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Reaktionen aus der Kreisstadt:Dachau soll europäischer Lernort werden

Der Landtagsabgeordnete Bernhard Seidenath spricht von einem "wichtigen Tag für die Stadt Dachau".

(Foto: Toni Heigl)

Der bayerische Ministerrat beschließt ein neues Gesamtkonzept für die Erinnerungspolitik, in dem die KZ-Gedenkstätte eine zentrale Rolle spielt

Von einem "epochalen Durchbruch in der Erinnerungsarbeit" spricht Karl Freller (CSU), Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten. Und Bernhard Seidenath (CSU), Landtagsabgeordneter und CSU-Kreischef, hält es für einen "wichtigen Tag für die Stadt Dachau, den gesamten Landkreis Dachau und die KZ-Gedenkstätte Dachau". Sie, so Seidenath, "wird zu einem europäischen Mahn-, Gedenk- und Erinnerungsort aufgewertet, von dem aus klar und deutlich die Botschaft des ,Nie wieder!' in die gesamte Welt getragen wird". So die überschwänglichen Reaktionen auf die Mitteilung des bayerischen Ministerrats vom Dienstag über ein neues Gesamtkonzept der Gedenkpolitik im Freistaat.

In dem Beschluss des Ministerrats heißt es: "Von besonderem Interesse für die Weltöffentlichkeit ist die KZ-Gedenkstätte Dachau als zentraler Opferort." In Dachau solle ein europäischer Gedenk- und Erinnerungsort entstehen, an dem die Gesamtgeschichte der Konzentrationslager in einzigartiger Weise aufgearbeitet und ihrer Opfer gedacht wird. Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, zeigte sich ebenso erfreut: "An der Schwelle zu einem Zeitalter ohne Zeitzeugen bietet sich nun die historische Chance, einen modernen und zukunftsfähigen internationalen Lern- und Gedenkort zu gestalten."

Die Staatsregierung habe damit auch ein Zeichen der Anerkennung für die geleistete Arbeit gesetzt, so die Leiterin. Zugleich sei damit auch der Auftrag verbunden, die Gedenkstätte als zentralen Erinnerungsort an die Opfer des KZ-Systems konsequent weiterzuentwickeln. Die Gedenkstätte Dachau wurde 1965 auf Betreiben ehemaliger KZ-Häftlinge eingerichtet. Die Dauerausstellung, die es seit dem Jahr 2003 gibt, soll nun erneuert werden, auch soll der "Kräutergarten", die ehemalige SS-Plantage, erhalten und in den Gedenkort einbezogen werden. Entsprechende Überlegungen und Konzepte sind schon mehr als zehn Jahre alt. Neben Renovierungs- und Instandsetzungsarbeiten soll angesichts der hohen Besucherzahlen, jährlich eine Million Menschen, die Infrastruktur deutlich erweitert werden.

Daher werden die historischen Gebäude "Kommandantur", "Lagerbäckerei" und "Transformatorenhaus", die sich auf dem angrenzenden Gelände der Bereitschaftspolizei befinden, perspektivisch in die Gedenkstätte einbezogen. Im Gebäude, in dem zwischen 1945 und 1948 die Dachauer Prozesse stattfanden, soll ein Bildungsort eingerichtet werden. Schließlich werde auf dem Areal des "Kräutergartens" in enger Abstimmung mit der Stadt Dachau, vor allem im Hinblick auf die freien Flächen und die Kopfbauten ein Gedenkort geschaffen. In die KZ-Gedenkstätte Dachau sollen ungefähr 80 Millionen Euro investiert werden. Insgesamt will die Staatsregierung die Erinnerungsarbeit mit geschätzten 200 Millionen Euro fördern; darunter fallen auch die Kosten für die zweite große KZ-Gedenkstätte in Bayern, Flossenbürg, sowie kleinere Gedenkorte.

Seidenath erklärt weiter zum Beschluss des Ministerrats: "Mit diesem angekündigten großen Wurf für die KZ-Gedenkstätte Dachau greift der Ministerrat die Forderungen auf, die lokale Mandatsträger - Bundestagsabgeordnete Katrin Staffler, Landrat Stefan Löwl, Stadtrat Peter Strauch, CSU-Ortsvorsitzender Tobias Stephan und ich - am Ende des vergangenen Jahres erhoben haben. Im 75. Jahr nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewalt- und Schreckensherrschaft sei dies von höchster pädagogischer und staatstheoretischer Bedeutung. "Das Konzentrationslager Dachau als Paradigma für das Schinden von Menschen muss im Mittelpunkt dieser Anstrengungen stehen. Dafür werde ich weiter streiten - nun mit dem heutigen Ministerratsbeschluss im Rücken", betont Seidenath.

Das überzeugende Konzept, so Vizelandtagspräsident Karl Freller, wird bis 2033 - 100 Jahre nach der Errichtung des Konzentrationslagers - schrittweise umgesetzt. In den zwölf Jahren seines Bestehens waren dort und in zahlreichen Außenlagern mehr als 200 000 Menschen aus ganz Europa inhaftiert. Etwa 41 500 Häftlinge wurden ermordet. Am 29. April 1945 befreiten US-amerikanische Soldaten die Überlebenden. Für die Gedenkstättenstiftung sei die Stärkung der Opferorte, für die sich die Stiftung schon seit Jahren massiv eingesetzt habe, von herausragender Bedeutung, erklärt Freller. Er kritisiert, dass "in den letzten Jahren bereits umfangreiche Investitionen im Bereich "Täterorte" beschlossen" worden seien. Das solle künftig verstärkt bei den "Opferorten" geschehen.

Im Fokus der Stiftung stehe darüber hinaus das weit verzweigte Netz der KZ-Außenlager von Dachau und Flossenbürg. Die Landtags-Grünen, die schon seit vier Jahren ein solches Konzept fordern, üben daran deutliche Kritik. Gabriele Triebel sprach von einem bloßen Merkzettel voller Ankündigungen. Die SPD-Fraktion mahnte an, auch die kleinen Erinnerungsorte in den Blick zu nehmen.

© SZ vom 23.01.2020
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