Puch Open Air„Wir sind völlig aus dem Häuschen“

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"The Notwist" bekommen auch den Circus Krone in München noch immer locker voll.
"The Notwist" bekommen auch den Circus Krone in München noch immer locker voll. (Foto: Stephan Rumpf)

"The Notwist", einst geadelt als „bedeutendste deutsche Indieband“, ist am kommenden Samstag nach sechs Jahren wieder bei Puch Open Air zu erleben. Die 35. Auflage des beliebten Musik-Events im Dachauer Hinterland wartet in diesem Jahr mit weiteren Überraschungen auf.

Von Gregor Schiegl, Petershausen

Die Schweineweide des Bauernhofs von Hubert Lehmair in Lueg bei Jetzendorf ist noch kein Weltkulturerbe, aber das kommt vielleicht noch. Einmal im Jahr wird die von Wald und Obstbäumen gesäumte Anhöhe im Dachauer Hinterland zum Schauplatz des Puch Open Air, einem der beliebtesten Indie-Festivals in Oberbayern. Bis zu 1800 Besucher werden am kommenden Samstag, 13. Juli, wieder erwartet, manche von ihnen kommen schon seit Jahrzehnten. Die Goldenen Zitronen, Element of Crime, Stereo Total, Frittenbude, Voodoo Jürgens sie alle standen hier schon auf der Bühne. Berühmt geworden sind sie oft erst später, in der großen Welt jenseits des Schweinehügels.

Angefangen hat alles vor 35 Jahren mit einem Fender-Verstärker, ein paar Bierbänken und einem Stoß Handzetteln. Rudi Kraus, Reiner Sladek und die Brüder Lenz und Hubert Lehmair hatten vier befreundete Bands zusammengetrommelt für ein gemeinsames Rockkonzert mit ihrem eigenen Projekt, den Animal Crackers. Das Unterfangen schien nicht ungefährlich. Gerüchte von einem bevorstehenden Überfall einer Rockergang machten die Runde, ein Imker, der in der Nähe des Konzertplatzes seine Bienenstöcke hatte, warnte, dass seine kleinen Lieblinge das Publikum zu Tode stechen könnten. Wilde Zeiten müssen das gewesen sein.

Heute läuft alles etwas geordneter und professioneller, den Charme des Hemdsärmligen hat sich das Festival in der idyllischen Einöde aber bis heute bewahrt. Das ist nicht selbstverständlich. Alternative Formate wie dieses gehen häufiger an ihrem Erfolg zugrunde als am mangelnden Zuspruch. Kommerz killt Kreativität. Peter Wacha, der seit zehn Jahren Organisator des Puch Open Air ist, ist dem Spirit von Puch treu geblieben. „Dieses Festival geht musikalisch immer wieder neue Wege, wagt Neues abseits des Mainstreams und gibt jungen Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit, sich vor aufgeschlossenem Publikum zu beweisen“, umreißt er das Konzept.

Mit „Neon Golden“ erzielten sie ihren größten Erfolg

1991 war eine junge Band aus Weilheim da, sie nannten sich The Notwist. „Ein total sinnloser Name“, sagte Sänger Markus Archer vor einigen Jahren im Interview, zugelegt hätten sie ihn sich, um an einem Radiowettbewerb für Nachwuchsbands teilzunehmen. „Freitagmittag, die Schule ist aus! Wir gehen nach Haus!“ Schulhof-Punk der eher schlichten Sorte. Die Band erfand sich ständig neu, Hardcore, Jazz und Elektronik, Berührungsängste hatten sie nie. 2002 kam ihr Album „Neon Golden“ heraus, die eingängige Mixtur schlug ein, aus dem Stand sprang die Scheibe auf Platz 10 der deutschen Albumcharts. Die Feuilletons riefen „The Notwist“ zur „bedeutendsten deutschen Indieband“ aus. Das Etikett sind sie nie wieder richtig losgeworden.

Jetzt kehren „The Notwist“ nach Puch zurück und füllen die Lücke, die zuvor die Thursten Moore Group um den Ex-Sänger von Sonic Youth und die Noise-Rocker Mandy, Indiana gerissen hatten; sie mussten ihre Show absagen. Von einer Notlösung kann man schwerlich sprechen, wenn „The Notwist“ einspringt, die Veranstalter machen auch keinen Hehl daraus, dass sie selber „völlig aus dem Häuschen“ sind. Wobei der Sensationsgrad sich in Grenzen hält: „The Notwist“ kann man schon fast als Teil des Pucher Familienbetriebs betrachten, 2018 waren sie auch schon da.

Puch-Open-Air-Veranstalter Peter Wacha und Gründer Lenz Lehmair, zusammen aufgenommen 2018.
Puch-Open-Air-Veranstalter Peter Wacha und Gründer Lenz Lehmair, zusammen aufgenommen 2018. (Foto: Toni Heigl)
Vom sogenannten Schweinehügel hat man einen guten Blick auf die Bühne.
Vom sogenannten Schweinehügel hat man einen guten Blick auf die Bühne. (Foto: Niels P. Jørgensen)
Getanzt und gefeiert wird bis spät in die Nacht.
Getanzt und gefeiert wird bis spät in die Nacht. (Foto: Niels P. Joergensen)

Zu Gast ist in diesem Jahr auch Acid Pauli, der zusammen mit „The Notwist“ durch die Welt tourt. Er ist halb DJ, halb Live-Musiker, und wie bei „Deutschlands bedeutendster Indieband“ ist auch seine musikalische Bandbreite enorm. Aus Österreich kommt Andreas Binder alias Salò mit „Musik für Hundestreichler, Arbeitsverweigerer und alle, die sonst noch Gefühle haben“. Die Titel seiner Songs lauten „Apollonia sitzt bei Edeka an der Kasse“ oder „Ich glaube nicht an Dinosaurier“. Beim Puch Open Air darf man sich laut Veranstalter „vielleicht schon auf ein paar neue Ohrwürmer freuen“.

Fans der Düsseldorfer Krautrock-Legenden Neu!, aber auch Fans von Velvet Underground könnten an Kratzen Gefallen finden. Das 2017 in Köln gegründete Trio um Sänger Thomas Mersch lässt Melodien „in Endlosschleife durch den Kopf mäandern“. Bassistin Ulla Müller, bekannt vom Duo Taxi Lotta, steht als „Ulla Suspekt“ auf der Bühne. Im vergangenen Jahr erschien ihre Debüt-EP „U“ mit fünf Songs, die „ihre Wut mit Sinn für Humor, Trap-Vibes, tanzbaren Bas(e)lines und dreckigen 80s-Synthies vereinen“ (Zitat Festival-Homepage).

Musik von hypnotischer Wirkung ist vom Münchner Musiker und Komponisten Josip Pavlov alias Ippio Payo zu hören, der auch für Film und Theater arbeitet. Nicht zu vergessen das Kollektiv Neue Lust aus Wien zu erwähnen, deren „extrem roher Sound“ sich laut Veranstalter „zwischen Shoegaze, Indie und Slacker Rock, Deutsch und Englisch bewegt“. Da sollte für jeden was dabei sein. Die Tickets kosten 45 Euro.

Es geht auch per Bus oder mit dem Fahrrad

Wer sich nun fragt, wie er ohne Auto an diesen Ort irgendwo im Nirgendwo gelangen soll: Es gibt auch in diesem Jahr wieder einen Shuttle-Bus-Service vom Bahnhof Petershausen Richtung Festivalgelände. Die Busse fahren in regelmäßigen Abständen vom Parkplatz am alten Bahnhofsgebäude ab. Man kann die sieben Kilometer lange Strecke von Petershausen auch mit dem Fahrrad zurücklegen. Die letzten Züge Richtung München gehen um 0.50 und 1.52 Uhr zurück, der erste wieder um 5.08 Uhr. Wem das zu anstrengend ist: Es gibt auch die Möglichkeit, neben dem Festivalgelände zu campen.

Weitere Informationen gibt es auf www.puch-openair.de.

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