Gegen 14.30 Uhr an diesem Donnerstagnachmittag schreitet Robert Fico andächtig über den ehemaligen Appellplatz der KZ‑Gedenkstätte Dachau. In den Händen hält er einen Kranz mit Schleifen in den Farben der slowakischen Nationalflagge. Vor dem Internationalen Mahnmal geht er in die Knie, stellt den Kranz inmitten vieler anderer nieder, die dort am Wochenende bei den Feierlichkeiten zum 81. Jahrestag der Befreiung abgelegt wurden. Dann richtet sich der 61‑Jährige auf, tritt zwei Schritte zurück und verbeugt sich mehrere Sekunden lang. Fotografen machen ihre Bilder, eine TV‑Kamera zeichnet auf.
Der slowakische Ministerpräsident besucht das ehemalige Konzentrationslager an diesem Nachmittag, um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Zuvor hatte der linksnationale Regierungschef Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) in der Münchner Staatskanzlei sowie Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) in einem Business-Forum zu Gesprächen getroffen.
Am Wochenende wird Fico zur Militärparade mit Putin fliegen
Der Besuch in Dachau reiht sich ein in mehrere Termine, die Fico im Rahmen des Gedenkens an das Ende des Zweiten Weltkriegs absolviert. Es soll eine Art symbolischer Kontrast sein zu Bildern, die wohl am Wochenende entstehen werden. Am Samstag, 9. Mai, will Fico nach Moskau fliegen, um an der alljährlichen Militärparade zum „Tag des Sieges“ über Hitler-Deutschland teilzunehmen. Bereits im vergangenen Jahr war Fico am 9. Mai in Russland zu Gast – ein Besuch, der damals Proteste in der Slowakei auslöste. Seine erneute Teilnahme an der Militärparade, wo er auch auf Kremlchef Wladimir Putin treffen wird, ist hochumstritten. Putin nutzte den historisch bedeutsamen Jahrestag zuletzt vor allem für Rechtfertigungen seines Angriffskrieges gegen die Ukraine.
Kürzlich haben die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen angekündigt, Fico den Überflug über ihr Territorium zu verweigern. Auch in der Slowakei war Fico wegen seiner Kremlnähe und Ukraine-kritischen Positionen in die Kritik geraten. Vor dem Hintergrund eines Streits über Energielieferungen gingen in der slowakischen Hauptstadt Bratislava Tausende Menschen auf die Straße, um der ukrainischen Opfer des russischen Angriffskrieges zu gedenken.

Doch in der KZ-Gedenkstätte Dachau ist von all dem keine Rede. Nachdem er den Kranz niedergelegt hat, lässt sich Fico von Mitarbeitenden der Gedenkstätte durch die Dauerausstellung führen, während auf dem Gelände viele Besucher, vor allem Schulklassen, unterwegs sind. Er informiert sich auch über slowakische KZ-Häftlinge. Rund 600 Menschen aus der Slowakei waren offiziell in Dachau inhaftiert – tatsächlich dürften es deutlich mehr gewesen sein, da viele als ungarische Häftlinge registriert wurden.
Dirk Riedel, Mitarbeiter der Gedenkstätte, erklärt Fico, dass die SS die Häftlinge in diskriminierende Kategorien einteilte: „Asoziale“, „Homosexuelle“ oder „Zigeuner“, als letztere wurden Sinti und Roma bezeichnet. Einer von ihnen war der slowakische Häftling Jozsef Balogh. Auch erzählt Riedel von den mehr als 4000 sowjetischen Kriegsgefangenen, welche die SS zwischen 1941 und 1942 auf einem Schießplatz bei Hebertshausen hinrichtete, darunter auch viele Ukrainer.
Fico hört zu, stellt Fragen und wirkt beeindruckt
Fico hört interessiert zu, stellt Nachfragen und wirkt beeindruckt. In einem Gedenkraum am Ende der Ausstellung befinden sich mehr als 130 Gedenktafeln und -steine, die an unterschiedliche Personengruppen erinnern. Fico sagt, er möchte sich dafür einsetzen, dass hier demnächst auch eine Tafel für slowakische Häftlinge angebracht wird. Er bedankt sich bei den Mitarbeitenden der Gedenkstätte für deren Arbeit, die er hoch schätze. Es sei ihm wichtig, an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Daher sei er hier und reise im Juni auch in die Normandie, wo 1944 alliierte Soldaten landeten.
Dass er schon in wenigen Tagen in Moskau sein wird, erwähnt er nicht. Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, gibt Fico zum Abschied eine Botschaft mit: Die Gedenkstätte stehe, sagt er, „für Frieden und gegen Gewalt – überall auf der Erde“.

