Prozess vor dem Landgericht München II:Tatort: Dachauer Bahnhof

Der Angeklagte soll einer 15-Jährigen mehrmals Ecstasy-Pillen verkauft haben. Doch nicht nur das: Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, das Mädchen eines Abends vergewaltigt zu haben. Das Urteil steht noch aus

Von Andreas Salch, Dachau/München

Als sein Asylantrag abgelehnt wurde, sei er wütend geworden sagt der Angeklagte. So sehr, dass er mit voller Wucht gegen eine Tür geschlagen habe und sich dabei schwer an der Hand verletzte. Nachdem die Wut gewichen war, sei aber die Angst gekommen. Die Angst davor wieder zurück nach Afghanistan zu müssen, berichtet der 24-jährige Mann, der sich seit diesem Mittwoch vor dem Landgericht München II verantworten muss. In dieser Situation habe er begonnen Alkohol zu trinken und Betäubungsmittel zu konsumieren. Doch nicht nur das.

Mitte März vergangenen Jahres soll der Mechaniker nachts in der Nähe des Dachauer Bahnhofs ein 15 Jahre altes Mädchen vergewaltigt haben, dem er in den Tagen vor der mutmaßlichen Tat angeblich mehrmals Ecstasy-Tabletten verkaufte. Zum Auftakt des Prozesses vor der 4. Strafkammer sagte die Verteidigerin des 24-Jährigen, Rechtsanwältin Ann-Kathrin Ponwenger, ihr Mandant werde zum Vorwurf der Vergewaltigung derzeit keine Angaben machen. Ein Video, bei dem die 15-Jährige vor einem Ermittlungsrichter Angaben machte, wurde auf Antrag des Rechtsanwalts, der die Schülerin in dem Verfahren vertritt, unter Ausschluss der Öffentlichkeit gezeigt. Auch für die Vernehmung der 15-Jährigen schloss das Gericht die Öffentlichkeit aus.

Den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zufolge, soll der Mechaniker zwischen Anfang Dezember 2019 bis Mitte März vorigen Jahres "in mindestens zehn Fällen" circa achtmal Ecstasy-Tabletten und zweimal Marihuana an die 15-Jährige verkauft haben. Mit dem Verkauf der Drogen habe sich der Angeklagte "eine Einnahmequelle von einigem Umfang und gewisser Dauer" verschaffen wollen, so der Vorwurf. Die Übergabe der Drogen fand meist an der Fahrradhalle am Bahnhof statt.

Auch in der Nacht vom 16. auf den 17. März vorigen Jahres soll sich der 24-Jährige und die Schülerin in der Nähe des Bahnhofs getroffen haben. Der Mechaniker soll ihr bei dieser Gelegenheit einen Joint angeboten und gemeinsam mit ihr in einem nahegelegen Feld geraucht haben. Danach soll er die 15-Jährige geküsst und berührt haben. "Aus Angst vor Repressalien durch den dominant auftretenden Angeklagten", habe sich die Schülerin jedoch nicht widersetzt und sei vom Angeklagten vergewaltigt worden. Ob das Opfer nach der mutmaßlichen Tat die Polizei verständigte, steht in der Anklageschrift nichts. Gut zwei Wochen später jedenfalls wurde der Mechaniker von der Polizei festgenommen. Am Nachmittag des 2. April 2020, soll der 24-Jährige im Stadtgebiet von Dachau erneut Marihuana an eine unbekannte Person verkauft haben. Am Ort der Festnahme fanden die Ermittler noch rund neun Gramm der Droge, verpackt in Alufolienplomben. Die Plomben wiederum hatte der Mechaniker in einer Hundekottüte im Gebüsch hinter einer Parkbank versteckt, auf der er zuvor gesessen hatte.

In einer Erklärung, die seine Verteidigerin verlas, behauptet der 24-Jährige, dass das mutmaßliche Opfer ihn "angebettelt" habe, ihr Ecstasy-Tabletten zu verkaufen. Er habe der 15-Jährigen aber erklärt, er wolle mit ihr nichts zu tun haben. Dennoch habe sie ihn zusammen mit einem jungen Mann "immer wieder angesprochen" und nach Drogen gefragt. Nach einer Weile schließlich, so der Angeklagte, habe er sich doch "breitschlagen lassen" und der Schülerin Ecstasy-Tabletten verkauft, allerdings nicht, weil er ein Geschäft habe machen wollen, sondern aus "Mitleid". Er habe der 15-Jährigen helfen wollen, versichert der Mechaniker in seiner Erklärung. Über sich sagte der 24-Jährige, er sei ein "guter Mensch". Bis jetzt habe er keinem Menschen und keinem Tier etwas getan. Er habe Respekt vor "Mädchen, Frauen und älteren Personen". Auf die Frage nach seiner Zukunft gab der Mechaniker im Zuge der Ermittlungen an, er wolle auf jeden Fall in Deutschland bleiben und "sobald als möglich arbeiten".

Ein Urteil in dem Prozess wird für Ende Juli erwartet.

© SZ vom 22.07.2021
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