk GmbH in Schönbrunn. we

Den Auftrag für die Stadtplaner formulierte Markus Tolksdorf vor der Präsentation der Wettbewerbsergebnisse als Zeitenwende: "150 Jahre folgten die Franziskanerinnen der Logik der Eingliederungshilfe." Sie bauten einen Ort mit Wohnheimen als einen geschützten Raum. "Unser Ziel", sagte Tolksdorf weiter, "ist es, diese Logik umzustoßen. Es soll ein Ort entstehen, der attraktiv ist für alle."

Seit vielen Jahren verlassen Behinderte freiwillig den Ort, sie bevorzugen Wohngruppen in Röhrmoos, Dachau, Markt Indersdorf und darüber hinaus. Betreut von Fachkräften wollen sie das normale Leben erfahren und gestalten. Gleichzeitig sollen Familien und Menschen nach Schönbrunn ziehen, um die Idee eines gemeinsamen Lebens mit Behinderten zu verwirklichen. Deshalb der Wettbewerb.

Durch das Ergebnis sehen sich die Viktoria-von-Butler-Stiftung und die Jury in ihrer Idee bestätigt. Besonders durch den Siegerentwurf des Münchner Architekturbüros Morpho-Logic. Anscheinend können Stadtplanung und Architektur tatsächlich den Weg zu einem neuen sozialen Miteinander eröffnen und begleiten. Das Münchner Büro Morpho-Logic ist für den Jury-Vorsitzenden Holzschreiter eines der besten für Stadtplanung in ganz Bayern. Der Wettbewerb war anonymisiert, so dass die Jury erst nach ihrer Entscheidung erfuhr, von wem welcher Entwurf stammt.

Ulrich Holzscheiter, Vorsitzender Schönbrunn-Jury.

(Foto: Haas)

Morpho-Logic hat einen besonderen öffentlichen Raum geschaffen, der Zentrum ist und das Dorf nach außen öffnet. Gleichzeitig erschließt das fast 400 Meter lange Gebilde, das sich von Westen nach Osten schlängelt (die bisherige Werkstraße), strahlenförmig das übrige Dorf und schafft Baugebiete für ungefähr 350 zusätzliche Einwohner. Außerdem bildet das gesamte Areal einen Gegenpol zum geometrisch gestalteten Marienplatz des Klosters. Eine Nord-Südachse erschließt das Dorf über die bestehende Viktoria-von- Butler-Straße, die im Norden in einen Platz für die erst noch neu zu bauende Johannes-Neuhäusler-Schule mündet (die alte ist marode). Es entstehen also einerseits kleinere Räume der Begegnung auch durch Höfe als einem reizvollen Spiel von Öffnung und Geschlossenheit. Andererseits aber gelingt es dem Entwurf, sich in ihm leicht zu orientieren.

Jury-Vorsitzender Holzscheiter ließ keinen Zweifel daran, dass dieser Entwurf der beste von allen ist und gleichzeitig ein sehr guter. Die Jury-Mitglieder waren bis auf einen der selben Meinung. Einer plädierte für den zweiten Preisträger, das Architekturbüro Zwischenräume. Auch dessen Plan zeichnet sich dadurch aus, dass ein klares Ortszentrum geschaffen wird. Es ist als in sich geschlossener Raum konzipiert, der das Inklusionsprinzip der gesellschaftlichen Teilhabe gestalterisch umzusetzen versucht. Die Jury indes bevorzugte die Lösung von Morpho-Logic, wo über mehr als 400 Meter eine Straße als Platz beginnt, sich auf Höhe der Mühle verengt, wieder zu einem öffentlichen Raum ausweitet, um dann in die neuen Wohngebiete und die Landschaft auszulaufen.

Die Wettbewerbsteilnehmer sollte zwei Aufträge erfüllen: Wie kann das Dorf so gestaltet werden, dass "kleine Gruppierungen" (Holzscheiter) im Sinne der Überschaubarkeit geschaffen werden? Und wie können gleichzeitig Außenräume so gestaltet werden, "dass attraktive Freiräume entstehen" (Holzscheiter)? Die Antwort: Eben genau so wie im Entwurf von Morpho-Logic. Ob er realisiert wird, entscheidet der Aufsichtsrat der Viktoria-von-Butler-Stiftung. Der zweite Preis wird ihnen ebenfalls präsentiert.

Stiftungsvorsitzender Markus Tolksdorf kündigte an, sehr schnell "eine Prioritätenliste" abarbeiten zu wollen. "Wir werden nicht noch ein Jahr warten." Er hofft auf die Gemeinde Röhrmoos und das Kreisbauamt, dessen Leiter Georg Meier Mitglied der Fachjury war. Von politischer Seite waren die wichtigsten kommunalen Ansprechpartner als so genannte Sachpreisrichter dabei. Unter ihnen auch der Röhrmooser Bürgermeister, Dieter Kugler (CSU). Er berichtete von einer großen Einigkeit in der Jury und zeigte sich vom Siegerentwurf beeindruckt. "Er hat mir von Beginn an gefallen."

© SZ vom 16.04.2016
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