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Prittlstock-Konzert in Dachau:Eine ehrliche Stimme

Prita Grealy hat erst vor sechs Jahren angefangen, richtig Musik zu machen - ein großes Glück für das Publikum.

(Foto: Toni Heigl)

Prita Grealy begeistert im Café Gramsci mit unverstelltem Blues-Pop und klarer politischer Haltung.

Es gibt viel über Prita Grealy zu sagen. Dass sie in eine Schublade passt, gehört sicher nicht dazu. In ihrem geblümten Kleid mit der schwarzen Strumpfhose wirkt sie mädchenhaft. Sie lacht viel, ist gelegentlich ein bisschen aufgeregt. Sie ist das Mädchen von nebenan. Bis sie zu singen beginnt. Über ihre Musik sagt die 36-jährige Wahl-Berlinerin, sie sei eine Mischung aus Hip Hop, Soul und Folk. Beim Saisonauftakt der Prittlstock-Reihe im Café Gramsci am Freitagabend zeigt die Australierin vor allem eins: Echte Musik.

Keine Geste ist aufgesetzt, keine Geschichte dient der Selbstdarstellung, kein Song ist überladen mit Effekten oder theatralischen Texten. In Prealys Performance steckt eine Klarheit und Ehrlichkeit, die so manch berühmter Künstler auf den großen Bühnen der Welt vermissen lässt - und eine bemerkenswerte Vielseitigkeit. In manchen Songs klingt eine lebendigere Norah Jones durch, in anderen eine ernsthaftere Katie Melua, oft die soulige Stimme einer Joss Stone. Dennoch bleibt Grealy ganz sie selbst. Ihre Musik wird ohne viel Schnickschnack getragen von dem Leben, das in ihrer Stimme liegt. Jeder Kubikzentimeter des Raumes ist von ihr erfüllt: voluminös, kraftvoll und gleichzeitig zart. Immer wieder, wie bei "I got the Fire", blitzen Soul und Blues-Klänge auf. Das sind Prealys intensivste und authentischste Momente. Dann ist das Publikum ganz nah bei ihr. Als sie bei "Get out of Your own Way" zum einzigen Mal am Abend ihre Hip Hop-Ader zeigt, beginnt auch der letzte Zuschauer im Gramsci auf seinem Stuhl zu wippen.

Wo bei anderen Sängern die Stimme mit steigender Tonhöhe hart wird, wird sie bei Prita Grealy weicher. In zwei Stunden verfehlt die Sängerin keinen einzigen Ton. Ein Glück, denn sie hat nicht viel, hinter dem sie sich verstecken kann. Ihre einzige Unterstützung sind ein Loop-Pedal und ihr "Stück Holz aus Australien" für die Beats. Mit dem Pedal nimmt sie sich selbst auf und spielt sich später ab, als stünden hinter ihr auf der kleinen Bühne drei Backgroundsängerinnen und ein Beatboxer. Unbemerkt schleichen sich die Loops in die Songs, wo sie einen tiefen Teppich aus Rhythmen und Harmonien weben, der den Zuschauern Gänsehaut über die Arme laufen lässt. Wer die Augen schließt, kann hin und wieder alles um sich herum vergessen, umschlossen von den drei- und vierfachen Schichten der Melodien.

Wie alle Musiker singt Prita Grealy von Trennungen und Enttäuschungen, von gebrochenen Herzen und Heimweh. In einem sympathischen Mix aus Englisch und Deutsch erzählt sie von ihrem Großvater, mit dem sie mitten im Nirgendwo auf einer Farm lebte, von der Hochzeit ihrer Schwester mit einem Aborigine in der australischen Wüste, und von ihrem ersten kaltgrauen Winter in Berlin, fernab der heißen Sonne ihrer Heimatstadt. Immer wieder tauchen in ihren Songs die Aborigines auf, wird Kritik am vergangenen und heutigen Umgang der Australier mit dem Urvolk ihres Kontinentes spürbar - genau wie an der Politik gegenüber Flüchtlingen, die per Boot über Indonesien versuchen, Australien zu erreichen, den boat people.

"My family's been here 40 000 years", singt Grealy in der Unplugged-Version, "Meine Familie lebt hier seit mehr als 40 000 Jahren". Und: "Don't tell me that this is not my home. We've been through things you don't even know". "Sagt mir nicht, dass das hier nicht mein Zuhause ist. Wir haben Dinge erlebt, die ihr euch nicht einmal vorstellen könnt."

Es sind einige Überraschungen, die Prita Grealys Musik für diejenigen bereit hält, die sie noch nicht kennen. Wie singt sie in "Wharfie"? Hinter den Menschen steckt immer mehr, als man auf den ersten Blick denkt. Warum diese Frau erst vor sechs Jahren angefangen hat, richtig Musik zu machen, ist ein Mysterium. Gut, dass sie es am Ende getan hat.