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Reden wir über:Fehlende Interaktion

Schulpsychologische Beratung

Rosemarie Stephan

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Rosemarie Stephan kümmert sich um die Bedürfnisse von Schülern

Von Julia Putzger

Rosemarie Stephan ist koordinierende Beratungsrektorin der schulpsychologischen Beratungsstelle Dachau. Dass sie in den letzten Wochen erstaunlich wenig zu tun hatte, erklärt sie sich vor allem damit, dass ohne Präsenzunterricht viele Probleme unter dem Radar der Lehrkräfte verschwinden. Ein Gespräch über die Rolle des Bildungsgrads der Eltern und wie Eltern ihre Kinder am besten beim Lernen unterstützen können.

SZ: Frau Stephan, was hat sich für die Schulpsychologen durch die Corona-Krise verändert?

Rosemarie Stephan: Momentan gibt es nur sehr wenige Anfragen, in denen es zum Beispiel um den Übertritt von der Grundschule in eine weiterführende Schule geht. Manche Eltern haben dabei das Gefühl, dass ihr Kind jetzt benachteiligt ist, weil nur wenig Zeit für die Vorbereitung für den Probeunterricht da ist und Lerninhalte fehlen, die aber abgefragt werden. Ansonsten bekommen wir normalerweise viele Hinweise von den Lehrkräften.

Und warum ist das jetzt anders?

Die Lehrkräfte waren durch den Online-Unterricht so gefordert, dass sie kaum Kapazität hatten, um eventuelle Auffälligkeiten zu bemerken. Außerdem haben sie zwar zum Teil telefonisch Kontakt mit den Schülern gehalten oder sie per Facetime gesehen, aber es waren eben nicht alle erreichbar.

Das heißt, dass viele Probleme unentdeckt blieben und die Schulpsychologen deshalb in nächster Zeit besonders gefordert sein werden?

Ich weiß noch nicht, was da auf uns zukommt. Soweit wir das bisher mitbekommen haben, waren die Reaktionen der Kinder sehr unterschiedlich. Einer weint, weil er in die Schule will, ein anderer weint weil er nun eben nicht in die Schule will. Es gab aber auch schon vor Corona Schüler, die nicht gerne in die Schule gegangen sind und daher mit der zunehmenden Wiederaufnahme des Unterrichts Probleme haben. Für manche waren die vergangenen Wochen auch nur wie lange Ferien. Wir müssen schlussendlich alle dort abholen, wo sie stehen.

Welche Unterschiede fallen dabei auf?

Es tut sich eine Schere auf zwischen den Eltern, die engagiert und gut gebildet sind, und solchen Haushalten, in denen es ganz schwierig ist, die Kinder zu unterstützen. Oft spielt dabei ein Migrationshintergrund eine Rolle, allein weil es eine sprachliche Barriere gibt. Und teilweise gibt es für die Schüler auch gar keinen Raum, keinen Arbeitsplatz, kein Internet, keinen Drucker. Das alles ist allerdings ein generelles Problem, das jetzt nur stärker auffällt. Leider ist es aber so, dass genau diejenigen, die Hilfe am nötigsten hätten, sich nicht von sich aus an uns wenden. Dafür haben wir aber Jugendsozialarbeiter, die auch während der Beschränkungen Kontakt zu den Kindern hatten und besser in die Familien können.

Wie stark leiden die Kinder und Jugendlichen unter der aktuellen Situation?

Wir haben noch keine genauen Zahlen, welche nachhaltigen Folgen die Phase der Isolation haben wird. Aber das Schlimmste für die Kinder ist es, nicht unter Ihresgleichen zu sein. Denn die Schule lebt auch von der Interaktion, und das fehlt jetzt natürlich total.

Inwiefern?

Das ist ein tiefer Eingriff und bringt Probleme mit sich. Ich habe aber zum Beispiel auch von Familien gehört, die sich abgesprochen haben, sodass die Kinder sich zumindest mit einigen Freunden oder befreundeten Familien treffen konnten.

Haben Sie Tipps für Eltern, wie sie ihre Kinder bestmöglich unterstützen können?

Es ist wichtig, den Alltag zu strukturieren, ein wiederkehrendes Muster zu schaffen wie sonst im Schulalltag. Vor allem mit den Jüngeren sollte man die Basics pflegen und zum Beispiel gemeinsam lesen und vorlesen und das Gelernte im Alltag anwenden.

Zum Beispiel?

Eine schöne Idee ist es da, gemeinsam zu kochen: Da muss man das Rezept lesen und braucht auch ein bisschen Mathe. Und damit die Kinder nicht zu Nesthockern werden, sollte man regelmäßig rausgehen und sich bewegen. Bei alldem sollten die Eltern aber nicht vergessen, auch für sich zu sorgen und sich zu fragen, wo sie selbst Entlastung finden und Energie tanken können.

© SZ vom 09.06.2020
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