Süddeutsche Zeitung

Puch Open Air:"Dieses Festival-Feeling wird fehlen"

Das Puch Open Air in Lueg fällt wegen der Corona-Krise heuer aus. Veranstalter Peter Wacha spricht im Interview über die Folgen auf künftige Großveranstaltungen.

Von Interview von Mona Marko

Wie jedes Jahr hätten Musik-Liebhaber beim Puch Open Air am 18. Juli ihre Decken auf den Obstwiesen in Lueg bei Jetzendorf ausgebreitet, gemeinsam zum Indie-Sound von unangepasstem Pop, Rock, Hip-Hop oder Electro-Punk getanzt und das familiäre Flair des Festivals genossen. Wäre da nicht Corona. Auch das kultige Festival, bei dem schon Tocotronic, The Notwist oder die Sportfreunde Stiller spielten, reiht sich in die lange Liste all jener Veranstaltungen ein, die aufgrund der Pandemie abgesagt werden mussten.

Veranstalter Peter Wacha spricht im Interview über das bereits geplante Line-up, das spezielle Puch Open Air-Feeling, das er vermissen wird, und über seine Prognose, wie sich Corona auf die Zukunft von Festivals auswirken wird.

SZ: Wann haben Sie das Puch Open Air 2020 endgültig abgesagt?

Peter Wacha: Wir haben schon ziemlich früh befürchtet, dass das dieses Jahr nichts werden wird. Wir wollten eigentlich Anfang März mit dem Vorverkauf starten, die Grafik war bereits fertig, mit den Postern und der Homepage wollten wir gerade anfangen. Zu dem Zeitpunkt war jedoch alles schon so unsicher, dass ich mir schon gedacht habe, dass wir mit dem Vorverkauf lieber abwarten sollten. Zwei Wochen später mussten dann alle Clubs schließen und da wussten wir, dass es die richtige Entscheidung war abzuwarten.

Gab es keine Möglichkeit, das Festival zu verschieben?

Wir haben darüber schon nachgedacht, das Puch auf Mitte September zu verschieben, aber das wäre extrem riskant. Immerhin sind bis Ende August alle Großveranstaltungen abgesagt und auch die Zeit danach steht unter einem großen Fragezeichen. Wir müssten mindestens drei Monate davor mit der Werbung und dem Kartenvorverkauf starten. Würden wir das riskieren, dann besteht die Gefahr, dass bis dahin doch keine Großveranstaltungen stattfinden dürfen und dann hätten wir wirklich ein Problem. Dann hätten die Leute ihre Tickets schon gekauft. Mein Gefühl sagt mir, wir sollten das für dieses Jahr gleich ganz bleiben lassen.

Wann haben die Vorbereitungen für die das Puch Open Air 2020 angefangen?

Die Vorbereitungen laufen im Prinzip das ganze Jahr über. Dadurch, dass ich auch ständig Konzerte für meinen Club Rote Sonne in München buche, habe ich das Puch immer im Hinterkopf. Vor allem größere Bands muss man schon ein Jahr vorher buchen. Ab November schauen wir dann allgemein, welche Bands wir noch dabeihaben wollen, welche auf Tour sind, welche neue Platten herausbringen.

Wie hätte das Line-up ausgesehen?

Fest gebucht war Michael Rother und Band. Das ist der Gründer von Neu!, einer der legendärsten deutschen Kraut-Rock-Bands. Außerdem hätten wir Beak dabeigehabt - eine sehr kultige Band aus Bristol in England. Die wären das allererste Mal in Bayern aufgetreten. Shari Vari, eine ziemlich tolle Indie-Elektronik-Band, eine Frauenband aus Hamburg wäre auch dabei gewesen. Außerdem war Bbymouth, eine feministische Hip-Hopperin aus Baltimore in den USA, gebucht. Wir wollten uns zudem noch zwei Münchner Bands mit ins Boot holen, da war aber noch nicht ganz klar, welche das sein hätten sollen. Aber alles in allem wäre das diesjährige Line-up ein ziemlich fettes geworden. Ein Line-up, das auch deutschlandweit Gewicht gehabt hätte.

Welche Konsequenzen hat die Absage auf lange Sicht? Können Sie nächstes Jahr einfach problemlos weitermachen?

Klar. Wir sind zuversichtlich, was nächstes Jahr betrifft. Bis dahin wird sich alles wieder einrenken. Und bei Puch hängt so viel Herzblut dran, dass wir das bestimmt nicht aufgeben werden.

Welche finanziellen Auswirkungen hat die Absage des Festivals?

Ich lebe natürlich zu einem Teil davon, da stecken ja immerhin einige Monate Arbeit drin. Das ist definitiv ein Verlust. Aber nicht nur für mich. Alle Techniker, die wir buchen, der Kollege, der mir bei der Werbung hilft und die Homepage baut, die Grafiker, die Brauerei, die keinen Umsatz macht - von der Absage sind einige Menschen betroffen.

Viele Bands und Musiker streamen aktuell live aus ihren Wohnzimmern und bieten ihren Fans so eine Alternative zu Konzerten und Festivals. Wäre das auch eine Option, als Trost eine solche Aktion zu starten?

Das macht sicher Sinn, wenn man einen Club oder eine andere feste Location hat. Ich glaube aber, dass das für ein Festival nichts bringt. Mit dem Internet kann man niemals dieselbe Stimmung generieren, wie man sie bei einem Open Air-Festival hat. Solche Aktionen ersetzen das Beisammensein, das miteinander Feiern und das neue Menschen Kennenlernen nicht. Musik lässt sich live einfach ganz anders erleben. Ein Festival ist wie ein Theaterstück. Natürlich kann man sich das Ganze im Fernsehen anschauen, aber 80 Prozent der Stimmung und der Faszination fallen dabei weg.

Glauben Sie, dass Corona Großveranstaltungen und Musikfestivals auf lange Sicht verändern wird?

Das hängt stark davon ab, ob es wirklich zu dieser Massen-Immunität kommt, von der alle immer sprechen oder bald ein Impfstoff auf den Markt kommen wird. Wenn das nicht der Fall sein wird, dann wird Corona schon langfristige Auswirkungen auf Festivals und Konzerte haben - und zwar unschöne Auswirkungen. Ein Festival mit zwei Metern Abstand - das ist unvorstellbar und das funktio- niert auch einfach nicht. Aber ich bin zuversichtlich und denke, dass sich alles mit der Zeit normalisieren wird. Vielleicht ist es auch mal ganz gut, dass die Menschen schätzen lernen, was ihnen fehlt. Vielleicht kommt es sogar zu einem Boom und die Menschen wollen nach der Corona-Krise noch mehr feiern und tanzen.

Was wird Ihnen am Puch Open Air am meisten fehlen?

Das Festival selbst, dieses Feeling, wenn alle Menschen zusammenkommen und wenn diese spezielle Puch Open Air-Stimmung um sich greift, wenn man das Leuchten in den Augen der Menschen sieht. Das sind Dinge, die mir dieses Jahr wirklich fehlen werden.

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Quelle:
SZ vom 04.05.2020
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