Schloss DachauEin Trauma, das bleibt

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Verdrängung gab es nach dem Holocaust nicht nur bei den Tätern, sondern auch bei den Opfern. Eine Veranstaltung mit der KZ-Überlebenden Eva Umlauf und dem Jewish Chamber Orchestra zeigt eindringlich, warum es keinen Schlussstrich geben kann

Von Gregor Schiegl, Dachau

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Nur die Hälfte des großen Renaissancesaals im Dachauer Schloss mit seinen Fresken, Gobelins und der prächtigen Kassettendecke ist bestuhlt. In der ersten Reihe sitzt linkerhand Schirmherr Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, rechterhand Landrat Stefan Löwl; der Landkreis ist Veranstalter und Financier dieses nur 70 Minuten langen, aber ungewöhnlich intensiven Abends zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Auch viele Schüler sind da, die meisten auf großer Distanz in den hinteren Reihen. In der anderen Hälfte des Saals warten leere Notenpulte auf die Musiker des Jewish Chamber Orchestra Munich. Dann öffnet sich eine Flügeltür, Hand in Hand kommen Daniel Grossmann und Eva Umlauf herein, der 41-jährige Dirigent und die 76-jährige Psychotherapeutin. Sie gehen langsam durch ihre leere Hälfte des Saals, kein Blickkontakt zum Publikum, ihr Weg scheint kein Ende zu nehmen. Es ist ein Bild mit Symbolkraft.

Fast 70 Jahre hat es gedauert und einen lebensbedrohlichen Herzinfarkt, bis Eva Umlauf ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben hat. Das Buch wurde unter dem Titel "Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen" veröffentlicht. Sie hat sich lange von dem Thema ferngehalten, sie hatte drei Kinder großzuziehen. Natürlich ist das eine Ausrede, aber nur zum Teil. "Man braucht auch eine gewisse zeitliche Distanz und persönliche Reife."

Eva Umlauf war als Kleinkind im KZ Auschwitz, sogar eine Häftlingsnummer hat man ihr noch tätowiert - die Nummer auf dem Unterarm - aber Erinnerungen an das Grauen hat sie nicht mehr, jedenfalls keine bewussten. Als die Rote Armee Auschwitz befreite, war sie zweieinhalb Jahre alt, ihre Schwester kam im April 1945 auf die Welt - im Lager; der Vater starb in Mauthausen. Geboren wurde Eva Umlauf im Arbeitslager Nováky in der damaligen Tschechoslowakei. 1200 Menschen mussten hier schuften, die Nazis beuteten ihre Arbeitskraft aus, "aber man konnte überleben", erzählt Eva Umlauf, sofern man nicht in einen der Züge verfrachtet wurde, die direkt von hier nach Auschwitz fuhren. Genau dieses Schicksal ereilte sie am Ende doch noch, aber Umlauf hatte Glück im Unglück. Die Rote Armee rückte vor, und in den KZs war die oberste Priorität der Mörder nun das Vertuschen ihrer Taten. Die Gaskammern wurden außer Betrieb genommen. Die Mutter Agnes und ihre zwei kleinen Kinder überlebten.

Das Jewish Chamber Orchestra Munich unter der Leitung von Daniel Grossmann spielt die Originalkomposition von Hanns Eisler zum Film "Nacht und Nebel" über das KZ Auschwitz.
Das Jewish Chamber Orchestra Munich unter der Leitung von Daniel Grossmann spielt die Originalkomposition von Hanns Eisler zum Film "Nacht und Nebel" über das KZ Auschwitz. Toni Heigl

Wieder zuhause wurden die kleine Familie als Wunder bestaunt. "Agi, du lebst noch! Und die Kinder auch!", erzählt Eva Umlauf. "Es war ein sehr schönes Gefühl für ein kleines Mädchen, dass sich die Leute so freuen, dass man da ist." Die Mutter steckte ihre ganze Energie in das Wohlergehen ihrer kleinen Familie, das half beim Verdrängen der schrecklichen Erlebnisse. Es habe kein explizites Verbot gegeben, über Auschwitz zu sprechen. "Aber als sensible Kinder haben wir gespürt, dass wir nicht fragen sollen." Anders als die anderen Kinder fuhren sie in den Ferien nicht zu Verwandten, weil sie keine Verwandten mehr hatten. Das war aber auch alles. "Man hat scheinbar ein normales Leben geführt." Aber unter der Oberfläche wirkte das Trauma weiter: Im Alter bekam Umlaufs Mutter schwere Depressionen.

Dieser erste Teil ist nicht nur wegen Eva Umlaufs Vita so spannend, sondern auch, weil Dirigent Daniel Grossmann das Gespräch führt. Sensibel und behutsam tastet er sich an dieses Schicksal heran, es ist eine heikle Angelegenheit, auch und gerade unter Juden. Als junger Familienvater ringt er selbst mit der Frage, wie man mit den eigenen Kindern über die Schoah sprechen soll, denn tun muss man es ja, irgendwie. "Es kann keinen Schlussstrich geben", sagt Umlauf klipp und klar. "Jede Generation muss sich damit beschäftigen." Immer wieder, auch wenn viele meinen, nun sei es aber wirklich langsam genug.

Eva Umlauf bekam im KZ als Baby eine Häftlingsnummer auf den Unterarm tätowiert.
Eva Umlauf bekam im KZ als Baby eine Häftlingsnummer auf den Unterarm tätowiert. Toni Heigl

Was für ein Irrtum das ist, führt der zweite Teil des Abends drastisch vor Augen: "Nacht und Nebel" war der erste Film nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges über das Vernichtungslager Auschwitz. Der französische Widerstandskämpfer Charles Resnais stellte darin alte Aufnahmen und Archivmaterial in Schwarzweiß farbigen Sequenzen gegenüber, die die zerfallenden Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau um 1955 zeigen, das Gras überwuchert bereits über die Schienen zur Todesrampe. Die englische Times nannte den Film "eine feierliche und schreckliche Elegie". Es ist ein Kunstwerk, das die bizarre Formenvielfalt der Wachtürme ebenso thematisiert wie die monströsen Dimensionen der Vernichtungslager, die Berge von Frauenhaar, aus denen die Kamera vergeblich versucht herauszuzoomen; das Grauen nimmt einfach kein Ende. Menschen, die nur noch nackte Gerippe sind, geschlagen, gequält und gefoltert, man sieht sie krepieren. Schwer, das alles zu ertragen.

Die Musik des jüdischen Emigranten Hanns Eisler, mit atemberaubender Präzision gespielt vom Jewish Chamber Orchestra, untermalt die apokalyptische Szenerie. Über die verrostenden Stacheldrahtzäune weht die Melodie der Streicher wie ein lauer Wind, zu den Nazi-Aufmärschen prasseln Trommelschläge, Pauken drängen zu Eile, wenn die Juden zur Deportation in Güterwaggons gepfercht werden. Falckenberg-Schauspiel-Schüler Valentin Mirow spricht dazu den Text von Jean Cayrol in der deutschen Nachdichtung von Paul Celan. Die Effizienz der Massenvernichtung hallt im stampfenden Rhythmus und der kalten Sachlichkeit des Textes wider: "Man geht an die Arbeit. Ein Konzentrationslager, das wird gebaut wie ein Stadion oder ein großes Hotel. Dazu gehören Unternehmer, Kostenvoranschläge, Konkurrenz. Sicher auch Bestechungsgelder." Vom Kapo bis zum KZ-Kommandanten werden am Ende alle sagen: "Ich habe keine Schuld!" Nach dem letzten Takt geht das Licht aus, die Musiker verlassen den Saal. Noch einmal kehren sie stumm zurück, den verdienten Applaus abzuholen, sie verziehen keine Miene. Es gibt keine Abschiedsworte, nichts, das eine Brücke schlagen würde zurück in den eigenen behaglichen Alltag. Und das ist gut so.

© SZ vom 02.02.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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