Reise durch das alte Österreich:O Freunde, nicht diese Töne!

Dolce risonanza

Mit neun Musikerinnen und Musikern ist das Ensemble "dolce risonanza" für manche Stücke des Programms etwas knapp besetzt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die historische Aufführungspraxis auf Originalinstrumenten ist das Markenzeichen von "dolce risonanza". Beim Dachauer Schlosskonzert mangelt es dem Wiener Ensemble nicht an originellen Einfällen. Doch was bisweilen fehlt, ist das Temperament

Von Adolf Karl Gottwald, Dachau

"Wirklich ist Wien so reich an Komponisten, und fasst in seinen Ringmauern eine so große Anzahl vortrefflicher Tonkünstler, dass man dieser Stadt mit Recht einräumen muss, dass sie sowohl die Hauptstadt der deutschen Musik als des deutschen Reiches ist." Diesen Satz aus Charles Burneys musikalischer Reise durch das alte Österreich 1772 zitiert Florian Wieninger, der Leiter und Moderator des Wiener Ensembles dolce risonanza, bei dessen Konzerttourneen, also auch jetzt beim ersten Dachauer Schlosskonzert nach überlanger Corona-Pause. Bei der "großen Anzahl vortrefflicher Tonkünstler" in und aus Wien denkt man natürlich zuallererst an die Wiener Philharmoniker, dann auch an die oft weltberühmten Solisten und Kammermusik-Ensembles. Das Ensemble "dolce risonanza", das sich in historischer Aufführungspraxis auf Originalinstrumenten versucht, ist da zunächst noch nicht dabei, es muss sich erst - wie jetzt in Dachau - bewähren. Besonders erfreulich war an diesem Konzertabend, dass "dolce risonanza" in seinem Programm neben der (auch in Dachau) relativ oft gespielten Serenata notturna KV 239 von Mozart eine Sinfonia von Carl Ditters von Dittersdorf und ein vor 1767 geschriebenes völlig unbekanntes Klavierkonzert von Joseph Haydn mitbrachte.

Dittersdorfs "Sinfonia nazionale nel gusto di cinque nazioni", also eine Sinfonie im Geschmack von fünf Nationen, ist ein interessantes Beispiel für die Art und Weise, wie man (vor 1780) in Wien die Musik der damals bekannten Völker gesehen hat. Als Beispiel für deutsche Musik schrieb Dittersdorf ein gefälliges Andantino, für italienische Musik merkwürdigerweise nichts, was an "Bel canto" erinnern konnte, sondern ein sehr straffes, harmonisch und rhythmisch eher etwas primitives Allegro assai, für englische Musik ein melodiös-glattes Allegretto und für französische Musik ein für unsere Ohren nicht gerade typisches, angeblich "manieriertes" Menuett.

Florian Wieninger führte jeden Satz mit einem bezeichnenden zeitgenössischen Zitat ein. Die den "Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst" des schwäbischen Publizisten Schubart entnommene Charakteristik der türkischen Musik gefiel am besten und brachte das Publikum zum Schmunzeln: "Der Charakter dieser Musik ist kriegerisch, da er auch feigen Seelen den Busen hebt... Sie liebt bloß den Zweivierteltakt, wiewohl wir auch sehr glückliche Versuche mit andern Takten gemacht haben. Indessen erfordert keine andere Gattung von Musik einen so festen, bestimmten und allgewaltig durchschlagenden Takt. Jeder Taktstrich wird durch einen neuen männlichen Schlag so stark konturiert, dass es beinahe unmöglich ist, aus dem Takte zu kommen." Die Musik hielt das von der Moderation Versprochene nur zum Teil. Das lag auch daran, dass sie bei weitem nicht so temperamentvoll gespielt wurde, wie es die ausgewählten Zitate waren. Beim Musizieren von "dolce risonanza" kommt das "dolce" kaum zum Tragen. Der gerühmte und geliebte süße Wiener Geigenton ist bei diesem Wiener Ensemble wohl als unhistorisch gesehen und verpönt. Damit blieb das von Anton Holzapfel am Nachbau eines echten Wiener Fortepianos des 18. Jahrhunderts vortrefflich gespielte frühe Klavierkonzert von Joseph Haydn im Gesamteindruck etwas blass. Man darf aber auch von einem Frühwerk Haydns in einer Kompositionsgattung, die ihm nicht besonders gut lag, nicht den Elan und Humor der späteren Meisterwerke erwarten.

Die von Mozart "für zwei kleine Orchester, das eine bestehend aus 2 Prinzipal-Violinen, Viola und Violone, das andere aus 2 Violinen, Viola, Violoncello und Pauken" geschriebene Serenata KV239 konnten die neun Musikerinnen und Musiker gerade einfach besetzen. Das klang zunächst ungewohnt dünn, aber man gewöhnte sich gern an den vermutlichen Originalklang. Das "Rondeau" dieser Serenata versuchte "dolce risonanza" mit möglichst originellen Einschüben aufzuschmalzen. So erklang mitten im Mozart plötzlich "Freude, schöner Götterfunken" als Kontrabass-Solo, dann auch der Radetzky-Marsch und noch mehr Johann Strauss. Das mochte bei einem Teil des Publikums gut ankommen, wir aber bleiben bei Beethovens "Neunter" und zitieren daraus, Mozart verehrend: "O Freunde, nicht diese Töne!"

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