Süddeutsche Zeitung

Premiere:Biss zum Happy End

Die Großproduktion "Haimhauser Ball der Vampire" ist ein so eindrucksvolles wie witziges Theater-Spektakel

Gut möglich, dass es demnächst auf diversen Hallenfesten ebenso wie in angesagten Clubs heißt: "Tanz den Vampir". Warum? Weil der "Haimhauser Ball der Vampire" nur so vor brillanten Tanzeinlagen strotzte, weil alle Akteure mit ungebremster Spielfreude ihr Theater auf Zeit rockten - und weil die Geschichte von den armen Haimhausern und ihren Träumen vom besseren Leben so herrlich schräg und vollgepackt mit Lokalkolorit ist.

Am Freitag war die umjubelte Premiere der jüngsten Großproduktion des rührigen Haimhauser Kulturkreises im Hanielschen Theaterstadl. Mehr als 100 größtenteils ehrenamtliche Mitwirkende auf und hinter der Bühne, in der Technik und beim Catering wieder einmal für ein solches Event zu begeistern, ist an sich schon eine Leistung. Die notwendigen Produktionskosten - die Rede war von einem höheren fünfstelligen Betrag trotz Unterstützung von Gemeinde und Landkreis - aufzubringen, eine weitere. Doch dem Kulturkreis scheint das alle paar Jahre mühelos zu gelingen. So auch heuer wieder mit dem "Haimhauser Ball der Vampire". Geschrieben hat das Musiktheaterspektakel Carsten Golbeck. Regisseur Philipp Jeschek hat daraus eine irrwitzige, action-geladene Show gemacht, mit lockeren Raum- und Zeitsprüngen und ohne Rücksicht auf political correctness. Dieser Ball der Vampire erinnert nur sehr entfernt an Bram Stokers Dracula-Roman oder Roman Polańskis "Tanz der Vampire" und das gleichnamige Musical von Jim Steinman und Michael Kunze. Denn die Haimhauser Vampire, angeführt von der dominanten Gräfin Xaveria von und zu Haimhaus (Marja Leena-Varpio in Bestform) schaffen es zwar mit List und Tücke, die habgierige Dorfgemeinschaft per mehr oder weniger gekonntem Biss in Untote zu verwandeln. Doch wie es dazu kommen konnte, was sich daraus ergibt und wie diese Story endet, ist so extrem abgefahren, so voller Lokalkolorit, dass es eigentlich nur die Haimhauser in einer bewundernswerten Gemeinschaftsleistung auf die Bühne bringen können.

Alles beginnt im Jahr 1950. In Haimhausen herrschen Not und Armut. Wirt Hubert (Sebastian Feldhofer als echtes Mistviech) muss sein Bier mit Wasser strecken, in Uschis Bäckerei gibt es Brot mit dem Hauptbestandteil Sägemehl, in Sepps Metzgerei sind die Hackfleisch-Ingredienzien auch nicht wirklich einer tierischen Spezies zuzuordnen. Da hat die Notgemeinschaft eine blendende Idee: Aus dem heruntergekommenen Schloss soll eine Touristenattraktion werden. Nur Metzgersgattin Gretel, bekennende "Vegetarierin" und mit dem zweiten Gesicht ausgestattet, warnt, allerdings vergebens: Damit werde der uralte Burgfrieden mit den Untoten verletzt, die seit Jahrhunderten in ihren unterirdischen Gewölben Ruhe geben. Die Untoten rächen sich, selbst die unvermeidlichen Vampirjäger, der trottelige Professor Arthur Klemmburg (Willy Kramer; könnte direkt aus dem Polański-Film entsprungen sein) und sein schüchterner Adept Wilhelm (fantastisch elastisch: Stephan Leitmeier) können erst einmal wenig ausrichten. Ob sie letztendlich Erfolg haben und wie das versprochene Happy End aussieht, sei hier nicht verraten. Nur so viel: Das glückliche Ende kommt, aber ganz anders als erwartet. Bis es so weit ist, reißt die aufpeitschende Musik von "Dr. Will & the Wizards" und der "Vampir-Bläser der Haimhauser Dorfmusik" das Publikum von den Stühlen. Es bejubelt die zum fabelhaften "Vampir-Chor" und Ballett mutierten "Stimmbruch"-Sänger und nicht zuletzt jeden einzelnen Darsteller, von denen etliche immerhin im wirklichen Leben schon eine ganze Weile im Erwachsenenalter sind.

Die wundersame Wandlung der rüpeligen Dorfgemeinschaft zu wohlerzogenen, geradezu salbungsvoll palavernden Neu-Vampiren ist eine Schau für sich. Aus der Bissgurkn Genoveva (eine hinreißend rotzige Gabriele Heigl) wird fast eine Lady. Schlossverwalter Vinzenz (Jo Vogl) nebst Gemahlin Franzi (Gabi Niedermeier) machen in jedem Aggregatzustand einen auf bessere Gesellschaft. Sarah, die von Vater und Magd Genoveva übel traktierte Wirtstochter (herrlich frech: Marlene Mercedes Reiser), entgeht zwar den Vampir-Attacken, hat aber partout keine Lust von einer Abhängigkeit in die nächste, nämlich in die vom schwer in sie verliebten und mindestens ebenso verklemmten Wilhelm zu schlittern.

Schlossverwalter Vinzenz nebst Gemahlin Franzi machen in jedem Aggregatzustand einen auf bessere Gesellschaft. Die Dorffrauen Uschi (Angelika Schikowski), Babsi (Sandra Prandl) und die vegetarische Gretel zeigen - schlagfertig in jeder Beziehung -, wer wirklich das Sagen hat.

Jonny Weissmüller schwingt als rockender Metzgermeister die Hüften, dass selbst Elvis vor Neid erblassen würde und ist der perfekte Dozent in Sachen "Diskurs über den perfekten Einbisswinkel" für Neu-Vampire. Dienerin Furunkulo (Marlene Mercedes Reiser) kann ihre Verwandtschaft zum Glöckner von Notre Dame und zum Herr-der -Ringe-Gollum nicht leugnen. Gräfin Xaveria jagt in blutroter Robe und mit einem Trumm von Perücke auf dem Kopf das Menschenvolk und die nach ihrer Meinung passende Braut für ihren Sohn mindestens so gekonnt wie sie ihre Stimme in höchste Höhen treibt, wenn einer ihrer perfiden Pläne geglückt ist. Sebastian V. Feldhofer spielt das nur leise revoltierende schwule Muttersöhnchen Johann Wolfgang Amadeus mit liebenswertem Charme - und lässt doch nicht vom eigentlichen Objekt seiner Begierde.

Eindeutige Zweideutigkeiten und Wort und Requisite haben Autor und Regisseur auffällig unauffällig verpackt, diverse Handlungssprünge überwinden sie mühelos, und ob das alles einen tieferen Sinn hat oder auch nicht, ist nach drei Stunden herzhaften Vergnügens sowieso egal. Da gilt nur noch, in den Schlusssong der schrägen Vampirgesellschaft einzustimmen: "Happy End ist, wo der Spaß anfängt." Und der fängt auf diesem Ball der Vampire schon ganz zu Anfang an.

Weitere Vorstellungen: Mittwoch bis Samstag, 3. bis 6. Juli, Beginn jeweils um 20 Uhr.

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Quelle:
SZ vom 01.07.2019
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