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Psychiatrischer Dienst:"Krisen kennen keine Uhrzeit"

Von links: OB Florian Hartmann, Alexandra Gorges, Bezirkstagspräsident Josef Mederer, Jenny Brunken, Petra Brandmaier, und Sebastian Lämmermann.

(Foto: oh)

Bezirkstagspräsident Josef Mederer stellt den neuen Krisendienst Psychiatrie vor: Die Einsatzkräfte rücken wenn nötig auch nachts und am Wochenende aus

Von Christiane Bracht, Dachau

Der Mann steigt über den Balkon, bereit zu springen. Er weiß sich plötzlich keinen anderen Ausweg mehr. Alles erscheint ihm auf einen Schlag sinnlos - ja aussichtslos. Weder Frau noch Nachbarn können ihn vom Gegenteil überzeugen. Es ist Nacht, alle Beratungsstellen zu. Wohin sich wenden in der Not? "Früher hätte man den Notarzt gerufen, First Responder und Polizei", sagt Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU). "Alle hätten sich auf den Patienten gestürzt, die Situation wäre eskaliert, der Mann hätte sich geweigert mitzufahren." Man hätte ihn trotzdem gezwungen, notfalls mit Handschellen fixiert und in eine Klinik zwangseingewiesen. Jetzt hat man dank des Krisendienstes Psychiatrie andere Möglichkeiten, Erste Hilfe für die Seele zu leisten. Bereits seit 2018 gibt es ein Beratungstelefon, das rund um die Uhr besetzt ist und an dem Menschen Verständnis und Gehör finden können oder sich ausweinen dürfen. "Das hilft bereits bei 40 Prozent der Anrufer", sagt Mederer. Doch es gibt auch die anderen: Manche brauchen unbedingt ein persönliches Gespräch wie zum Beispiel der Mann auf dem Balkon.

Tagsüber können sich Menschen in Krisen oder auch ihre Angehörigen und Kollegen an den Sozialpsychiatrischen Dienst wenden, einen Arzt oder, wenn es besonders dramatisch ist, auch an eine Klinik. Doch außerhalb der Geschäftszeiten war es bislang schwierig adäquate Hilfe zu bekommen - speziell nachts. Deshalb hat der Bezirk Oberbayern das Angebot jetzt deutlich ausgeweitet - zumindest in den Landkreisen Dachau, Fürstenfeldbruck, Starnberg, Ebersberg, Erding und Freising. Dort gibt es nun ab 1. Mai mobile Einsatzteams, die zu Menschen in psychischer Not fahren - und zwar nicht mehr nur in den frühen Abendstunden, sondern die ganze Nacht über und auch am Wochenende. Denn: "Krisen kennen keine Uhrzeit", so Mederer. Erreichbar ist der aufsuchende Krisendienst unter der Nummer 0800/6553000. 800 Fachpfleger, Psychologen und Sozialpädagogen stehen in Oberbayern bereit für den Krisendienst Psychiatrie, nachts und an Wochenenden auszurücken.

"Es sind hoch qualifizierte Leute", wirbt der Bezirkstagspräsident. Sie kommen immer zu zweit und betreuen je zwei Landkreise, ein Team wird für Dachau und Freising zuständig sein, ein anderes für Fürstenfeldbruck und Starnberg, das dritte für Ebersberg und Erding.

In der Vergangenheit sei es oft gelungen, in der Krise deeskalierend zu wirken, indem man den Betroffenen durch Gespräche entlastet, ihn begleitet, eventuell ambulante Hilfe organisiert oder wenn absolut nötig ihn auch in eine Klinik eingewiesen habe - aber auf freiwilliger Basis, erklärt Petra Brandmaier, die stellvertretende ärztliche Leiterin des Krisendienstes, die in der Leitstelle Psychiatrie tätig ist. Anders als das Kriseninterventionsteam, das immer dann einschreitet, wenn die Katastrophe schon passiert ist, versucht der Krisendienst präventiv zu arbeiten. Schon jetzt kontaktierten etwa 150 Personen pro Tag das Telefon. Es sind keineswegs alles suizidgefährdete Menschen wie der Mann auf dem Balkon. Es sind auch Leute dabei, die sich erschöpft und vollkommen überlastet fühlen, denen alles über den Kopf wächst. In diesen Fällen habe man auch schon Krankheiten verhindern können, so Alexandra Gorges von der Gesellschaft zur Förderung des Krisendienstes Psychiatrie Oberbayern (GKP), die den aufsuchenden Krisendienst bei Nacht organisiert.

Gerade im Lockdown habe der Krisendienst bereits einiges bewirkt: "Wir haben viele Suizide verhindern können", erklärt Mederer. Man habe mit einer deutlich steigenden Zahl gerechnet, doch nun sei sie gleich geblieben. "Das ist Genugtuung genug." Bis November hätten etwa sieben Prozent der Anrufe mit familiären Schwierigkeiten zu tun gehabt, die auf die coronabedingte Enge zurückzuführen gewesen seien, inzwischen seien es etwa zehn Prozent, sagt Brandmaier. Wer sich an den Dienst wende, brauche keine Sorge haben, stigmatisiert zu werden. Die Fachkräfte kämen innerhalb einer Stunde ohne großen Aufhebens in zivil ohne Blaulicht, versichert Gorges. Die Polizei rufe den Krisendienst gern zur Unterstützung. Es gibt insoweit auch längst eine Kooperation, ebenso mit der Caritas.

Das Angebot finanzieren vor allem der Bezirk und die Kommunen mit insgesamt 13,2 Millionen Euro, der Freistaat unterstützt die Leitstelle mit drei Millionen Euro. Die Krankenkassen, die die eigentlichen Gewinner seien, so Mederer, "weigern sich Kosten zu übernehmen". In München und dem Landkreis München gibt es das Angebot schon seit einiger Zeit. Ab Juli soll es in ganz Oberbayern zur Verfügung stehen, denn gleichwertige Lebensbedingungen sind dem Bezirk wichtig.

© SZ vom 29.04.2021
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