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Prozess:Rechthaberei statt Respekt

Der Fall wurde vor dem Dachauer Amtsgericht verhandelt.

(Foto: Toni Heigl)

Ein 53-jähriger Erdweger soll einen 37-jährigen Schwabhausener Feuerwehrmann angefahren haben, als dieser eine Prozession gesichert hat. Doch für eine Verurteilung reichen die Beweise nicht aus

Eines, sagt Richter Christian Calame, müsse klar sein: "Feuerwehrleute bedürfen des besonderen Schutzes." Dennoch spricht er einen 53-jähriger Mann aus Erdweg, der laut Anklageschrift einen Feuerwehrler angefahren und dann den Unfallort verlassen haben soll, schlussendlich frei. Denn ein Grundsatz im deutschen Rechtssystem lautet auch: Im Zweifel für den Angeklagten.

Der Angeklagte, der so ausschweifend erzählt, dass Richter Calame ihn immer wieder daran erinnern muss, beim Thema zu bleiben, ist sich sicher, dass er niemanden angefahren hat, schon gar nicht vorsätzlich. Am 20. Juni diesen Jahres gegen 9 Uhr morgens habe er Semmeln holen wollen und sei nach Schwabhausen zum Bäcker gefahren. Auf dem Rückweg, es habe stark geregnet, habe er auf der Aichacher Straße ein Auto stehen gesehen. Es habe quer auf der Straße gestanden, die Warnblinkanlage sei an gewesen, ein Mann habe davor gestanden. Zehn Meter - und nicht, wie es in der Anklageschrift steht, nur zwei Meter - vor dem Mann sei er zum Halten gekommen. Das Auto, da ist er sicher, sei kein Feuerwehr- sondern ein Privatfahrzeug gewesen. Auch sei der Mann mangels einer Uniform nicht als Feuerwehrmann zu erkennen gewesen, nur eine Warnkelle in der Hand habe er später gesehen. "Ich habe gedacht, das kann kein Feuerwehrmann sein, denn da ist kein Rettungsweg." Immer wieder verweist der gelernte Ingenieur darauf, alle Abstände "ausgelasert" zu haben.

Er habe den Mann angesprochen und gefragt, wann die Straße wieder frei werde, doch der habe ihm nicht geantwortet. Für ihn sei der Grund für die Sperrung nicht zu erkennen gewesen. Schließlich habe er beschlossen zu wenden. Der Mann sei auf ihn "zu gehüpft" und habe gesagt: "Arschloch, hau ab." Aus Wenden in drei Zügen sei so ein Wenden in fünf Zügen geworden. Dann sei er weggefahren. Den Mann berührt habe er nicht, das hätte ihm ja der Abstandssensor seines Auto angezeigt, und auf den Gehweg gefahren sei er auch nicht. "Da macht man sich nur die Felgen kaputt." Auch den Vorwurf, den Mann beschimpft zu haben, weist er von sich: "Penner ist ein Wort, das ganz sicher nicht in meinem Wortschatz vorkommt."

Der Geschädigte, ein 37-jähriger Schwabhausener, der sich bei der Freiwilligen Feuerwehr Oberroth engagiert, erinnert sich indes gänzlich anders an den Vorfall. Er habe in Einsatzkleidung die Fronleichnamsprozession gesichert, als ein Auto etwa einen Meter vor ihm zum Halten gekommen sei. Der Fahrer habe gefragt, wie lange es noch dauern werde. Als er geantwortet habe "Noch fünf Minuten" habe der Mann wortlos das Fenster hochgefahren und Anstalten gemacht, über den Gehweg an ihm vorbeizufahren. Er sei daraufhin seinerseits auf den Gehweg gesprungen, um ihn daran zu hindern und von der Stoßstange an der Wade berührt worden. Der Fahrer habe nur gesagt: "Ich habe dich nicht gesehen, du Arschloch" und sei weggefahren. Sein Bein habe den ganzen Tag geschmerzt; bleibende Schäden habe er aber nicht davongetragen.

"Wenn es so gewesen wäre, dann würde ich mich entschuldigen", sagt der Angeklagte, der eigentlich von Richter Calame die Zeit bekommen hat, dem Geschädigten Fragen zu stellen. Das tut er kaum, sondern führt weiter seine eigenen Standpunkte aus. Zum Schluss sagt er zu dem Geschädigten noch: "Ich erwarte, dass Sie das beim nächsten Mal anders machen."

Der einzige Zeuge, ein 17-jähriger "Feuerwehrspezl", kann sich anders als noch bei seiner Zeugenaussage bei der Polizei nicht mehr an viel erinnern. Er sagt, er habe nur gesehen, dass sein Kollege von dem Auto weggesprungen sei. Darauf, ob das Auto gerollt ist oder nicht, will er sich nicht mehr festlegen.

Dem Gericht ist er daher keine große Hilfe, denn auch nach seiner Anhörung steht weiter Aussage gegen Aussage. Und so seien auch nach durchaus glaubhaften Schilderungen des Geschädigten "Restzweifel" geblieben, sagt Richter Calame. Man könne sich zwar vorstellen, dass der Angeklagte, der vom Naturell jemand sei, der gerne "andere maßregelt"sich wie beschrieben verhalten habe. Die Mittel, das zweifelsfrei zu beweisen, jedoch fehlten.