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Premiere in Schönbrunn:Klinikclowns auf weihnachtlicher Mission

Die schwindelfreien Klinikclowns Mizzi Mortadella und Bommel sind zu einem Spezialeinsatz am Korbinanhaus des Franziskuswerks ausgerückt. Ihre Mission: Die Bewohner der Pflegeeinrichtung kurz vor Weihnachten bespaßen. Ihre Manege: eine Hebebühne der Schönbrunner Feuerwehr

Von Jacqueline Lang, Röhrmoos

Bommel richtet noch ein letztes Mal seine rot-blau-weiß karierte Tam O' Shanter-Mütze, die danach immer noch etwas schief auf seinem Kopf sitzt, dann nimmt er all seinen Mut zusammen, und klettert auf die Hebebühne. Weil Bommel nicht ganz höhenfest ist, hat seine Kollegin Mizzi Mortadella an diesem Tag neben dem roten Petticoatkleid, den knallbunten Socken und der pinken, flauschigen Badehaube sogar extra ihre weiß-gefederten Rettungsflügel angezogen.

Es kann also eigentlich nichts mehr schief gehen bei ihrer weihnachtlichen Mission. Kaum hat Mizzi um das Geländer ein wenig bronzefarbenes Lametta gehängt und Bommel sich seine Ukulele umgehängt, bewegt sich der Teleskopmast, an dem der Korb befestigt ist, in dem Mizzi und Bommel stehen, mit ein wenig Geruckel auch schon gen Himmel. Mizzi jauchzt fröhlich und winkt eifrig in alle Richtungen. Als sie auf der Höhe des ersten Balkons ankommen, scheint auch Bommels Angst für einen Moment verflogen. Zu sehr freuen sich die beiden, ihr Publikum nach fast neun Monaten endlich wieder einmal zu sehen - von Angesicht zu Angesicht.

Seit März durften die beiden Clowns vom Verein Klinikclowns Bayern das Korbinianhaus des Franziskuswerks Schönbrunn wegen der Pandemie nicht mehr betreten. Die Bewohner der Pflegeeinrichtung sind aufgrund ihres teils hohen Alters - der älteste ist 94 Jahre alt - besonders gefährdet, alle der 72 Bewohner sind zudem geistig behindert und stark pflegebedürftig. Einige der Menschen, die hier leben, nennen das eierschalenfarbene Haus schon seit 50, 60 Jahren ihr Zuhause. Der Kontakt zur Außenwelt wurde zu ihrem eigenen Schutz seit dem Frühjahr auf ein Minimum reduziert. Wegfallen mussten neben vielen anderen Freizeitaktivitäten auch die Besuche von Bommel und Mizzi Mortadella, die sonst alle zwei Wochen mit Clownerie, Musik und Gesang für eine schöne Alltagsunterbrechung sorgten.

Die Wiedersehensfreude bei Bommel und Mizzi ist am Montagmittag deshalb auch unübersehbar. Ihr breites Grinsen lässt sich trotz FFP2-Masken erahnen. Ohnehin haben die beiden sich ihre roten Clownsnasen über die Masken gestülpt. Das sieht so komisch aus, wie es coronakonform ist. Und auch die Bewohner scheinen die Clowns, auch nach all den Monaten, in denen Kontakt nur am Telefon, über Briefen und über den hausinternen Fernsehsender Franz TV möglich gewesen ist, nicht vergessen zu haben: Sie winken eifrig, lachen, klatschen und eine ältere Dame auf der obersten Etage kommentiert das ganze Geschehen auch ohne Unterlass. Dass niemand ihre Sprache versteht, tut ihrer Freude ganz offensichtlich keinen Abbruch. Sabine Grimmer, die Pflegedienstleiterin von St. Korbinian, kann diesen Eindruck nur bestätigen: "Besonders Bommel ist im ganzen Haus bekannt." Entsprechend groß sei die Vorfreude unter den Bewohnern schon seit dem Mittagessen gewesen. Kein Wunder: Die beiden Clowns haben, das merkt man beim Zusehen sofort, ein wunderbares Gespür für die Menschen, die im Haus St. Korbinian leben. "Das kann nicht jeder", sagt Karin Platzer, Pressesprecherin der Klinikclowns. Es geht um so viel mehr, als nur darum, Menschen zum Lachen zu bringen. Es geht darum, sie auch als Menschen zu sehen.

Klinikclowns

Engagierte Unterstützung erfuhr das Unterfangen von der Schönbrunner Freiwilligen Feuerwehr.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Mizzi Mortadella drückt mehrmals auf den Auslöser ihrer Pistole, Seifenblasen fliegen durch die Luft. "Es schneit", ruft sie den Heimbewohnern aus sicherem Abstand zu. Viele von ihnen strahlen über das ganze Gesicht. Offenbar haben sie kein Problem damit, sich die schimmernden Seifenblasen als Schneeflocken vorzustellen. Immerhin kalt genug ist es ja, aber auch das tut der Stimmung keinen Abbruch; alle, die draußen auf einem der Balkone stehen, sind warm eingepackt. Eine ältere Dame im zweiten Stock trägt passend zum Anlass eine knallrote Weihnachtsmannmütze. Als die Klinikclowns nach etwa einer Stunde mit der Hebebühne wieder in Richtung Erde steuern, glaubt man aus der Ferne, die Bewohnerin vor Rührung weinen zu sehen; ihre Unterlippe bebt. Sie stimmt sodann auch sofort ein in die Rufe nach einer Zugabe und da lassen sich Bommel und Mizzi Mortadella natürlich nicht zweimal bitten. Noch einmal singen sie "Oh, du fröhliche". "Alle Chöre, alle Stockwerke mitsingen", befiehlt Mizzi, Widerrede zwecklos.

"Besondere Weihnachten brauchen kreative Maßnahmen", sagt Mizzi Mortadella im Anschluss an ihren Auftritt auf die Frage, wie sie denn nun eigentlich auf die Idee mit der Hebebühne gekommen sei. Immerhin ist ihnen nach zahllosen Clownvisiten mit dieser Aktion so kurz vor Weihnachten noch einmal eine Premiere geglückt. Möglich gemacht hat die unter anderem die Schönbrunner Freiwillige Feuerwehr. Bei denen habe es nur eines Anrufs bedurft, erzählt Karin Kemmitzer, Fundraiserin des Franziskuswerks. Für die "Jungs", wie Mizzi die Feuerwehrler nennt, Ehrensache. Zumal sie ja derzeit sonst kaum etwas machen dürften, sagt Feuerwehrmann Christian Thinschmied. Auch für ihn und seinen Kollegen ist der Auftritt der Clowns daher eine willkommene Abwechslung - den Korb, in dem Bommel und Mizzi auf allen Stockwerken Halt machen, zu manövrieren, ist indes Routine.

Dieter Kugler (CSU), der Röhrmooser Bürgermeister, und Markus Holl, Geschäftsführer des Franziskuswerk, haben sich mit einigen Bewohnern aus den umliegenden Einrichtungen ebenfalls unter die Zaungäste gemischt. Qua ihres Amtes haben die beiden ebenso wie die Feuerwehr ihren Teil dazu beigetragen, dass die etwas andere Weihnachtsfeier so schnell genehmigt werden konnte. "Wo wir als Gemeinde ja sagen können, müssen wir auch sofort ja sagen", sagt Kugler. Es sei toll, wenn man dadurch anderen Menschen "eine Freid" bereiten könne.

Holl hat für das sperrige Teleskopmastfahrzeug der Feuerwehr an diesem Tag extra die Parkplätze der Geschäftsführung direkt vor dem Korbinianhaus räumen lassen. Die Bewohner des Altenpflegeheims seien ganz "besonders gebeutelt" von den vergangenen Monaten, in denen sie auf besonders vieles hätten verzichten müssen, sagt Holl. Deshalb freue es ihn umso mehr, dass die Klinikclowns sie vor dem Ende dieses schweren Jahres noch einmal besuchen. Allerdings hat er auch noch andere gute Nachrichten: Wenn alles nach Plan läuft, sind die Bewohner von St. Korbinian unter den Ersten, die gegen das Coronavirus geimpft werden. Bis 12 Uhr an diesem Montag hätte er, sagt Holl, eine Liste mit ersten Impfkandidaten an das Landratsamt übermitteln müssen. Darunter seien vieler der Menschen gewesen, die jetzt ganz aufgeregt die Show von Bommel und Mizzi Mortadalla verfolgen.

Seit gut zwei Jahren sind die beiden Clowns regelmäßig zu Gast bei den Bewohnern von St. Korbinian. Wie für sie diese etwas andere Clownvisite gewesen ist? "Es war kalt, hoch, aber - da kann ich nur für mich sprechen..." - "Nein, für mich auch", fällt ihm Mizzi ins Wort - "...also für uns war es auch wunderschön", sagt Bommel. Das scheint auch Hansi so zu sehen. Er ist einer der Bewohner aus einer der umliegenden Einrichtungen und hat alles genau verfolgt. Als Karin Kemmitzer ihn fragt, ob es ihm gefallen habe, lacht er so doll, dass ihm die Maske kurz von der Nase rutscht und klatscht in die Hände: "Einmalig, einfach einmalig." Wie recht er damit hat.

© SZ vom 23.12.2020
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