Schönbrunn Im Gedenken an die Opfer der Nazi-"Euthanasie"

Seit 2012 erinnert ein Mahnmal an die Opfer der NS-"Euthanasie" aus der ehemaligen Kloster-Anstalt.

(Foto: Niles P. Jörgensen)

Das Franziskuswerk erinnert an das Schicksal der mehr als 500 behinderten Menschen der damaligen Kloster-Anstalt

Von Helmut Zeller, Schönbrunn

Am Holocaust-Gedenktag widmete sich der Bundestag erstmals den mehr als 200 000 Opfern der "Euthanasie"-Morde der Nationalsozialisten. Im Januar 1940 begann der Massenmord an psychisch Kranken und behinderten Menschen in Gaskammern, Hungerhäusern und sogenannten Kinderfachabteilungen von Heilanstalten. Unter den Opfern waren auch mehr als 500 Bewohner der damaligen Pflegeanstalt der Franziskanerinnen in Schönbrunn. Nur 293 überlebten. Am Freitag erinnerte die Viktoria-von-Butler-Stiftung bei einer Gedenkstunde an sie.

Vorstandsvorsitzender Markus Tolksdorf wies darauf hin, dass Menschen auch heute noch anderen Menschen, egal ob mit oder ohne Behinderung, furchtbares Leid und Qualen zufügten: "Es gibt heute keinen Ort, an dem nicht Gewalt passiert. "Deshalb nehmen auch Eltern von Menschen mit Behinderung in ihrer Sorge um ihre Angehörigen das Franziskuswerk in Schönbrunn bis heute als besonderen Schutzraum für ihre Angehörigen wahr", sagte Tolksdorf. Mit dem Röhrmooser Bürgermeister Dieter Kugler legte er einen Kranz am Schönbrunner Mahnmal nieder. Das Mahnmal wurde im Jahr 2012 als ein Schritt zur Versöhnung und Aufarbeitung der Vergangenheit in Schönbrunn eingeweiht.

Lange Jahre nach Kriegsende wurden die Morde verschwiegen. Der in Schönbrunn tätige TBC-Arzt Hans-Joachim Sewering hat mindestens neun Pfleglinge nach Haar geschickt, vier wurden getötet. Nach dem Krieg machte Sewering - zuerst Mitglied der SS und NSDAP, dann der CSU - eine steile Karriere. 1973 wollte er Präsident des Weltärzteverbandes werden. Vor der Wahl wurde seine Beteiligung an den Verbrechen bekannt. Josef Steininger, Direktor der Kloster-Anstalt, hatte sich als Widerstandskämpfer ausgegeben, der die Anstalt vor den Nazis gerettet habe. Erst 2010 kam die Wahrheit ans Licht: Der spätere Hausprälat des Vatikans, der 1965 starb, hatte seine Schützlinge den Nazis ausgeliefert. Steininger hatte davor schon bei der Zwangssterilisation von geistig Behinderten mitgemacht.

Bürgermeister Kugler erinnerte an den ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog, der den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus initiiert hat. "Mit solchen Gedenktagen wird das Bewusstsein bei uns allen gefördert und die Erinnerung aufrecht erhalten, damit solch schreckliche Situationen nicht mehr vorkommen können", sagte Kugler.

Markus Tolksdorf erklärte, das Franziskuswerk werde in den nächsten Jahren verstärkt in die Region gehen und versuchen, dort Lebensqualität, Teilhabe und Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderung zu erreichen. Damit gebe das Franziskuswerk die Sorge für behinderte Menschen an die Gemeinschaft zurück. Er ist sich sicher, wie er sagte, dass "jeder Mensch seine Würde nur in der Gemeinschaft aller Menschen leben kann und sie am besten vor Gewalt und Gräueltaten geschützt sind, wenn alle gemeinsam dafür verantwortlich sind".