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S-Bahn-Nordring:Der ganz große Wurf

Der Landkreis und besonders Karlsfeld blicken an diesem Mittwoch voller Spannung Richtung München. Dort debattiert der Stadtplanungsausschuss über einen neuen S-Bahn-Nordring. Die Infrastruktur wäre vorhanden

Mit Spannung sehen Kommunalpolitiker aus dem Landkreis der Sitzung des Münchner Stadtplanungsausschusses am heutigen Mittwoch entgegen. Auf der Tagesordnung steht das Verkehrskonzept Münchner Norden, das erhebliche Verbesserungen für Tausende Pendler im Landkreis verspricht. Besonders reizvoll: die Idee eines S-Bahn-Nordrings, der im Osten die S8 Unterföhring mit der Linie S1 in Moosach verbinden soll - und nach Westen bis nach Karlsfeld verlängert werden könnte. Die neue Verbindung würde Pendlern, die im Münchner Norden arbeiten, den umständlichen und zeitraubenden Weg über die Innenstadt ersparen.

Karlsfelds Verkehrsreferent und CSU-Fraktionschef Bernd Wanka bezeichnet die Pläne als "nicht unrealistisch". Der Nordring wäre kein Ersatz für die dringend benötigte zweite Stammstrecke, er wäre aber vergleichsweise einfach und günstig umzusetzen: Die Trasse existiert bereits für den Güterverkehr und könnte problemlos von S-Bahnen befahren werden. "Die Schienen sind da. Warum sollte man sie nicht nutzen?", fragt Wanka. Zugleich bringt er eine Verlängerung des Nordrings nach Karlsfeld ins Spiel. "Alles, was man tun müsste, wäre, einen neuen Bahnsteig an den Schienen der Güterlinie zu bauen." Wanka hat früher schon auf eine Verlängerung der U-Bahnlinie U2 aus Feldmoching nach Karlsfeld gedrängt; der MVV hält dies wegen zu geringer Fahrgastzahlen für unwirtschaftlich. Nun soll eine Trambahnstrecke nach Karlsfeld geprüft werden - oder eben eine Verlängerung des Nordrings. "Wir halten uns alle Optionen offen", sagt Bernd Wanka. Und baut bewusst politischen Druck auf: "Irgendetwas müssen sie uns geben." Mit bis zu 44 000 Fahrzeugen am Tag leidet keine Gemeinde im Landkreis Dachau so stark unter dem rasant wachsenden Pendlerverkehr zwischen Stadt und Umland wie Karlsfeld.

Die Idee des S-Bahn-Nordrings wird seit Jahren diskutiert, dank BMW allerdings nun mit viel mehr Nachdruck. Das Forschungs- und Innovationszentrum des Automobilkonzerns (FIZ) soll bis 2050 ausgebaut werden, noch mehr Menschen müssen dorthin pendeln. Das Nahverkehrssystem in der bestehenden Form kann dies kaum leisten, der Nordring verspricht Abhilfe. Entlang der Strecke liegen weitere große Arbeitgeber wie Knorrbremse oder der Europark. Ihre Mitarbeiter bekämen eine attraktive Alternative zur Anfahrt mit dem Auto. "Alle profitieren", sagt Wanka.

Die Stadt prüft außerdem Pläne, die Schleißheimer Straße nach Norden zu verlängern und an die Autobahn A99 anzuschließen. In der schriftlichen Begründung des Antrags schreibt die Münchner SPD-Stadtratsfraktion, dies sei "nach derzeitigem Kenntnisstand die leistungsfähigste Variante für eine Entlastung des Straßennetzes im Münchner Norden und für die Aufnahme des zusätzlich in den nächsten Jahren zu erwartenden Verkehrs." Wanka hält die Maßnahme für eine "sinnvolle Ergänzung" zum Nordring. "Wir werden nicht alle Leute in die S-Bahn quetschen können." Vom Lückenschluss erhofft er sich auch eine Entlastung der eigenen Gemeinde: Wenn die Autofahrer eine schnellere Route über die A99 in die Arbeit nehmen können, mache dies den Schleichverkehr durch Karlsfeld weniger attraktiv; der Weg über die B471 und die A92 wäre dann die erste Wahl. Auch im Fall einer Dachauer Nordostumfahrung, gegen die sich in Karlsfeld massiv Widerstand regt.

Wanka rechnet allerdings frühestens "in sechs, sieben Jahren" mit sichtbaren Ergebnissen des Münchner Konzepts; die Pläne zur A99 stecken noch in den Kinderschuhen. Gegen den Lückenschluss wehren sich zudem Anwohner, die mehr Verkehr, mehr Lärm und Abgase befürchten. Münchens SPD-Stadtratsfraktion hat deshalb eine Machbarkeitsstudie für einen Tunnel beantragt, der bis zur Rathenaustraße reichen und so die Anwohner schützen soll. Auch dies wird Zeit kosten.

Die große Mehrheit der Pendler, die mit dem Auto durch Karlsfeld fährt, steuert nach den Erkenntnissen der Karlsfelder Verkehrsuntersuchung ohnehin nicht BMW, Knorrbremse oder den Europark an, sondern die Großbetriebe MAN und MTU gleich hinter der Gemeindegrenze. Für deren mehrere Tausend Mitarbeiter könnte sich Verkehrsreferent Wanka ein eigenes Pendlerparkhaus am derzeit stillgelegten Bahnhof Breitenau, kurz vor Dachau gelegen, vorstellen. "Ein leistungsfähiges Bussystem könnte die Pendler von dort zu den Werken bringen." Sie würden dann auch nicht mehr jeden Morgen in Karlsfeld im Stau stehen; Wanka liebäugelt mit der Idee einer Busspur auf der viel befahrenen Münchner Straße. Noch sind das alles Ideen. Die entscheidenden politischen Diskussionen beginnen jetzt. In München, in Karlsfeld und im gesamten Landkreis.