Radsport Herausforderung auf Kopfsteinpflaster

Erstmals wird das Bergkriterium vom Bayerischen Rundfunk live im Fernsehen übertragen. Die teils von weither angereisten Teilnehmer des Radrennens genießen nicht nur die Aufmerksamkeit und den Applaus, sondern auch den typischen Dachauer Straßenbelag

Von Clara Nack, Dachau

Dass prall aufgepumpte Reifen in hohem Tempo über Kopfsteinpflaster holpern, ist vielleicht zu hören, den Radsportlern des 67. Bergkriteriums in Dachau jedoch nicht anzumerken. Selbstbewusst und ohne zu bremsen, rasen sie am Feiertag den Altstadtberg hinunter. Das schwierige Dachauer Kopfsteinpflaster schätzen viele der angereisten Sportler als besondere Herausforderung. "Das ist Radsport, da gehört ein bisschen zu leiden eben dazu. Das Kopfsteinpflaster ist super, genau dafür fahren wir!", sagt Florian Zaun, 32, aus Sauerlach, der am Hobbyrennen teilnimmt. Die 1,375 Kilometer der Dachauer Runde fahren die beginnenden Hobbyradler zehnmal, die Senioren legen 24 Runden und die Jugendlichen unter 17 Jahren 22 Runden zurück. Das sind mehr als 30 Kilometer. Sogar 60,5 Kilometer legt die Eliteklasse in 44 Runden durch die Altstadt zurück.

44 mal umrunden die Radsportler den Altstadtberg.

(Foto: Niels P. Joergensen)

"Beim Bergkriterium in Dachau trennt sich die Spreu vom Weizen. Da man sich auf keinem Streckenabschnitt im Windschatten verstecken kann, wird hier nichts dem Zufall überlassen. Gleichzeitig wird an die Anfänge des Radsports erinnert", sagt Wolfgang Moll, Vorsitzender des Ausrichters Soli Dachau e.V. und Organisator des Bergkriteriums. Der parteilose Stadtrat leitet das Rennen mit mehr als 150 internationalen Teilnehmern zum 28. Mal.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als der Radsport sich als Vereinsbewegung zu organisieren begann, war Kopfsteinpflaster der typische Straßenbelag. Die Dachauerin Beate Koch, eine der wenigen Frauen im Rennen, geht die unebene Abfahrt nicht zögerlich an. "Bei der Abfahrt muss man dann eben das herausholen, was man hinauf verloren hat", sagt die bescheidene Gewinnerin der Frauenwertung des Hobbyrennens lachend.

Andreas Strasser zeigt seinen "Fahrradtrial".

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Um noch mehr Teilnehmer anzulocken, wurde dieses Jahr erstmals auf gleich zwei großen Leinwänden live übertragen. Nicht nur im Fernsehen, oben auf dem Altstadtberg in Start- und Zielposition, sondern auch für die Gäste des Volksfestes rückt das Rennen so in unmittelbare Nähe. "Dieses Rennen ist auch deshalb ein besonderes, weil es wirklich mal von vielen verfolgt wird. Durch das Dachauer Volksfest stehen viel mehr Leute an der Strecke und motivieren die Sportler", meint Simon Huber, 20, als aktiver Radsportler aus dem Publikum. Sportreporter Axel Müller vom Bayerischen Rundfunk gibt der schon lange als kopierte Tour-de-France-Strecke geltenden Distanz dieses Jahr eine weitaus größere Bühne als die Jahre zuvor. Nicht selten wurde das Kameraauto von den Radfahrern fast überholt. "Solch eine Live-Übertragung verdeutlicht natürlich die Relevanz einer Sportveranstaltung. Hier in Dachau ist sie angesichts der Einmaligkeit des Rennens und Diversität der Teilnehmerschaft schon fast überfällig gewesen", sagt BR-Sportreporter Müller.

BR-Sportreporter Axel Müller interviewt Oberbürgermeister Florian Hartmann.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Wie überfällig die Berichterstattung war, spiegelt sich in dem Ansporn wider, den viele Sportler dieses Jahr allein durch die Kulisse wahrnahmen. "Das Bergkriterium ist einfach das schönste Rennen Bayerns. Sonst schaut kein Mensch zu, aber bei Leinwandübertragung fährt man natürlich gerne. Die Kulisse ist toll und das die Zuschauer am Berg entlang stehen um einen anzufeuern, erlebt man sonst auch nicht", resümiert der 51-jährige Bernhard Dietel aus Gauting nach seiner Teilnahme am Senioren-Rennen.

60,5 Kilometer legt die Eliteklasse in 44 Runden zurück.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Das Rennen sei trotz langjähriger Tradition und anhaltenden Interesses jedoch weiterhin kein Selbstläufer, sagt Organisator Moll. Um sich zu halten, müsse man immer professioneller werden und die Attraktivität weiterhin erhöhen. "Der Radsport ist zwar ein Volkssports, bleibt jedoch wie viele andere interessante Sportarten weiterhin ein Randsport, der zusätzlich unter den weitreichenden Doping-Skandalen sehr gelitten hat", sagt Moll mit Bedauern. "Ich stehe dem Thema ganz emotionslos gegenüber und als offiziell gemeldetes Rennen führen auch wir Doping-Kontrollen durch", erklärt Moll neben der Strecke. Abseits von den Geschwindigkeiten und der Spitzenrennen hat man als regionaler Verein und Veranstalter jedoch vor allem den Nachwuchs im Blick. So dürfen auch die Kinder am Bergkriterium teilnehmen. Die Kleinen fahren direkt nach dem Start durch das Hobbyrennen in verschiedenen Altersklassen das sogenannte Fette Reifen-Rennen. Den Nachwuchs zu interessieren steht auch für Fahrrad-Akrobat Andreas Strasser im Fokus, der neben der Strecke auf Hindernissen balanciert. Beim Verein Soli Dachau trainiert der 21-Jährige die Kleinen in seiner Disziplin "Fahrradtrial", in der er kürzlich Deutscher Meister wurde. Dabei geht es vor allem darum, Hindernisse mit dem Fahrrad zu überspringen.

Das Kopfsteinpflaster des Dachauer Altstadtbergs fühlt sich für die Radsportler wie zusätzliche drei Prozent Steigung an. In beiden Disziplinen kann wohl von dem Bezwingen eines mächtigen Hindernisses gesprochen werden - vor allem nach Runde 43.