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Roman von Michael Böhm:Steiler Aufstieg

Michael Böhm webt in seinen Roman über einen populistischen Karrieristen viel Dachauer Kolorit

Von Dorothea Friedrich, Dachau

In der griechischen Mythologie muss der oberschlaue Sisyphos als Strafe für seine Renitenz gegenüber den allmächtigen Göttern immer wieder einen schweren Stein bergauf wälzen, der jedes Mal kurz vor dem Ziel wieder runter rollt. Für den Dachauer Autor Michael Böhm ist Schreiben jedoch keine Sisyphusarbeit, sondern ein Lebensinhalt. "Ich schreibe in erster Linie für mich selbst, dann für den Verlag", sagte er der SZ Dachau. Bekannt geworden ist Böhm unter anderem durch seine zwei "Homer"-Romane, die "Petermann"-Trilogie, die so gar nicht dem üblichen Krimi-Klischee entsprechen.

Das gilt auch für sein neuestes Werk "Mein Freund Sisyphos". Ganz nach seinem Motto "Ich will jedes Mal etwas Neues probieren" geht es in dem Roman auch um Mord und Totschlag. Doch diese Verbrechen stehen nicht im Vordergrund. In erster Linie ist diese Erzählung über eine in weiten Teilen fast symbiotisch zu nennende Beziehung zweier Männer ein gesellschaftspolitisches Statement. Da ist einmal der reiche Anwaltssohn Fabian von Fernau, ein blendender Typ in jeder Beziehung - und ein echter Kotzbrocken. Er intrigiert und manipuliert jede und jeden, immer ausschließlich sich selbst im Blick. Dumm nur, dass dieser Egomane nicht merkt, dass er selbst gleichfalls ferngesteuert ist, nämlich von Martin, seinem Freund aus Kindertagen. Dieser legt sich mächtig ins Zeug, um FvF, wie alle den Ehrgeizling nennen, auf der Politik-Karriereleiter immer weiter nach oben zu hieven. Martins Mittel der Wahl sind in der realen Welt nur allzu gängig: Netzwerken, Meinungsmache, Soziale Netzwerke für die eigenen Ziele einspannen.

Doch irgendwann sieht Martin, dass irgendwas schrecklich schiefläuft. Denn FvF, inzwischen Oberbürgermeister einer mittelgroßen Stadt - unschwer als Dachau zu identifizieren - steht der Sinn nach dem Ministerpräsidentenamt. Weil ihn seine eigene Partei nicht mehr wirklich goutiert, gründet der Widerling flugs eine eigene Partei, die "Bewegung Helles Morgen". Wem schon bei diesem Namen angst und bange wird, hat dazu allen Grund. Hat doch dieser Amigo-Männerbund - Frauen spielen in "Mein Freund Sisyphos" mit einer Ausnahme eher eine Nebenrolle - nur zwei Ziele: FvF zum Ministerpräsidenten zu machen und dann den Staat von innen heraus nach seinen Interessen umzuformen. Der eigentlich für solche Machenschaften nicht wirklich geeignete Martin wacht schließlich auf - und alles findet ein gar nicht gutes Ende.

Was die Geschichte zunächst so undurchschaubar macht, sind die vielen Zeitebenen und Handlungsstränge, auf denen Böhm seine Protagonisten hin und her springen lässt. Doch bald entwirrt sich dieser Knoten, zumal Böhm seinen Lesern ein pfiffiges Hilfsmittel an die Hand gibt: Immer wieder ist im Buch unübersehbar ein "Blick in den Rückspiegel der Zeit" platziert. Kurz und knapp ruft Böhm hier wichtige Ereignisse der Zeitgeschichte in Erinnerung. Das macht Lust, eigene Gedächtnislücken zu schließen. Mindestens ebenso viel Pläsier macht Böhms literarische Adaption des Dachauer Wahlbetrug-Skandals von 2002. Bekanntlich waren seinerzeit hunderte Stimmzettel gefälscht worden und tausende in blauen Müllsäcken gelandet, um die Wiederwahl des damaligen Oberbürgermeisters Kurt Piller zu verhindern. In der Böhm'schen Version sind die Beteiligten unschwer wiederzuerkennen.

Schon das wäre ein guter Anlass, diesen Sisyphos zu lesen. Der weitaus wichtigere aber ist die klare Botschaft Böhms: Vorsicht vor den politischen Rattenfängern und ihren raffinierten Methoden. Stichwort: Rechtsradikale und den Verbreitern von Verschwörungsmythen. "Ich wollte eine Fabel der heutigen Zeit schreiben, denn die Geschichte wiederholt sich, wenn auch mit anderem Gesicht", sagte Böhm mit Blick auf die unheilvollen Entwicklungen in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Bleibt noch die Frage, wer denn nun der titelgebende Sisyphos ist. Die Antwort ist überraschend, aber schlüssig: "Ich habe in meinen Romanfiguren viel von Albert Camus' Philosophie wiedergefunden", sagte der Autor.

Michael Böhm: Mein Freund Sisyphos, Bookspot-Verlag 2020, 176 Seiten, 12,95 Euro.

© SZ vom 06.03.2021
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