„Hier öffnen“ steht auf dem Deckel der Kartons, aber das machen die Umzugshelfer lieber nicht. Hier draußen unter freiem Himmel könnte der Inhalt sonst auf und davon fliegen, übers Dachauer Land bei Walkertshofen mit seinen Hügeln, Wiesen und Wäldern, hinein ins Verderben. Erst nachdem die Helfer vom Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) die Pappkisten in den angrenzenden Stadel getragen haben und das Tor geschlossen ist, klappt Gerhard Wendl den Deckel auf. Flügelschlagen, hektisches Geflatter, Panik im Karton. „Ja, ja, schon gut“, brummt der Mann mit der Wollmütze. „Es ist ein bisschen eine Tortur.“ Aber da müssen sie jetzt durch. Alle beide.
Wendl versucht, die Beine des Vogels zu erwischen. Gar nicht so einfach mit den dicken Arbeitshandschuhen. Aber die braucht er. „Schleiereulen haben sehr spitze Krallen.“ Dann bekommt er sie doch zu fassen, an beiden Beinen. Ganz ruhig hebt er sie aus dem Karton, die goldbraune Schönheit mit ihrer feinen blau-grauen Zeichnung auf dem Gefieder. Schwer ist die kleine Eule nicht, kaum 500 Gramm. „Die besteht ja fast nur aus Federn.“
Aus dem herzförmigen Eulengesicht schauen pechschwarze Augen. So viele Menschen, so viel Trubel. Und die Abendsonne ist noch so hell. Im Karton war's schöner. Normalerweise würde sie um diese Zeit noch schlafen. Ob sie sich noch erinnern kann, dass sie früher hier zu Hause war? Wahrscheinlich ist sie sogar im Eulenkasten aus dem Ei geschlüpft, den Hans Schmid schon vor Jahren unter der Dachschräge angebracht hat. Ihm gehört der Stadel.
Der „emeritierte Biobauer“, wie er sich selbst nennt, kam im Juli eigentlich nur her, weil der Stromzähler ausgetauscht werden musste, seine Flächen hat er längst weiter verpachtet an einen anderen Biobauern. Da sah er die vier flauschigen Knäuel im Gras, direkt unter dem Ausflugsloch. Drei der Jungen waren halb verhungert, eines tot. Von den Eltern: keine Spur.
Der Landwirt, selbst Mitglied bei Bund Naturschutz und LBV, alarmierte die Vogelschützer. Die wissen, was zu tun ist und brachten die entkräfteten Eulenkinder gleich zu Gerhard Wendl, dem „Großmeister der Vogelpflege“ – so bezeichnet ihn der Dachauer LBV-Kreisvorsitzende Cyrus Mahmoudi. Ohne ihn, den „Vogel-Papa“ aus Olching, hätten die Eulen keine Chance gehabt. Wendl kümmert sich seit mehr als 40 Jahren um kranke und verletzte Vögel. So viel Praxis wie er hat kaum jemand.


„Vor 20 Jahren war es noch eine Sensation, als wir in Haimhausen eine Schleiereule hatten“, sagt Cyrus Mahmoudi. „Jetzt haben wir sie im ganzen Tertiär.“ Der Landkreis Dachau ist mittlerweile eine Hochburg der Schleiereulen, die Bestände sind hier deutlich höher als im Rest der Region. Das könnte daran liegen, dass es hier weit und breit den wenigsten Wald gibt: Schleiereulen brauchen Freiflächen zum Jagen, am besten frisch gemähte Wiesen, und im dunklen Tann ist der Uhu daheim. Der schnappt sich auch gerne mal eine Schleiereule.
Dass bei Walkertshofen nun fünf Eulen ausgewildert werden, wo doch nur drei Geschwister überlebt haben, liegt daran, dass zu der Gruppe zwei weitere Vögel gestoßen sind. Eine Eule aus Landshut war zuletzt mit dem Trio in der Vogelauffangstation des LBV in Regenstauf, die andere, ein Exemplar aus Landshut, hatte der Freisinger Falkner Willi Holzer in seiner Obhut. Die meisten gestrandeten Greifvögel aus dem Großraum München landen bei ihm, derzeit ist Holzer aber ausgebucht, wie Cyrus Mahmoudi erzählt, und zwar mit „Hungerpatienten“. „Dieses Jahr ist ein extremes Pflegejahr.“
Dass es vielen Eulen, Bussarden und Falken so schlecht geht, hat mit dem vergangenen Sommer zu tun: Im Juni 2024 regnete es pausenlos, kleine Flüsse verwandelten sich in reißende Ströme, Keller wurden überflutet, im Landkreis Dachau wurde der Katastrophenfall ausgerufen. Doch auch in der Tierwelt haben die Überschwemmungen große Verheerungen angerichtet. „An der Glonn war zum Teil die ganze Tal-Aue überflutet“, so Mahmoudi, für Maulwürfe, Wühlmäuse, Spitzmäuse, Feldmäuse gab es kein Entrinnen. „Ganze Landstriche waren auf einmal nagerfrei.“
Das hatte schwerwiegende Folgen: Greifvögel fanden nicht mehr genug Beute, ohne die Mäuse brachen ganze Nahrungsketten zusammen. „Bis sich solche Populationen wieder regenerieren, dauert es ein, zwei oder sogar drei Jahre“, sagt Mahmoudi. Von dem Desaster hat die Öffentlichkeit bislang kaum Notiz genommen. Das will der LBV-Kreisvorsitzende ändern, jetzt, wo die Presse da ist.
Was man als Landbewohner am besten tun kann, um den Greifvögeln zu helfen, ist aus Sicht der Vogelschützer, einen Strohballen auf die Wiese stellen und Körner darauf streuen, fertig ist die Traumwohnung für die Mäusefamilie. Ob konventionelle Landwirte das auch für so eine gute Idee halten, steht auf einem anderen Blatt. Im Landkreis Dachau dürfen die Bauern laut Mahmoudi Gift einsetzen, wenn sie der Ansicht sind, auf ihrem Feld gebe es zu viele Nager, bayernweit sei das sogar im Wald gestattet. „Ein absoluter Supergau für die Vogelwelt.“
Vermutlich wurden die Eltern getötet
Das Drama um die halb verhungerten Eulenkinder von Walkertshofen dürfte allerdings andere Gründe gehabt haben als die Flut oder vergiftete Mäuse. Hier oben auf den bio-bewirtschafteten Hügeln fließt kein Fluss, und wenn es nicht mehr genug zu fressen gibt, greifen Schleiereulen zu radikalen Maßnahmen: Sie verfüttern das kleinste Küken an das größte. Nichts dergleichen ist geschehen. Sich aus dem Staub zu machen und die Jungen im Stich zu lassen, entspricht ebenfalls nicht ihrem Naturell. Den Schleiereulen-Eltern muss wohl etwas zugestoßen sein. Ein Autounfall, ein Marder oder der Uhu, Möglichkeiten gibt es viele.
Insgesamt legen die Bestände im Dachauer Land aber weiter zu. Die Winter waren zuletzt mild, die Sommer heiß, da vermehren sich die Mäuse gut. Doch der Klimawandel begünstigt auch Extremwetterlagen wie Dauerregen. „Greifer haben mit den langen Nässeperioden extreme Probleme“, sagt Cyrus Mahmoudi, und ihre Lebensräume schwinden. Früher nisteten Schleiereulen in Ruinen, jetzt finden sie Zuflucht eher in Scheunen. Oder auch nicht. „Es wird alles zugemacht“, klagt der LBV-Chef, „zum Teil sogar vergittert.“ Das Problem hätten alle Gebäudebrüter, auch die Schwalben. Zum Glück gebe es noch „Bio-Landwirte wie den Hans, die an die Tiere denken“.



Hans Schmid zeigt auf die Bäume, die malerisch auf der Kuppe der Weide stehen. „Die habe ich selbst gepflanzt“, sagt er stolz. „Die Hecke da drüben auch.“ Und die kleinen Nistkästen für Meisen am Stadel sind natürlich auch von ihm. „Ich versuche, der Natur unter die Arme zu greifen.“ Einmal, erzählt er, hätten sich „Rotschwanzerl“ im Saugrohr seines Gülleanhängers ein Nest gebaut. Weil er den aber brauchte, habe er ein Plastikrohr von seinem Hof geholt, in gleicher Höhe daneben aufgehängt und das Nest vorsichtig umgesetzt. „Es war einen Versuch wert“, sagt er und lacht. „Was hätte ich sonst machen sollen?“
Inzwischen hat Sebastian Riedl vom LBV die letzte Eule über die lange Leiter zum Nistkasten hinaufgetragen. In einer Plastikschale wartet bereits das Abendessen: aufgetaute Hühnerküken. Am nächsten Tag, wenn das Ausflugloch des Kastens geöffnet wird, müssen sie selber sehen, wie sie satt werden. „Es gibt keine Garantie, dass die Auswilderung klappt“, so Cyrus Mahmoudi, „das muss man ganz ehrlich sagen.“
Ihr Überlebenstraining für die Wildnis haben die Eulen beim Falkner in der Auffangstation absolviert. Über eine Wildtierkamera am Stadel kann der LBV verfolgen, was das Training gebracht hat. Am Telefon spricht Mahmoudi ein paar Tage später von einer „Erfolgsgeschichte“. Schon am ersten Tag seien die kleinen Eulen jagen gewesen, die ersten fingen sogar schon an, sich in der Umgebung eigene Reviere zu suchen.


