Poetry Slam Narziss und Vollmund

Zwei grundverschiedene Beiträge zu Schönheit und Oberflächlichkeit führen beim Schrannen-Slam erstmals zu einem Doppelsieg

Von Magdalena Hinterbrandner, Dachau

Wenn er einen Raum betritt, dann müssen die Mütter nicht ihre Töchter verstecken, sondern die Väter ihre Steaks. Und die Vegetarier haben nicht mehr zu sagen als vielleicht "määh". So sieht das zumindest Poetry-Slammer Darryl Kiermeierl, der das Fleisch so sehr liebt. Bei Yannik Steinkeller dagegen geht die Welt unter, er sieht bereits die Zensur am Firmament. Doch die besagte Botschaft des Abends verkündete bescheiden Philipp Potthast: "Ich habe lange darüber nachgedacht. Aber ich bin ohne Zweifel der schönste Mensch der Welt."

Am Donnerstag trafen sich wieder zehn moderne Dichter zum Schrannenslam in der Kulturschranne in Dachau. Die große Beliebtheit des Poetry Slams, dem modernen Dichterwettstreit, zeigt sich auch in Dachau. Der Raum ist voll, alle Plätze sind besetzt. Immer nach denselben Regeln spielt sich der Slam-Abend in der Schranne ab: Die Teilnehmer haben fünf Minuten Zeit, um ihre Texte vorzutragen. Ohne Hilfsmittel wie Verkleidung, Instrumente oder Gegenstände. Es zählt einzig und allein die Poesie des Textes und die Art des Vortrags. Die Lautstärke des Publikum-Applauses entscheidet, welche zwei der zehn Teilnehmer ins Finale kommen. Auch diesmal waren die Themen der Texte bunt gemischt. Manchmal nachdenklich, mal zum Lachen. Oder man bekam es mit der Angst zu tun.

Theresa Sperling rührte manchen Zuhörer zu Tränen.

(Foto: Toni Heigl)

Artem Zolotarov ließ genau diese Emotion zu Wort kommen: die Angst. Komplett schwarz gekleidet stand er dicht vor dem Mikrofon, die Augen fixiert auf das Publikum. "Ich lass' dich die Stille spüren", flüstert er. Und es war still im Saal, so eine gruselige und gespannte Stimmung machte sich breit. Nach dem Text folgte tosender Applaus, so gefesselt hatte Artem die Zuhörer.

Direkt Angst vor dem Alter hat Veronika Rieger zwar nicht, aber Gedanken macht sie sich schon darüber. Mit ihren kreativen Ideen, sich den Seniorenalltag erträglich zu machen, bringt sie den Saal zum Lachen. "Dann will ich ein Gebiss, dass ich den Jugendlichen hinterherwerfen kann, und es ihnen dann in die Ohrwatscheln beißt. Und ich gründe eine Rollatoren-Gang".

Aber wer macht sich schon Sorgen um das Alter, wenn man einfach nur schön ist? Philipp Potthast liebt sich selbst am meisten. Adonis Körper gegen seinen? Pah, nichts! "Ich mache meine Selfies auf Photoshop hässlicher, damit ich einigermaßen normal bin", schreit er und muss dabei selbst lachen. Mit seinem Text kritisiert er stark aber mit Witz die Oberflächlichkeit der Menschen. "Niemand castet den Charakter", mahnt er. Gerade, weil so viel Wahrheit in seinen Worten steckt, wird er ins Finale applaudiert.

Philipp Potthast brachte mit seinem Text über Schönheit den Saal zum Lachen.

(Foto: Toni Heigl)

Schönheit thematisiert auch Theresa Sperrling. Extra aus Nordhorn angereist, erzählt sie von ihrer Mädchen-Theatergruppe. "Jede sollte aufschreiben, was sie an sich schön findet", aber die Seiten blieben leer. Warum? Was zerstört so das eigene Selbstbild? Theresa blickt zurück in ihre Kindheit, und kommt zu einem Schluss: "An alle, die nur auf Äußeres achten: Fickt euch alle!" Viele Augen aus dem Publikum füllten sich vor Rührung mit Tränen. Verdient kam auch sie ins Finale.

Zwei völlig unterschiedliche Texte über die Schönheit, einer witzig und humorvoll, der andere ernst und bewegend. Auch in ihren Finaltexten unterschieden sich die beiden auf ganzer Bandbreite. Texte, die man einfach nicht vergleichen kann. Deshalb gab es an diesem Abend eine revolutionäre Entscheidung: Doppelsieg!