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Radverkehrskonzept in Karlsfeld:Karlsfeld steigt aufs Fahrrad um

An der Ostseite des S-Bahn-Tunnels in Karlsfeld sieht es noch nicht nach einer fahrradfreundlichen Kommune aus - das soll sich jetzt ändern.

(Foto: Toni Heigl)

Die zweitgrößte Gemeinde im Landkreis will eine neue Infrastruktur mit Parkanlagen, Radwegen und Schnellwegen schaffen. Darüber sind sich die Gemeinderäte einig, unklar bleibt, wie die verschuldete Kommune das finanzieren will

Radler sollen Vorfahrt bekommen in Karlsfeld. Was viele noch als Träumerei abtun, andere als Albtraum verteufeln, forcieren die Kommunalpolitiker derzeit massiv. So sollen am Bahnhof 436 neue Radständer und 22 Boxen zum Einsperren besonders hochwertiger E-Bikes eingerichtet werden. Außerdem will man ein Radverkehrskonzept entwerfen und peu à peu realisieren, um endlich zur fahrradfreundlichen Kommune zu avancieren. Lärm, Abgase, endlose Staus und gefährliche Straßen stinken den Karlsfeldern nämlich so sehr, dass sie das Rad als Alternative zum Auto fördern wollen. In der Hoffnung, dass manch einer sich lieber auf den Sattel schwingt, anstatt sich für jede noch so kurze Strecke hinter das Steuer zu setzen.

Eine ganz neue Infrastruktur schwebt den Kommunalpolitikern in der 23 000 Einwohner großen Gemeinde vor. Neben Radwegen und Fahrradstreifen sollen auch Schnellwege eingerichtet werden und Straßen, auf denen die Radler Vorrang haben - ähnlich wie es das in München bereits gibt. Die Gemeinderäte planen beleuchtete und überdachte Anlagen zum Abstellen von Rädern. Ladestationen für E-Bikes, Servicestellen für Reparaturen, Wegweiser, Fahrradkarten, Internetplattformen und vieles mehr wünschen sie sich ebenfalls. Zunächst müssen Fachplaner ein Radverkehrskonzept erstellen. Dieses soll eine Diskussionsbasis schaffen, erklärt der CSU-Fraktionsvorsitzende Bernd Wanka, der im Sommer bereits einen entsprechenden Antrag gestellt hatte. Es soll kein Maßnahmenkatalog entstehen, der langsam abgearbeitet wird. Das Konzept soll aufzeigen, wie man die Situation für Radler verbessern kann. Der Gemeinderat wählt dann einzelne Projekte aus. Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) soll in die Diskussion ebenso mit einbezogen werden wie radaffine Bürger.

Die Verwaltung erwartet bis Ende Januar Angebote von fünf verschiedenen Büros. Dann haben die Experten etwa drei Monate Zeit. Im Mai oder Juni, wenn der neue Gemeinderat gewählt ist, will man einen Fahrradbeauftragten wählen und die ersten Ideen beratschlagen. Ziel soll es sein, dass Karlsfeld der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen (AGFK) beitreten kann. Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) kündigte öffentliche Dialogveranstaltungen an.

"Karlsfeld ist flach und nicht so groß", erklärte Franz Trinkl (SPD). Da müsse es doch möglich sein, den innerörtlichen Verkehr zu verringern. "Jeder, der aufs Rad steigt, ist ein Gewinn", sagte Trinkl. Gut wäre es auch den Autofahrern zu signalisieren, dass Radler "genauso viel Wert" seien, so Peter Neumann (Bündnis).

Einigkeit besteht schon mal darin, als erstes die Fahrradständer am Bahnhof deutlich aufzurüsten. Laut Planer könnte die bereits bestehende Anlage auf der Westseite um 60 Plätze und sechs Boxen erweitert werden. Das würde etwa 94 000 Euro kosten. Auf der Ostseite könnten rechts und links hinter dem Tunnel je eine doppelstöckige Anlage mit Dach für 128 Räder errichtet sowie auf dem Weg zur Wehrstaudenstraße und in dem Stich zu den Kleingärten weitere Abstellmöglichkeiten geschaffen werden. Das würde voraussichtlich mit 275 000 Euro zu Buche schlagen.

Auf der westlichen Seite des Tunnels, dort wo eine Brache mit Trampelpfad ist, hätten weitere 224 doppelstöckige Ständer mit Dach Platz sowie 16 Boxen. Der Planer empfiehlt eine Treppe zum Tunnel hinab, damit die S-Bahnfahrer nicht außen herum, sondern schnell zum Bahnsteig kommen. Kosten: knapp 393 000 Euro. Allein die Treppe kostet 9000 Euro. Klar kann Karlsfeld eine Förderung vom Freistaat bekommen. Noch sei Geld im Topf, so der Planer. Wie lange, weiß er aber nicht.

Ob das alles so realisiert wird, ist noch unklar. Zwar befürworteten alle Gemeinderäte das Konzept. Doch die Gemeinde ist mit 23 Millionen in den Miesen. Bürgermeister Kolbe warnte deshalb vor "Schnellschüssen". "Der Haushalt wird nicht so prickelnd ausschauen", sagte er. Die Debatte, was man realisiere, Radlständer oder Skatepark, werde "nicht schmerzfrei". Zwar rief Kolbe dem Planer zu: "Ich gehe davon aus, dass wir das machen werden." Die endgültige Entscheidung fällt aber bei den Etatberatungen.

© SZ vom 16.12.2019
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