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Rechte Chats an Dachauer Schule:Mehr als eine Jugendsünde

Schweigen bringt nichts, Transparenz ist nötig und eine klare Kante gegen Rechts.

Tatsächlich ist bei vielen Kindern und Jugendlichen nicht das Bewusstsein dafür da, dass die Verbreitung von Nazi-Stickern eine Straftat ist. Eine juristische Einschätzung der Vorfälle am Taschner-Gymnasium hängt vom Alter der Beteiligten ab, sind sie unter 14 Jahren oder darüber, und auch vom Kontext, in dem die verfassungsfeindlichen Symbole gepostet worden sind. Die Schulleitung setzt bis zum jetzigen Zeitpunkt aber auf Aufklärung statt strafrechtlicher Verfolgung. Das scheint erfolgreich zu sein - alles also wieder gut?

Leider nicht. Es geht hier nicht um einen harmlosen Jugendstreich. Kaum ermöglichte Whatsapp, eigene Sticker im Netz zu erstellen und zu nutzen, fluteten rechtsextreme Gruppenchats mit volksverhetzender NS-Symbolik wie Hakenkreuze, SS-Runen oder Hitler-Bilder. Es mag ja zutreffen, dass im Hintergrund der aktuellen Fälle in Dachau keine politisch motivierten Urheber stehen. Aber wirkliche Gewissheit könnte doch wohl am ehesten ein Ermittlungsverfahren bringen.

Prävention und Aufklärung sind zwar unbedingt notwendig, die Schulleitung hat das richtig erkannt, sorgt dafür auch intensiv und bindet vorbildhaft auch die Eltern ein. Wünschenswert wäre aber doch ein deutliches Zeichen, dass in jedem Fall rassistischer, antisemitischer und rechtsextremer Umtriebe "klare Kante" gezeigt wird - wie das Politiker gerne in Sonntagsreden betonen. Der Hinweis auf die Pubertät der Schüler, aus pädagogischer Sicht wohl zutreffend, wird der gesellschaftlichen Dimension des Problems jedoch nicht gerecht. 95 Prozent der Kinder von zwölf Jahren an nutzen laut Experten Whatsapp, obwohl es erst ab 16 Jahren erlaubt ist. Auch von 14-Jährigen kann man erwarten, dass sie Witze auf Kosten von Schoah-Opfern unterlassen.

Von sich aus ging das Gymnasium nicht an die Öffentlichkeit. Das bekommt man schon wieder hin, mag der nachvollziehbare Gedanke gewesen sein. Es ehrt den Schulleiter auch, dass er seine Schützlinge vor strafrechtlichen Konsequenzen bewahren und sie eines Besseren belehren will. Doch Schweigen bringt nichts. Vor Kurzem erst wollten Fachleute der SZ bei einer Recherche noch weismachen, dass man von rechtsextremen Umtrieben an Schulen im Landkreis Dachau seit Jahren nichts gehört habe; nach dem Motto: So was gibt's bei uns nicht. Von wegen. Das ist der falsche Umgang mit dem Problem.

Wohlgemerkt: Es geht nicht um eine Schuldzuweisung an Schule oder Eltern - Transparenz ist aber nötig, weil es die ganze Gesellschaft, ganz Dachau, etwas angeht. Wir alle müssen uns der wesentlichen Frage stellen, wie es sein kann, dass 14- oder 16-Jährige heute Gaskammersprüche und andere neonazistische Postings witzig finden. Offenbar ist da etwas gründlich schief gelaufen - trotz unserer viel gerühmten Erinnerungskultur inklusive Gedenkstättenbesuche. Trotz der vielen Gedenkveranstaltungen in Dachau, in die gerade auch Schüler des Taschner-Gymnasiums eingebunden sind. Und warum? Darauf muss in einer öffentlichen Diskussion die Antwort gesucht werden, wenn man dem Hass Einhalt gebieten will, der sich in unserer Gesellschaft ungehemmt ausbreitet.

© SZ vom 27.02.2020
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