Premiere am Samstag:Aschenbrödel reloaded

28 Kinder spielen beim Weihnachtsmusical mit, das die Jugendbühne des ASV Dachau aufführt. Für die Theaterpädagogin Daniela Rothe ist dies Herausforderung und Faszination zugleich

Von Jana Rick, Dachau

Eine alte Theaterredensart besagt, Kinder und Tiere hätten auf der Bühne nichts verloren. Doch wenn das so wäre, dann ginge es auf der Bühne wohl ziemlich langweilig zu. 28 Kinder auf einer Bühne und das Chaos ist perfekt. So erlebt man es auch an diesem Nachmittag im großen ASV Theatersaal, bei der Probe der Jugendbühne. "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" führen die jungen Schauspieler auf, das Weihnachtsmusical zum tschechisch-ostdeutschen Märchenfilm.

Während hinter der Bühne noch die Kinder einzeln und aufwendig geschminkt, frisiert und eingekleidet werden, wuselt der Rest im Saal von rechts nach links. Auf den Tischen liegen Gummibärchen und Salzstangen zur Stärkung verteilt, zwischen Mathebüchern und Winterjacken wird lauthals über die Schule diskutiert. Die Techniker haben Schwierigkeiten mit dem Licht, rufen sich gegenseitig Befehle zu, zwischendurch ein kurzes "Da hinten wird nicht getobt!" an zwei kleine, graue Mäuse mit Schwänzchen. Die Stiefmutter und ihre Tochter drehen sich auf der Bühne wild im Kreis, sodass ihre langen Kleider fliegen, während die Kleinsten gewarnt werden, dass sie, wenn sie ihre Kostüme bekleckern, zum Tellerwaschen bleiben müssen. So wie Aschenbrödel. Diese wird gerade noch vom jungen Regisseur Alexander Langer mit dem Lockenstab bearbeitet. Der Techniker schüttelt den Kopf und spricht von einem "Ameisenhaufen".

Premiere am Samstag: Aschenbrödels Stiefmutter, mit erhobenem Zeigefinger, kennt man aus dem Original.

Aschenbrödels Stiefmutter, mit erhobenem Zeigefinger, kennt man aus dem Original.

(Foto: Toni Heigl)

Aber dann wird die Musik aufgedreht, und es ist schlagartig still im Theatersaal. Jedes Kind lauscht, ist einsatzbereit, wiederholt flüsternd den eigenen Text. Und aus einer lärmenden Kinderschar wird eine professionelle Theatergruppe, die natürlich vor allem eines möchte: Das Publikum begeistern. Genau das möchte auch Regisseurin Daniela Rothe, ausgebildete Theaterpädagogin. Seit drei Jahren leitet sie zusammen mit Alexander Langer die Jugendbühne; angefangen hatten sie mit zwölf Kindern, heute sind es 28. Mit den Proben für "Aschenbrödel" begannen sie im Februar, einmal die Woche, immer eine Stunde lang. Nach den Sommerferien traf sich die Gruppe zweimal die Woche.

Die Rollenverteilung fiel Rothe nicht leicht, schließlich möchte jedes Kind eine wichtige Figur spielen. "Die Rollenverteilung hängt von Größe und Alter der Kinder ab. Und am Schluss muss auch alles optisch passen", erklärt Rothe, betont allerdings gleichzeitig, dass sie immer versuche, jedem Kind gerecht zu werden. "Ich möchte alle spielen lassen", sagt die Regisseurin. Deswegen änderte sie das Stück ein wenig ab, hebt Nebenrollen hervor und lässt auch die Tiere von Kindern spielen. So stehen ein lebendiges Pferd auf der Bühne und sechs weiße Tauben. "Natürlich hat unsere Inszenierung nicht mehr viel Ähnlichkeit mit dem Original", sagt Rothe. Aber genau diese eigenen Akzente seien ihr wichtig, eine Kopie vom Film solle es auf keinen Fall sein. Doch das dürfte beim Betrachten der Gruppe kein Problem sein, denn jedes Kind verkörpert seine Rolle auf eine ganz eigene Weise: Der König wurde zur Königin, der Knecht wird von einem Mädchen gespielt, mit einem dicken Kissen unter der Schürze. Und auch wenn überlegt wird, ob Aschenbrödel am Tag der Aufführung Kontaktlinsen tragen solle, wird sie am Ende eine Brille tragen.

Premiere am Samstag: Bei der Jugendbühne werden auch die Tauben eigens von Darstellern zum Leben erweckt.

Bei der Jugendbühne werden auch die Tauben eigens von Darstellern zum Leben erweckt.

(Foto: Toni Heigl)

Alle Kinder unter einen Hut zu bekommen, fällt der Regisseurin nicht immer leicht. Bei der Altersspanne von sechs bis 17 Jahren kommt es oft vor, dass sich die einen langweilen, während andere überfordert sind. Auch mit der Wahl eines Musicals machte sich die Dachauer Regisseurin die Sache nicht leichter: "Der Gesang ist eine zusätzliche Herausforderung für uns." Um die Kinder optimal auf die Lieder vorzubereiten, kam im Sommer ein Gesangscoach in den ASV. Trotz aller Schwierigkeiten weiß Rothe bei der Frage, was ihr am meisten Spaß mache, nicht wo sie anfangen solle. "Ich finde es faszinierend zu beobachten, wie die Kinder an ihren Rollen wachsen, wie sie Selbstbewusstsein entwickel." Die 13-jährige Hauptdarstellerin Nina Steiner, steht schon mit großer Sicherheit auf der Bühne, seit sieben Jahren spielt sie Theater. Die sechsjährige Lena ist die jüngste im Team, sie spielt mit großer Begeisterung eine weiße Taube, die Aschenbrödel beim Trennen der Linsen vom Mais hilft. Zum Theaterspielen kam sie durch ihren Vater, der selbst auch auf der Bühne des Theaters am Stadtwald auftritt. "Aber ich spiele besser", grinst Lena frech und fliegt über die Bühne davon.

Auch wenn heute Aschenbrödel noch in Socken in der Küche den Boden fegt und der Prinz ausfällt, weil er mit Fieber im Bett liegt, ist sich Rothe sicher, dass bei der Premiere am Samstag, 9. Dezember, 13 Uhr, nichts schief gehen wird. "Es fehlt nur noch der letzte Schliff", erklärt die Regisseurin und rückt der Königin die Krone gerade. Und selbst wenn am Ende der ein oder andere Text nicht sofort parat ist - Rothe sieht es locker und weiß: "Im größten Notfall sind die Kinder wirklich fit im Improvisieren. Sie retten sich dann einfach gegenseitig den Text". Echte Profis eben. Weitere Vorstellungen finden an den Samstagen, 16. und 23. sowie an den Sonntagen 17. und 24. Dezember statt.

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