Nach Sylt-Video:„Wir wollen nicht in diese Richtung provozieren“

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Der Partyhit wird auch im großen Festzelt auf der Thoma-Wiese nicht gespielt. (Foto: Niels P. Joergensen)

Immer mehr Festwirte wollen den von Rassisten gekaperten Partyhit „L’amour toujours“ verbieten. Auch in den großen Zelten auf den Volksfesten in Dachau und Karlsfeld soll das Lied nicht gespielt werden.

Von Lisa Nguyen, Dachau

Eigentlich geht es in dem Song „L’amour toujours“ einzig und allein um die Liebe. Das musste der italienische DJ Gigi D’Agostino mehreren deutschen Medien in den vergangenen Tagen erklären. Doch spätestens seit dem Video von jungen Menschen auf Sylt, die zur Melodie des Hits die Parolen „Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“ grölen, wird das Lied derzeit vor allem mit einem Thema in Verbindung gebracht: Rassismus.

Mittlerweile haben einige Veranstalter von Volksfesten Konsequenzen gezogen. „Wir wollen es verbieten, und ich werde es verbieten“, sagte der Wiesn-Chef Clemens Baumgärtner (CSU) am Montag der Deutschen Presse-Agentur. „Auf der Wiesn ist für den ganzen rechten Scheißdreck kein Platz.“ Ludwig Rettinger, Wirt auf dem Dachauer Volksfest, hält den Kurs in München für richtig: „Dem schließen wir uns an.“ Das Lied habe keinen rechtsradikalen Hintergrund, es sei aber „leider Gottes von Rechten missbraucht worden“. Davon will Rettinger, der in diesem Jahr erstmals das große Festzelt in Dachau bewirten wird, Abstand nehmen: „Wir wollen nicht in diese Richtung provozieren.“

„Auch in diesem Jahr wird dieses Lied nicht auftauchen“

Der über 20 Jahre alte Partyhit wurde zuletzt immer wieder mit rassistischen Songzeilen umgedichtet, etwa auf dem Maifest in Sulzemoos oder auf der Bergkirchweih in Erlangen, wo zwei Männer am Freitagabend zu dem Lied rassistische Parolen skandiert haben sollen. Die Wirte reagierten dort ebenfalls mit einem Verbot. Auch auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart soll der Hit verboten werden.

Für ein explizites Verbot spricht sich Peter Brandl nicht aus, er ist Festwirt auf dem Karlsfelder Siedlerfest. Das Lied sei in den vergangenen Jahren ohnehin nicht im Repertoire der Bands gewesen. „Auch in diesem Jahr wird dieses Lied nicht auftauchen“, sagt Brandl. Er will, dass das Volksfest, das in einem Monat stattfinden wird, „so friedlich wie möglich bleibt“.

Auf Anfrage schreibt der Dachauer Kulturamtsleiter Tobias Schneider in Namen der Stadt: „Den rassistischen Missbrauch von Gigi D’Agostinos Song verurteilen wir auf das Schärfste.“ Die Stadt als Veranstalterin des Dachauer Volksfestes mache den Wirten aber keine verpflichtenden Vorgaben zur Musikgestaltung. Allgemein gilt jedoch: „In unserer Volksfestverordnung ist klar geregelt, dass es untersagt ist, auf dem Volksfest rassistische oder fremdenfeindliche Parolen zu äußern. Hier würden wir jederzeit konsequent durchgreifen.“

Stadt Dachau will den Volksfestwirten nichts vorschreiben

Es ist eine Diskussion, die Schneider bekannt vorkommt: Vor zwei Jahren hatte der städtische Kulturausschuss den Festwirten im Vorfeld empfohlen, das Lied „Layla“ nicht zu spielen. Der umstrittene Partyschlager wurde als sexistisch kritisiert und unter anderem beim Kiliansfest in Würzburg verboten. Schneider, der den Kulturausschuss nach außen vertritt, und die Stadt seien dafür im Internet scharf kritisiert worden, erzählt er.

Von einem Verbot von „L’amour toujours“ hält Schneider selbst nicht viel: „Ich persönlich denke nicht, dass ein Boykott dieses an sich harmlosen Lovesongs Sinn machen würde.“ Einen Song aus dem Festzelt zu verbannen, weil ihn Gäste umdichten könnten, löse das Problem nicht. Ein Verbot wäre vielmehr ein Zugeständnis an die Rassisten, findet Schneider: „Man würde damit vor einer kleinen, hasserfüllten Minderheit einknicken. Und jede Künstlerin und jeder Künstler, der einen eingängigen Ohrwurm produziert, müsste künftig Angst haben, dass sein Werk zur rechten Chiffre werden könnte.“

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