Abendsonne taucht die Kornfelder in goldenes Licht. Zelte stehen rund um den Bauernhof der Lehmairs. Hinter Buden mit Pommes und Würstchen, auf einem Hügel, zwischen alten Apfelbäumen, sitzen Menschen auf Picknickdecken oder tanzen vor einer Bühne. Unter ihnen sind Teenies in Schlaghosen, Studierende mit kurzen Ponys, da sind 30-Jährige in Sommerkleidern, 40-Jährige mit Dreadlocks, Männer um die 50 mit Schiebermützen, überall zwischen ihnen rennen Kinder, spielen mit Heuhaufen, rutschen die Wiese auf einer Luftmatratze herunter. Keiner hier hat sich mit Glitzerfarben bemalt oder schrille Festival-Leggings angezogen. Keine Security läuft herum, keiner kontrolliert die Taschen – es ist Puch-Festival in Lueg, weit im Dachauer Hinterland.

Auf der Bühne werden gleich die Monostars spielen, jene Band, mit der alles begann – wenn auch damals unter einem anderen Namen. 1989, so erzählt man es sich, wollte Gitarrist Lenz Lehmair für seine Indie-Rock-Band, die Animal Crackers, eine Bühne haben. Die Bewohner der umliegenden Dörfer halfen zusammen, riefen ein kleines Festival ins Leben, das sie nun schon seit Jahren auf dem Bauernhof des Bruders Hubert Lehmair feiern. Seitdem haben, auch das erzählen sich die Menschen hier gerne, schon einige Bands auf dem Puch Open Air gespielt, die später groß rauskamen.

Sportfreunde Stiller etwa waren schon auf dem Puch, Tocotronic, The Notwist oder Element of Crime, die vor ein paar Jahren noch einmal kamen, als sie bereits berühmt waren – diesmal mit einem gigantischen Tourbus und einer Managerin, die alle in Stress versetzte, weil sie für Ruhe sorgen wollte, damit die Band schlafen könne. Auch das erzählen sich hier die Helfer mit einem Schmunzeln.
Ebenso wie die Helfenden kommen auch viele Gäste schon seit Jahren, manche seit Jahrzehnten wieder. Da ist etwa Erik, 52 Jahre alt, der seinen Nachnamen nicht verraten möchte, aber wie die meisten Besucher in München wohnt. Schon seit 18 Jahren trifft er sich jedes Jahr mit Freunden auf dem Festival. Er schätze die friedliche, familiäre Atmosphäre, sagt er, und all die musikalischen Überraschungen, die das Festival bereithalte.

Tatsächlich treten in diesem Jahr keine allzu bekannten Bands auf. Deshalb sind auch weniger Besucherinnen und Besucher da als üblich, von rund 900 verkauften Tickets sprechen die Veranstalter, während in den Vorjahren meist um die 1500 Menschen gekommen seien. „Mir persönlich gefällt das. Wir wollen das Festival ja klein halten“, sagt Mitorganisatorin Gerlinde Lehmair. „Unbekannten Bands eine Bühne geben – das war ja genau der Ursprungsgedanke.“
Zu diesen noch nicht so bekannten Künstlerinnen etwa zählt Vandalisbin. Als die Sängerin hinter ihrem Schlagzeug hervortritt, ihren neuen Song „lesbian recruiter“ anstimmt und auf der Bühne zu tanzen beginnt, jubelt und hüpft das ganze Publikum im Takt.

Nach ihrem Auftritt schlendert sie mit ihren Begleitern über das Festival. In der Küche des Bauernhauses, auf einer Eckbank, ist sie wiederzufinden. Ihr Gitarrist Emil Hofmann lässt sich dort, unter einem Alpengemälde, spontan ein Tattoo stechen.

Als Teenie habe er sich oft im Münchner Plattenladen Optimal herumgetrieben, dessen Inhaber Peter Wacha ist, der auch das Festival kuratiert. „Das Puch Festival stand schon immer auf meiner Bucket List“, sagt Hofmann. Die Offenheit des Publikums, die familiäre Atmosphäre – das alles werde ihnen in Erinnerung bleiben, sagt Sängerin Vandalisbin. „Und auf der Haut“, ergänzt Bassistin Misha Kaznacheyeva mit Blick auf Hofmanns Unterarm.
Vandalisbin selbst kommt ebenfalls aus München. Von ihrem 14. Lebensjahr an habe sie ihr Kinderzimmer immer wieder um Mitternacht mit ihrer Gitarre verlassen und habe bis 4 Uhr morgens Straßenmusik gespielt, sagt sie. „Weil ich mich nicht getraut habe, vor so vielen Leuten zu spielen.“ Mittlerweile ist die Sängerin Anfang 20, hat eine Ausbildung an der Münchner Jazz School in Pasing und ist zusammen mit ihrer Gruppe auf einigen Festivals unterwegs.
Während drinnen in der Bauernstube ein Vogeltattoo entsteht, sammelt sich draußen vor der Bühne immer mehr Publikum in Tanzbereitschaft. Mark Ernestus’ Ndagga Rhythm Force schickt die ersten elektrisierenden Klänge über das Gelände. Da ist Frontsängerin Mbene Diatta Seck, deren tiefe Stimme sich wie eine Welle ausbreitet, umgeben von fünf Trommler, deren Rhythmen einen schlagartig wach werden lassen. Die Musik ist ein Projekt des Berliner Techno-Produzenten Mark Ernestus zusammen mit senegalesischen Künstlern. Live entfalten sie ihre ganze Lebendigkeit.

„Clap your hands“, ruft die Sängerin dem Auditorium immer wieder zu, fordert es zum Mitklatschen auf. Das Publikum aber ist sichtlich überfordert damit, sich nicht von den Beats der Sabar-Drums mitreißen zu lassen. Mbene Diatta Seck gibt nicht auf, animiert die Menschenmenge zum Tanzen, holt Leute auf die Bühne – und tatsächlich trauen sich ein paar nach oben und lassen sich tanzend bejubeln.
Der Sound hypnotisiert, versetzt in einen aufmerksamen Wachzustand und macht zur selben Zeit ruhig. Mbalax nennt sich die ursprünglich westafrikanische Musikrichtung. Spätestens bei ihrem letzten Lied hat Mark Ernestus’ Ndagga Rhythm Force das Publikum vollends in seinen Bann gezogen, in Trance versetzt, Mbene Diatta Seck singt eine Melodie vor, das Publikum singt nach, wieder und wieder. Und währenddessen steigt über dem Bauernhof, über der Wiese mit den Apfelbäumen und den tanzenden Gästen, ein heller, runder Mond auf.

