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Prozess vor dem Landgericht München II:Tödlicher Rosenkrieg

35-Jährige ersticht im Streit ihren Partner. Vor Gericht spricht sie von Notwehr

Noch heute erinnert sich die Angeklagte daran, was ihre Mutter ihr riet: "Lass den Quatsch", hatte sie gesagt und meinte damit die Beziehung ihrer inzwischen 35-jährigen Tochter zu einem sieben Jahre jüngeren Mann. Das war im Frühjahr 2015. Doch die beiden zogen zusammen. Aus der Beziehung ging ein Kind hervor. Gleichwohl kam es zwischen der 35-Jährigen, die zwei Kinder aus ihrer ersten Ehe mitbrachte, und dem 28-Jährigen immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen. In den frühen Morgenstunden des 24. November vergangenen Jahres kam es zwischen den beiden erneut zum Streit. Der Partner der 35-Jährigen überlebte ihn nicht. Sie soll ihm mit einem Küchenmesser in die Brust gestochen haben. Durch die 16 Zentimeter lange Klinge wurde die linke Lunge verletzt und ein Lungenschlagaderast durchtrennt. Binnen weniger Minuten verblutete der 28-Jährige innerlich und war tot.

"Ich wollte ihm nur in den Arm piksen", beteuerte die 35-Jährige am Donnerstag zum Prozessauftakt vor dem Schwurgericht am Landgericht München II. Die Staatsanwaltschaft geht von Totschlag aus.

Im November vorigen Jahres war der 28-Jährige bereits aus der Wohnung seiner Partnerin ausgezogen, besuchte sie aber immer wieder. Die Stunden vor der Tat verbrachte die 35-Jährige bei dessen Schwester. Als ihr Partner sie abgeholt habe, habe er von ihr wissen wollen, "worüber wir gesprochen haben", berichtet die 35-Jährige dem Vorsitzenden Richter Thomas Bott. "Wir reden morgen", habe sie ihm geantwortet. Zuhause angekommen, habe der 28-Jährige jedoch angefangen "zu sticheln". Immer wieder habe er gefragt, "worüber ich und seine Schwester geredet haben", so die 35-Jährige. Sie habe ihren Partner daraufhin rausgeschickt. Der 28-Jährige ging zwar, kam jedoch wieder. Die Angeklagte vermutet, er habe zwischenzeitlich vor dem Haus "gekifft".

Nachdem der 28-Jährige zurückgekehrt war, eskalierte der Streit. Die 35-Jährige stellt die Auseinandersetzung bei ihrer Vernehmung so dar, als habe sie sich in einer Notwehrsituation befunden. Ihr Partner habe sie ins Bad geschubst, ihr ins Gesicht geschlagen. Sie sei in die Hocke gegangen. Dann habe er ihr in den Rücken getreten. Dennoch sei es ihr gelungen, das Bad zu verlassen und in die Küche zu laufen. Dort sei sie erneut geschlagen worden. "Ich fiel zu Boden", schilderte die 35-Jährige dem Gericht. Dann habe der 28-Jährige ihren Kopf gepackt und fest gegen einen Schrank gedrückt. "Ich habe nach etwas gegriffen, ich wollte mich wehren", so die Angeklagte. Es war ein Küchenmesser mit einer 16 Zentimeter langen Klinge, was die 35-Jährige zu fassen bekam. Ihr Partner habe sie daraufhin noch fester gegen den Küchenschrank gedrückt. Sie habe gedacht, er bringe sie um, beteuert die 35-Jährige.

"Ich hatte einfach nur Panik." Dann seien sie und ihr Partner umgefallen, aber gleich wieder aufgestanden. "Er hat plötzlich Blut gekotzt" und habe ihr "noch einmal eine gebrettert - dann war es vorbei". Das älteste der drei Kinder der 35-Jährigen hatte inzwischen einen Notruf abgesetzt.

Warum sie sich von dem 28-Jährigen nicht schon längst vor der Tat getrennt habe, wenn es immer wieder Streit gegeben habe, fragt Richter Bott. "Ich dachte, ich finde schon eine Lösung", so die Angeklagte. Der Prozess wird fortgesetzt.

© SZ vom 23.10.2020 / sal
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