bedeckt München 20°

Polizei sucht Zeugen:Gefangen im Aufzug

Aufzug am Bahnhof

Die Gemeinde fordert eine Videoüberwachung am S-Bahnhof Hebertshausen. Die Deutsche Bahn wartete bisher noch ab.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Jugendliche sollen immer wieder mutwillig Leute im Fahrstuhl an der S-Bahnstation Hebertshausen eingesperrt haben. Gegen einen 16-Jährigen aus Pfaffenhofen an der Glonn ermittelt die Polizei wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung

Bei den ersten drei bis vier Einsätzen, sagt Feuerwehrmann Martin Gasteiger rückblickend, habe er gedacht, es handle sich um einen Zufall. Dass der Aufzug einen technischen Defekt habe und deshalb immer wieder Menschen darin stecken bleiben würden. Doch immer wieder trafen Gasteiger und seine Kameraden die gleichen Jugendlichen am S-Bahnhof Hebertshausen. Spätesten beim fünften oder sechsten Einsatz wusste er: "Es handelt sich um Manipulation."

Jugendliche sollen in den vergangenen Monaten mehrmals ihnen bekannte, aber auch wildfremde Menschen im Aufzug am S-Bahnhof Hebertshausen mutwillig eingesperrt haben. Aus "Spaß", wie die Polizei vermutet. Offenbar mittels eines speziellen Schlüssels konnten die jungen Männer den Aufzug nach ihren Belieben steuern. Ihre Opfer brachten sie damit in bedrohliche Situationen. Die Hebertshausener und Prittlbacher Feuerwehr musste seit Jahresbeginn mehr als zehnmal ausrücken, um Personen aus dem Aufzug zu befreien. Der jüngste Vorfall ereignete sich erst am Donnerstagnachmittag, als die Feuerwehr einem Menschen zur Hilfe eilen musste, der im Aufzug festsaß. Jedes Mal seien die gleichen Jugendlichen beteiligt gewesen, sagt auch der Hebertshausener Kommandant Matthias Reinhart.

Die Bundespolizei ermittelt wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung. Als tatverdächtig gilt derzeit ein 16-Jähriger aus Pfaffenhofen an der Glonn. Am Freitagnachmittag verschickte die Bundespolizeiinspektion München, die für die Bahn zuständig ist, eine Pressemitteilung, in der sie Zeugen und Geschädigte dazu aufruft, sich zu melden. Demnach sollen ein oder zwei Jugendliche wiederholt Menschen mutwillig eingesperrt haben, darunter ihre Mitschüler, aber auch unbeteiligte Personen. In einem Fall sollen drei ältere Frauen - eine hatte einen Gehstock - gefangen gewesen sein.

Wie gefährlich das war, was die Jugendlichen am S-Bahnhof Hebertshausen in aller Öffentlichkeit und offenbar über Monate trieben, zeigt ein Vorfall, der sich Anfang Mai ereignete. Der Aufzug hätte fast einen 16-Jährigen aus Indersdorf erdrückt, der unter den Aufzug in den Schlacht gestiegen war. Wie die Polizei berichtet, ließ ein tatverdächtiger 16-Jähriger aus Pfaffenhofen an der Glonn den Aufzug nach oben fahren. Anschließend stieg der Indersdorfer unten in den Schacht durch die offene Tür, während der Aufzug über ihm schwebte. Laut Gasteiger konnten die Jugendlichen die untere Tür mit einem Schlüssel öffnen, den auch Rettungsdienste in solchen Fällen verwenden. Woher sie diesen hatten, ist unklar. Der Pfaffenhofener ließ den Aufzug jedenfalls wieder nach unten fahren, als sich der Indersdorfer noch im Schacht befand. "Glücklicherweise kam der Aufzug rechtzeitig zum Stehen. Der Indersdorfer befand sich nun in gebückter Haltung eingesperrt im Schacht", berichtet die Polizei. Anschließend konnten die Jugendlichen den Aufzug nicht mehr bewegen, weil sich dieser mit einer Leiter verkeilt hatte. Sie riefen die Feuerwehr und liefen davon, als auch die Polizei am S-Bahnhof eintraf. Martin Gasteiger, der an diesem Tag im Einsatz war, sagt: "Da denkst du, das gibt's nicht. Wie kommt der da unten rein." Der 16-Jährige hatte Glück. Er verletzte sich nur leicht am Finger.

Warum er überhaupt in den Schacht stieg, bleibt unklar. Die Polizei schreibt im Pressebericht, dem Jugendlichen sei im Aufzug sein Handy aus der Hosentasche durch einen drei Zentimeter breiten Spalt auf dem Boden des Schachtes gefallen. Gasteiger dagegen glaubt eher, es habe sich um eine "Mutprobe" gehandelt. "Oder einfach aus Jux und Tollerei."

Der Aufzug am Hebertshausener S-Bahnhof war durch das mehrmalige Eingreifen der Feuerwehr in den vergangenen Monaten mehr kaputt, als dass er funktionierte. Immer wenn er wieder in Betrieb gewesen sei, hätte es nicht lange gedauert, bis die Jugendlichen wieder zuschlugen, berichtet Gasteiger, der auch zweiter Bürgermeister in Hebertshausen ist. Er sagt, die Gemeinde habe bereits im vergangenen Jahr die Bahn gebeten, die Stelle am S-Bahnhof mit einer Kamera zu überwachen. Der Konzern hätte das allerdings als unnötig empfunden. Gasteiger sagt: "Die Bahn ist jetzt unter Zugzwang."

Diese teilt mit, dass Videoüberwachungen nach datenschutzrechtlicher Prüfung an Bahnstationen möglich wäre und dies bereits an größeren Bahnhöfen oder dort, wo es immer wieder Zwischenfälle gebe, gemacht werde. "Wir bleiben hier im Dialog mit der Kommune", so ein Bahnsprecher, der aber auch sagt: "Tatsächlich ist das mutwillige Einsperren von Personen ein Vorfall, den wir so nicht kennen." Grundsätzlich käme es immer wieder zu Beschädigungen an Aufzuganlagen oder Bahntreppen. Das treffe jene, die auf den Aufzug angewiesen seien, also Menschen mit Handicap oder Eltern mit Kinderwagen. Außerdem koste die Instandsetzung viel Geld, das man lieber in einen besseren Service investieren würde. "Darum verurteilen wir solche Straftaten aufs Schärfste und behalten uns zivilrechtliche Schritte vor - sprich Schadenersatz."

Die Bundespolizei ermittelt nun unter anderem gegen den 16-Jährigen Pfaffenhofener, welcher der Rädelsführer der Gruppe sein soll. Und sie sucht nach Leuten, die seit Jahresbeginn an der S-Bahnstation Hebertshausen im Aufzug feststeckten, insbesondere nach den drei älteren Frauen, darunter eine mit Gehstock. Zeugen sollten sich unter der Telefonnummer 089/515550111 an die Bundespolizeiinspektion München zu wenden.